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Kritik

Das Weiche und das Harte

Eine zweite Stimme zu Anja Kampmanns Gedichtband „Proben von Stein und Licht“
Hamburg

Im Februar erschien nun Anja Kampmanns Debüt-Band „Proben von Stein und Licht“. Darin sind auch Gedichte versammelt, die sie bereits beim Lyrikpreis München, dem Feldkircher Lyrikpreis und beim Leonce-und-Lena Preis las und für die sie schon ausgezeichnet wurde.

Eine aufschlussreiche Beschreibung ihrer Poetik findet sich in der Begründung zur Verleihung des Wolfgang-Weyrauch-Förderpreises beim Literarischen März 2015 wieder. Dort beschrieb die Jury Anja Kampmanns Gedichte als „Versuche der Landvermessung“, bei denen historische und politische Schichten freigelegt werden. Grenzen spielen in ihren Texten immer wieder eine Rolle, die Markierung eines Sprachgebietes, dabei aber auch eine Reflexion über die Position des lyrischen Ichs als Beobachtungs- und Sprecherinstanz. Wenn es in einem ihrer Gedichte heißt

ich als grenze träume, dass ich die pappeln nicht mehr unterscheiden kann

wird diese Poetik spürbar. Tatsächlich finden sich Landschaftsvermessungen direkter oder indirekter Art in den meisten der Gedichte wieder. Dementsprechend stammt auch das Bildmaterial größtenteils aus dem ländlichen Bereich. Ferne, Felder, Himmel, Licht, Bäume und Wind sind nur ein paar der Leitmotive, die den Band durchziehen. Das tastende Auslesen der Erinnerungsspuren innerhalb von Landschaft ist schon im Titel angedeutet. „Proben von Stein und Licht“: Das sind Untersuchungen dessen, was „hart“ und greifbar ist, und dessen, was sich entzieht, dem „Aufsteigen einer ungefähren Sprache“, wie es im Gedicht „leichthin“ heißt. Auch die Namen der Kapitel glas, kalk, eis, salz und sand tragen die Verbundenheit der Gedichte zur Natur in sich.

wir lernen das erinnern und die zeiten
zu suchen im eis partikel und schichten
diese sprachen als hätten sie das zueinander
nie verlernt in ihren blauen häusern.

[…]

Erinnerung ist nichts, was dem Subjekt schlichtweg zufällt, sondern etwas, was durch Erprobung der Wahrnehmung gelernt werden kann. Geschichte wird hier wörtlich genommen und in den Bereich der Geologie übertragen, gleichwohl das Bild poetisch erweitert, indem der Text die Sprachen als Teil der Textur begreift. Sprachen sind in einer Art Urgrund, in ihren „blauen häusern“, noch miteinander verwoben und konserviert.

Der menschliche Einfluss zeigt sich auf wunderbare Weise in einem Gedicht, das den Weg eines Zuges durch eine Landschaft nachzeichnet und das aus den flüchtigen Beschreibungen dessen, was der Zug nur passiert, ein verschwommenes Bild jener Landschaft entwirft. Dabei changiert der Text zwischen der Beobachterposition aus dem Zug heraus und der Position dessen, was beobachtet wird, wodurch nicht nur die Landschaft verschwimmt, sondern auch der Standort des Ichs. Jedoch gibt es auch den Drang, Ordnung zu schaffen.

[…]
Ich fege durch diese Zeiten ein Krümelchen
Glück zwischen dem geschnitten Brot als ihr
am Morgen erwacht ich begreife wie
die Ordnung hier Platz schaffen soll

für die Liebe wo nur die Sauerkirschen gekocht
nur die Kinder mit ihren Schrammen
verarztet werden zum Lärm der Rangier-
gleise die echten schweren Waggons

[…]

Aber:

[…]
Dieser Zug wird die Liebe der Nachbarn
Vergessen den Pfannkuchen die reifen
Pflaumen er wird durch andere Leben
Fahren und zurückkehren zu deinem Tisch

[…]

Konkrete und nostalgisch anmutende Kindheitserinnerungen an Sauerkirschen und Pfannkuchen treffen auf das Atemlose des ewig fahrenden Erinnerungszuges, aus dem heraus betrachtet die Welt sich entzieht.

Das sind ohnehin zwei Pole, zwischen denen diese Lyrik in ihrer rhythmischen Gestaltung oszilliert: Das Innehalten und Greifbarmachen von Erinnertem und die Geschwindigkeit des Vergehens. Daneben ein Wechsel zwischen friedlich anmutenden Bildern und düsterer Motivik:

[…]
in ein inneres Gespräch senkt sich
die Weite mit der Weite
einige rennen darauf sterben verrecken tausende
graben und ziehen Linien aus Draht in die

vereiste Luft in. Die Wälder sind tief
keiner geht darin
ohne Grund
nur stufenweise Geschichte aufgeblättert

die Propeller der Maschinen
unaufhörliche Wiederholungen der
Kälte
[…] .

Das sind gekonnt geschriebene und in ihrer Bildwahl sehr eindringliche Gedichte. Und doch erwischte ich mich dabei, wie ich die Texte nur noch flüchtig zu lesen begann. Die Wortfelder, die da beackert werden, ähneln sich über weite Strecken sehr und auch der Ton variiert selten. Manche Bilder fanden mehr ihrer Wirkkraft und ihrer Aura wegen den Weg ins Gedicht als wegen ihrer Funktionalität im Textgebilde. Viele oft verwendete Bilder wie Himmel, Ferne, Wind und Licht sind im Kontext von Landschaftslyrik sehr naheliegend, und wenn diese nicht unabdingbar für das Gedicht sind, erhält ihre Verwendung einen Beigeschmack von Attitüde.

Norbert Hummelt sagte beim Literarischen März, dass er den Texten nicht traue und glaube, es werde etwas in die Naturbetrachtung „hineingeraunt“ und „hineingeheimnist“. Man kann das z.T. tatsächlich so sehen. Zehn Texte, die alle mit fast identischem Bildmaterial arbeiten, können nicht alle gleichermaßen fesseln.

Unklar geblieben ist mir auch der Wechsel zwischen durchgängiger Kleinschreibung und herkömmlicher Orthographie, wobei die grammatikalischen Besonderheiten (fehlende Kommas z.B.) erhalten bleiben. Es scheint auch kein ersichtliches System zu geben, wann die Texte einen Titel tragen und wann nicht. Die Einteilung in Kapitel suggeriert außerdem Zäsuren, die an den Texten nicht ersichtlich werden. Ich muss dazu allerdings einwenden, dass diese formalen Einwände für mich nicht schwer ins Gewicht fielen.

Insgesamt war ich doch zu angetan von der Art und Weise, wie diese Texte (Landschafts-) Räume voller historischer, politischer und persönlicher Spuren eines Ichs öffnen, getragen von einer feinen, rhythmisch durchdachten Sprache. Ein Debüt, das mein Interesse weckte, welche Richtung Anja Kampmanns Poesie in Zukunft einschlagen wird.

Anja Kampmann
Proben von Stein und Licht
Carl Hanser
2016 · 96 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3446250536

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