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Kritik

Irres Spiel mit Fakten und Fiktion

Angela Steideles „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II.“ ist schwer zu knacken, doch die Arbeit lohnt sich.
Hamburg

SHORTLIST BAYERISCHER BUCHPREIS 2015

Es ist ein verwirrendes Buch, seine Lektüre erfordert echt Arbeit. Äußerlich erscheint es freundlich bis lieblich: auf pinken Grund ist eine Barockfigur in Gold eingeprägt (Buchgestaltung Judith Schalansky). Trotz des ansprechenden Äußeren musste ich mehrere Anläufe nehmen, die Sprache vergangener Jahrhunderte versperrte mir anfangs den Zugang, die relativ kleine Schrift und vor allem Misstrauen gegenüber dem historischen Gehalt. Die Personen existierten alle: Ludwig II., August Hermann Francke, selbst die Titelfigur „Rosenstengel“, besser die Person hinter dem Pseudonym, Catharina Linck. Aber haben sie sich Briefe geschrieben, wie in diesem Buch, auch noch als „Quellen“ bezeichnet, vorgegeben? Hier ist gleich die Antwort: es ist ein rasantes Spiel mit Fakten und Fiktion, und ein irres Spiel mit dem Leser, das die Autorin Angela Steidele da treibt.

Die zwei Handlungsstränge sind im Satzbild farblich unterschieden. Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausgetauschten Briefe über den Fall Catharina Linck in etwas mühsam zu lesendem Bronze und der Briefwechsel Ende des 19. Jahrhunderts um König Ludwig II. in mittlerem Blau. Die bronzefarbenen Briefe behandeln den historischen Fall der Linck, die in Männerkleidern als Anastasius Rosenstengel Erweckungsreligion betreibt, mehrfach in den Krieg zieht, mehrfach die gleiche Frau heiratet und schließlich in Halberstadt nach einem Inquisitionsprozess enthauptet wird. Der blaue Handlungsstrang spielt in Bayern, der junge Irrenarzt Carl Müller soll Beweise zusammentragen, dass König Ludwig seine Amtsgeschäfte nicht mehr ausführen kann. Zur Intrige gehört, dass Müller zunächst nicht weiß, dass seine Berichte dafür missbraucht werden sollen. Der König schenkt seinem Arzt nicht nur vollstes Vertrauen, sondern er hört von ihm auch den sonderbaren Fall der Frau in Männerkleidern aus Halberstadt. Angeregt von diesem historischen Vorbild gleichgeschlechtlicher Liebe diskutieren Patient und Arzt das „Phänomen“ und kommen sich dabei näher. Schließlich zieht Müller die Leiche des Königs und seines vorgesetzten Arztes aus dem später so genannten Starnberger See. Die Cousine und enge vertraute Ludwigs, Elisabeth (Sissi) schreibt in einem Brief an Müller, dass in Wahrheit er den König umgebracht habe, weil er sich nicht zu seiner Homosexualität und der Liebe zu Ludwig bekennen konnte. Spätestens hier weiß der Leser, das entspricht keinesfalls der historischen Wahrheit. Aber spannend ist es doch! Es ist einfach nicht zu leisten, Fakten und Fiktion auseinander zu halten. Angela Steidele hat sich viele Jahre mit dem Stoff befasst. 2004 erschien bereits: „Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“. Für das bei Matthes & Seitz 2015 erschiene Buch „Rosenstengel“ hat Steidele sich von den Fakten gelöst und ein äußerst kunstvolles Gebilde gewebt, deren Übergänge von der historischen Seite zum „Selbstgestrickten“ einfach nicht zu erkennen sind. 

Wie gesagt, man kommt nicht gleich hinein, ich habe etwa 100 Seiten gebraucht, bis der Stoff mich packte. Außerdem erfährt der Leser immer wieder einen Interruptus, wenn er sich gerade in die eine Ebene eingelesen hat und nun wieder in den anderen Handlungskreis gezwungen wird, und immer wieder beginnt das Spiel von neuem. Mein Lesetempo steigerte sich, bis ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Und dann machte ich mich an die schwere Arbeit, Fakten und Fiktion voneinander zu trennen, das schien unmöglich, möglicherweise auch unnötig. Aber da ich selbst für viele Bücher recherchieren muss und mich dieses kunstvolle Gewebe sehr reizte, war es für mich selbst spannend. Außerdem kann ich erst jetzt die Leistung der Autorin wirklich würdigen. Übrigens gibt sie selbst konkrete Hinweise, wo kommt was her und wo wurde dazu gedichtet. Ich fand dies sehr spät. Im Anhang finden sich sowohl eine Bibliografie als auch Kurzbiografien. Da finden sich Hinweise welche Schriften, Briefe und anderes als Vorlage für die jeweilige Person diente, wo mehr oder weniger dazu erfunden wurde. Was für eine Arbeit!

Um das Spiel mit dem Leser perfekt zu machen, hat Angela Steidele ein Vorwort geschrieben, in dem sie sich als Herausgeberin tarnt. Ein altes, immer wieder beliebtes Spiel, Ingo Schulze gab in seinem ersten Buch „33 Augenblicke des Glücks“ vor, das Manuskript von einer Russin zugesteckt zu bekommen, ganz beliebt war dies auch in Romanen des 19. Jahrhunderts. Also als „Herausgeberin“ schreibt Angela Steidele, dass sie das Glück gehabt hatte vor dem Einsturz des Kölner Stadtarchives am 3. März 2009 die Akten des Nervenarztes Carl Müller einsehen zu können und dass bei „Drucklegung“ noch nicht klar war, ob dieser Bestand gerettet werden konnte. Selbst für den Umstand, dass Müller nie in Köln war, findet sie eine nicht von der Hand zu weisende Erklärung. In der Kurzbiografie zu Müller schreibt sie auf welchen Dokumenten Müllers Briefe beruhen, da heißt es: „auf Müllers authentische Berichten über die letzten Tage Ludwig II.“, sowie „überwiegend sind sie erfunden.“ Nun, da war ich zufrieden und meine Bewunderung für die Recherchearbeit und die darauf basierenden Erfindungen der Autorin kennt keine Grenzen! Von den beiden Frauen, die mehrfach geheiratet haben, der als Mann agierenden Catharina Linck und ihrer Frau, um deren Verbindung sich die Briefe in Halle und Halberstadt drehen und deren Geschichte dem Märchenkönig nicht aus dem Kopf geht, von diesen beiden Frauen gibt es keine (erfundenen) Briefe. Dennoch sind sie ständig präsent. Toll.

Angela Steidele
Rosenstengel
Matthes & Seitz
2015 · 383 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-136-6

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