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Kritik

Frieden und Physik

GRATULATION zu dem mit 5000 Euro dotierten Hauptpreis der Hotlist 2014
Hamburg

Auf dem Cover des Buches sieht man einen älteren Herrn mit weißem Bart, Polohemd und Shorts, der etwas ratlos vor einer Kaffeemaschine steht. Der Mann gehört wohl zu den 3200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich am CERN mit Forschungen zur Teilchenphysik beschäftigen. Ein wenig repräsentiert er das Bild, das man von einem leicht alltagsuntauglichen hochkonzentrierten Wissenschaftler hat, und ein wenig korrespondiert er auch mit der Vorstellung des gütigen Gottes als alten Mann mit weißem Rauschebart.

Menschen am Cern 2014

Im Buch selbst dann eine Unmenge Fotografien von Andri Pol, die das Leben und Arbeiten an einer Forschungseinrichtung dokumentieren. Kabelgewirr, überfüllte Kühlschränke, Diskussionsrunden unter Bäumen usw. und sofort. Gepflegte Grünpflanzen in Fenstern aber auch vertrocknete Grünpflanzen, die man wie es scheint, vergessen hat. Fotos an Wänden. Tafeln die mit schwer verständlichen Formeln gefüllt sind. Immer wieder Menschen vor Laptops und Computern. Hippies, Frauen im Sari, Muslime. Piratenfahnen. Ein Querschnitt durch die Menschheit. Alle in angeregte Diskussionen verwickelt oder in Arbeit vertieft. Kaffeebecher. Limonadenflaschen. Räume, die nicht mehr neu aussehen. Spuren einer intensiven Arbeit. Ruhepausen, die Füße auf dem Tisch. Minutenschlaf. Die Räume bieten nicht das Bild steriler Labors, sondern zeigen die Abnutzungserscheinungen von Orten, an denen gelebt und gearbeitet wird.

Es fällt mir schwer, beim Nachdenken über dieses Buch die Gedanken im Zaum zu halten. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Vielleicht hat ja auch elementarphysikalische Forschung viel mit Anarchie zu tun, gedanklicher Freiheit und vor allem Friedensfähigkeit.

Das CERN ist eine Großforschungseinrichtung bei Meyrin im Kanton Genf in der Schweiz. Kernstück ist ein riesiger Teilchenbeschleuniger. Gegründet wurde diese Forschungseinrichtung 1954 und ihr erster Direktor war Felix Bloch. Bloch war ab 1931 Assistent Heisenbergs in Leipzig und musste 1934 vor dem Terror der Nationalsozialisten fliehen. Er ging zunächst zurück in die Schweiz und später in die USA. In Los Alamos arbeitete er mit Oppenheimer an der Atombombe. Die Atmosphäre der Geheimhaltung der Arbeit missfiel ihm und 1943 verließ er Los Alamos. Neben der Erfahrung durch physikalische Forschung also, brachte Bloch auch die der verheerenden politischen Verwerfungen des Zwanzigsten Jahrhunderts mit, und es scheint so zu sein, dass gerade diese Erfahrungen eine Art Basis bildete für die Arbeit an physikalischer Grundlagenforschung.

Einiges davon kommt in Peter Stamms Essay Ein Spielplatz für Riesen, in dem er den Alltag der Forscherinnen und Forscher beschreibt, zum Ausdruck:

Aber noch wichtiger als die Geräte sind die Menschen. Viele meiner Gesprächspartner nennen das CERN ein Paradies.

Ein Paradies also. Ein Zustand vor dem Sündenfall. Und weil es in der Zeit aber kein Zurück gibt, kann es sich nur um einen Paradiesnachbau handeln. Und auch ein Zurück hinter den Sündenfall gibt es nicht. Der Baum der Erkenntnis wird am CERN von der Bedrohung zur Verheißung.

CERN – Welt ohne Grenzen ist denn auch der Text von Rolf Heuer überschrieben, in dem er auf die Geschichte und die wissenschaftliche Bedeutung des Projektes eingeht:

CERN steht nicht still. Die Organisation wird sich weiter entwickeln und die Grenzen des Wissens, der Technik und der kooperativen Grundlagenforschung im globalen Maßstab erweitern. CERN kennt keine nationalen und kulturellen Grenzen. Menschen kommen zusammen, verständigen sich in der universalen Sprache der Wissenschaft und verfolgen gemeinsame Ziele.

Dieser grandios gestaltete Bildband des Schweizer Verlages Lars Müller Publishers entwirft  und zeigt eine Utopie, verkündet die Möglichkeit von Frieden. Gerade jetzt, da es auf Erden an allen Ecken und Enden brennt, scheint mir das von enormer Wichtigkeit.

Andri Pol · Lars Müller (Hg.)
Menschen am Cern
Europäische Organisation für Kernforschung
Mit Texten von Peter Stamm und Rolf Heuer. 295 Abbildungen
Lars Müller Publishers
2014 · 432 Seiten · 50,00 Euro
ISBN:
978-3-03778-262-0, Deutsch

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