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Kritik

die taubenjahre flogen aus

Hamburg

Nach zahlreichen Preisen, die Anja Kampmann in den letzten Jahren für ihre Gedichte erhielt, legt sie nun ihren Debütband vor. „Proben von Stein und Licht“ versammelt unter anderem einige jener Texte, für die sie etwa mit dem 2. Platz beim Feldkircher Lyrikpreis 2014 oder dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2015 ausgezeichnet wurde.

Kampmann gliedert ihr Buch in fünf Kapitel mit den Titeln „glas“, „kalk“, „eis“, „salz“ und „sand“. Vorangestellt ist das Gedicht „bernstein“, mit dem die Lyrikerin in ihr Buch einführt.

Ich möchte hier den ärgerlichen Verlagstext zitieren, in dem einengend dieses Werk als „Erkundung einer Landschaft“ beschrieben wird.

Viele ihrer Gedichte changieren zwischen Fremdheit und Vertrautheit, zwischen der Wortlosigkeit der Natur und dem poetischen Ausdruck. „Es soll um Horizonte gehen“, um den Horizont, der überall die Welt des einzelnen begrenzt, ihr aber auch einen Rahmen gibt.

Vielleicht wird es gleichgültig, was jener Urheber über ein Buch schreibt, das bei Hanser verlegt wird, Hauptsache Hanser, ein Debüt bei Hanser, das ist nicht nichts, sondern etwas, mehr noch, es ist groß, größer geht kaum! Doch dieser PR-Text ist lieblos, so banal wie nichtssagend, weist eher ab, als dass er zum Lesen animiert. Vor allem aber beschreibt er nicht dieses Buch. Durch solch eine Empfehlung verginge mir augenblicklich jede Lust, „eine junge, neue Stimme der Gegenwartslyrik zu entdecken.“

Ja, man kann diese Gedichte durchaus als Erkundungen bezeichnen, Erkundungen nicht „einer“ Landschaft, sondern vieler Landschaften. Oder präziser: naher und ferner Orte, Landschaften und Ereignisse. Eine Erweiterung des Horizonts, keine Einengung, keine Rahmung und keine poetische Bebilderung.

Kampmann versteht es, mit wenigen Worten Atmosphären zu schaffen. Wenn sie etwa dem kleinen deutschen Ort „meinsdorf“ einen Text widmet, wird die Enge und Einsamkeit zwischen Diskothek und Schweinemastbetrieb, schweigenden Fassaden und Güllekübeln sofort spürbar. In anderen Texten werden Küstenlandschaften verdichtet, Jahreszeiten, die Marsch. Doch schon im oben genannten „meinsdorf“ gibt es plötzlich ein „wanderschild zum jüdischen friedhof“. Man merkt beim Lesen rasch: Bei Kampmann ist keine Landschaft unbefleckt oder unschuldig, ist meist

eine landschaft die daliegt
als wartete sie auf eine brandung

die ihr etwas leben einhaucht
wer über den flächen deutet den wind

all die gewundenen alten geschichten
zeichnen sich in den himmel

Ein Schlüsseltext ist das Gedicht „glace“ im dritten Kapitel „eis“, in dem es heißt:

wir lernen das erinnern und die zeiten
zu suchen im eis partikel und schichten

diese sprachen als hätten sie das zueinander
nie verlernt ...

Viele dieser Gedichte sind politische Gedichte, die sich mit historischen Ereignissen, hier vor allem der Zeit um den 2.Weltkrieg, in verschiedenen Ländern Europas befassen, und ihren Auswirkungen bis heute. Da ist eine Lyrikerin, die auszieht, nicht nur, um zu suchen, sondern mit dem festen Willen, ganz genau hinzusehen und zu finden. Mir war lange nicht klar, was es mit dem ersten Gedicht „bernstein“ auf sich hat, warum Kampmann gerade damit einleitet, dann in das erste Kapitel „glas“ einsteigt, in dem Glas als Stoff keinerlei Bedeutung hat, während es im zweiten Kapitel „kalk“ gleich in mehreren Gedichten vorkommt. Später las ich allerdings, dass jemand „mit geschliffenen linsen maß“ nimmt. Ja, gegen Ende des 17. Jahrhunderts lernte man, Bernstein zu entfärben und als optische Linse zu verwenden. So ist jenes fossile Harz nicht nur Synonym für eine Art Lupe, sondern für Geschichtsmaterial mit all seinen Schichten und Einschlüssen, Harz, das vor allem in jenen Gegenden gefunden wird, die Kampmann betrachtet: Dem Baltikum, Kaliningrad, Polen, Teilen Deutschlands oder Weißrusslands.

Das erste Kapitel „glas“ ist eine poetische Verdichtung von Grausamkeiten. Überzeugend das Gedicht „maribor“:

... und als tito kam die dörfer
und als tito kam die gesunden
männer und die gesunden frauen
und die kinder die ihre hunde an stricken
mit fortnahmen ...

Die Hunde kehrten zurück „mit ihren losen langen stricken“. Kampmann verdichtet hier eines der Massaker der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee unter Tito, die 1945 eine Serie von Kriegsverbrechen verübte - eines der größten Massengräber mit geschätzten 15000 Toten befindet sich in Maribor.

Im Gedicht Minsk wird an das Ghetto Minsk erinnert und die Ermordeten im nahen Maly Trostinez:

... Die Wälder sind tief
keiner geht darin
ohne Grund
...
unaufhörliche Wiederholungen der
Kälte
nicht Wille nicht Erdknochen nur
wie weit kann man laufen
wenn der Himmel sich einwärts biegt Eisregen fasst
die Statik des Himmels der Sterne ...

Auch in den späteren Kapiteln lesen wir Erinnerungs“steine“, etwa im Gedicht „demmin“, einer Kleinstadt, in die während des zweiten Weltkrieges zahlreiche polnische und russische Zwangsarbeiter verschleppt wurden. Nach der kampflosen Übergabe an die Rote Armee und angesichts der Gräueltaten russischer Soldaten kam es zu Massenselbsttötungen – hunderte Personen ertränkten sich in den Flüssen Peene und Tollense:

... der fluss
floss langsam vor sich hin
er schluckte nicht er nahm nur auf

Wichtig ist Kampmann nicht allein die Ausgrabung, die Nachforschung und anschließende Verdichtung historischer Ereignisse, sondern die Frage nach dem: Wie geht man heute damit um? Meist bleibt menschliches Schweigen, das sich auch in der Landschaft, der Natur festsetzt

in diesem licht wo
pappel zeder tanne schweigen

Stille, die um sich selbst kreist, manchmal Geflüster, oft Ratlosigkeit:

... wohin sagst du
sollen wir all dieses zeug und die versäumten
alphabete bringen ...

Oder an anderer Stelle:

das holz ist jung und sagt
dem land nur langsam
es solle heilen ...

Ein Gedicht je Schauplatz ist wenig und manchen Ereignisse hätte die Lyrikerin mehr Raum und damit mehr Breite und Tiefe geben können. Doch sind die Texte dem Titel gemäß „Proben“, wie Resultate von Probebohrungen in Gestein oder Bernsteinfunde, die man am Strand aufliest.

Kampmann beherrscht die Kunst der Verknappung und der originellen, manchmal großartigen Formulierungen. Selten gerät etwas schief oder platt – ich schätze „eine herzschwäche des lichts“ genauso wenig wie etwa den „grellen Brunftruf der Felder“. Unentschieden bleibt die Lyrikerin in der Groß- und Kleinschreibung, wechselt von Gedicht zu gedicht. Zumindest drei deutschen Schriftstellern erweist Kampmann nachweislich ihre Reverenz: Franz Fühmann mit einer Widmung, Bobrowski durch Erwähnung und Oskar Pastior durch ein Zitat ((hügel beg tal).

Was ich im Buch vermisse, ist ein Glossar. Das Gedicht „nowowiejska 38“ ist gewidmet „für Edith Stein“ und im Anhang wird kurz in Leben und Sterben Edith Steins eingeführt. Es gibt insgesamt allerdings nur drei! Anmerkungen. Nichts finde ich hier zu Minsk, dem Ghetto oder Maly Trostinez, nichts zur wechselvollen Geschichte Demmins, Kaliningrads, nichts zu Bernstein, der Glaserzeugung (denn Glas, Sand und Salz ..., aber das führt hier definitiv zu weit), usw. Manches wusste ich, doch ich habe wertvolle Zeit damit zugebracht, mich über all das Verschwiegene im Internet kundig zu machen, hätte mir diese Zeit gern erspart und mich auf die Gedichte konzentrieren wollen. „peene“ ist ein fluss, „nowa sol“ eine polnische Stadt mit belasteter Geschichte, „cassini“ eine Raumsonde, der „waschteichpark“ liegt in Breslau, usw. Was „Parwez“ und „Emnes“ bedeuten, beides sind Gedichttitel, ließ sich trotz langer Suche nicht entschlüsseln. Eine Zeile wie „da sind die echos von josef von fritz“ verstimmt – welcher Josef, welcher Fritz (etwa Friedrich II.? Doch wer wäre dann Josef?). Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kursivsetzungen, doch nur eine ist als Shakespeare-Zitat ausgewiesen. Und der Rest? Ich fordere nicht, jedes Detail im Anhang aufzulisten. In Gedicht „maribor“ ist mit wenigen Worten der Bezugsrahmen abgesteckt. In den meisten anderen Texten allerdings nicht. Das ist Geheimniskrämerei, die nicht dem Gedicht dient, sondern vernebelt. Was schade ist, weil es mich manchmal hinderte, lesend ein für mich stimmiges Assoziationsnetz knüpfen zu können.

Anja Kampmann
Proben von Stein und Licht
Hrsg.: Ursula Haeusgen, Michael Krüger, Wolfgang Matz, Raoul Schrott
Hanser
2016 · 96 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-446-25053-6

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