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Kritik

V-Spirit

Anja Kümmel schreibt sich mit "V" erfolgreich in eine sehr distinkte Tradition ein
Hamburg

"V" also. Mit diesem Titel platziert Anja Kümmel ihren dicken, bei Hablizel erschienenen Roman in eine lange Reihe von literarischen und sonstigen Werken, die sehr ähnlich heissen – es gibt Thomas Pynchons Romanerstling "V.", es gibt das Langgedicht "v." von Tony Harrison, es gibt Alan Moores Comic "V wie Vendetta", ausserdem die klassische SciFi-Serie "V" (nebst Remake aus 2008), den Film zu Moores Comic, diverse Schallplatten, Zeitschriften, Fernsehsender und last, but definately least, "V – Die Verbrauchershow" auf RTL. Natürlich hat dieses spezielle V-Ding noch einen Untertitel, insgesamt heisst das Buch nämlich "V oder Die Vierte Wand", womit uns die Autorin schon im Titel über das weite, unterbearbeitete Feld Pynchon/Harrison/Moore hinaus gleich noch eine zweite Baustelle aufmacht. Wir zitieren dazu Wikipedia:

Die vierte Wand ist die zum Publikum hin offene Seite einer Zimmerdekoration auf einer Guckkastenbühne, also eine nur imaginäre Wand. Sie wurde zum zentralen Begriff in der Theorie des naturalistischen Theaters (...) Eine Figur im Roman oder im Film kann ihre Zuschauer nicht persönlich ansehen und ansprechen, wie es Schauspielern auf der Bühne grundsätzlich möglich wäre. Daher ist es in diesen Medien ein besonders wirkungsvoller Effekt, wenn etwa eine Figur aus der Handlung ausbricht und den für sie nicht sichtbaren Zuschauer vor der Leinwand direkt anspricht. (...) Ebenfalls ein Bruch mit Konventionen ist es, wenn die fiktiven Personen entdecken, dass sie nur Teil einer fiktiven Welt sind (...).

Alles zusammengenommen: Der Titel verspricht sehr viel und sehr Bestimmtes. Ein Erzähltext, der das Versprechen des V-Titels halten will (wenn er sich nicht, und mit guten Gründen, trotzig gegen die Tradition stellen will, die er gezielt evoziert), muss die Fragilität von fortdauernder Identität der Figuren ebenso thematisieren wie die Fragilität objektiver Wirklichkeit, muß Verschwörungen, Gegenverschwörungen und/oder Verfolgungswahn aufrufen, muß den Leser symbolisch zum Mittäter (woran?) machen, darf dabei nicht zu hochliterarisch daherkommen, sollte besser "politisch" auf Seiten der einfachen Leute und räudigen Aussenseiter stehen und muß ausserdem geerdet nicht in irgendeiner "authentischen" Erfahrungswelt, sondern im Referenzsystem der Popkultur sein. Pluspunkt, wenn das Ding Loops und Großvater-Paradoxe aufweist. Zu allem Überdruss insistiert der Klappentext noch darauf, ja ja, sie liege tatsächlich dort oben, die Latte:

Wie ein mehrfach in sich verdrehtes Möbiusband schrauben sich in 'V oder die Vierte Wand' die verschiedenen Zeitebenen und Erzählstrenge ineinander.

Dementsprechend skeptisch beginnt man zu lesen, stolpert erst erwartungsgemäß durch ein paar framing devices –

Was ich jetzt sage, ist nicht für die Cloud. Es ist für mich, Fenna. Ich werde nichts davon teilen können. (...) Der einzige, mit dem ich manches teile, ist dieser schwule Mexikaner. Der vermutlich verrückt ist. Er behauptet, einen Wächter zu besitzen. Oder sogar mehrere, ganz sicher scheint er da selbst nicht zu sein.

... Vorgriffe, gut, soll sein. Auf Seite 15 dann, aus dem inneren Monolog des erwähnten Mexikaners (wobei: weit und breit keine 'Fenna' im Bild), eine erste provisorische Erklärung dafür, welche Kategorie von Sachverhalten die restliche Schwarte bestimmen wird:

schließlich hab ich inzwischen kapiert, dass dies nicht nur ein fremdes land, sondern überdies eine fremde zeit ist. auch wenn ich keine ahnung habe, wie das passieren konnte.

als das schiff in new york auslief, war 1980. jahre müssen vergangen sein, da auf dem ozean. vielleicht sogar jahrzehnte. ich bin nicht sicher, wie viele, und es ist nicht leicht rauszufinden.

Spätestens hier ist man (war ich) einverstanden, sich (mich) dem Sog der absichtsvoll-widersprüchlichen Fährten in den Details von Kümmels Schilderung einer Welt zu überlassen, die aus den Fugen ist; mehr interessiert freilich an der Natur dieser Fugen als an den Motivationen von Kümmels Personal und den vielen, vielen Nebenfiguren mit ihren nebenbei erzählten Stories, die das doch recht laute Hintergrundrauschen des Romans bilden. Diese Gemengelage ist jener in Pynchons "V" nicht unähnlich, und sicherlich kein Zufall.

So sorgfältig dieses "V"-Buch mit Referenzen auf den literarischen Kanon umgeht, so gierig verleibt es sich Zeug aus der Asservatenkammer des Gegenkanons Science Fiction ein; kein einzelner Nerd wird alle Anspielungen auf andere Texte, Comics, Filme, Serien und Musiken finden, die den Roman durchziehen. Diese Anspielungen wirken weniger, als sollten sie an ihrem jeweiligen Platz – als Anspielung genommen – in Bezug auf die "eigentliche Handlung" etwas bedeuten und erklären; sie wirken eher, als hätte die Autorin spaßeshalber die Schreibschwierigkeit erhöht und einen Bonustrack für Genre-Fans eingebaut, der zwar ironisierend die titelgebende vierte Wand durchbricht, aber eben nur für ein paar Eingeweihte; der Bruch selbst fügt der Handlung oder dem konzeptuellen Gebilde "V" nichts hinzu. Wenn ich da beispielsweise lese

Fuck! Fuck! Fuck! Wo bu shin wo dah yan jing! Es kostet verdammte Beherrschung, nicht gegegn einen der wackeligen Schornsteine zu treten (...)

dann freue mich, dass Kümmel offenbar, wie ich, die hervorragende und viel zu früh abgesetzte Serie "Firefly" rezipiert hat; für mein Verständnis des Geschehens im umgebenden Kapitel ist dadurch aber nichts gewonnen. Wie gesagt: Das schadet nicht nur nicht, das zeigt vielmehr, das Kümmel mit Bonustrakcks jonglieren kann.

Diese Rezension hat das auch nur andeutungsweise Beschreiben der dargebotenen Handlung bisher weiträumig vermieden. Das liegt daran, das ich zu doof bin, nach einmaligem Lesen eine angemessen *knappe* Version des Plots hier herzuschreiben, die mehr verraten würde als das Zitat "des Mexikaners" (oben) und die Liste der Anforderungen, die Kümmel sich mit diesem ihrem Titel selbst gestellt hat (noch weiter oben). Es sollte an dieser Stelle reichen, zu sagen: Ja, sie wird diesen Anforderungen gerecht. Gelegentlich ist das Buch ein bisschen eitel und gefällt sich gar zu gut darin, klug und überdreht zugleich zu sein; aber solche Eitelkeit erscheint mir hier durchaus wohlverdient.

 

Anja Kümmel
V oder Die Vierte Wand
Hablizel Verlag
2016 · ca. 380 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-941978-22-5

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