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Ann Cotten kann alles. Den gewichtigen, gichtigen hellenistischen Dichtern, z.B. x und y, galt es als die höchste Kunst, widerstrebende Nomenklatur ins stärkstens gekrümmte Metrum einzuspannen, z. B. die Namen von Bäumen in den Galliamb. Auch bei Ann Cotten spielen Bäume eine wichtige Rolle, das Wurzelwerk des Internets oder der Blätterwald am Rande des Boulevards, die Na-Presse, die Zy-Presse, die dritte ist mir entfallen, und sie fungieren als Planken im Rumpf ihrer Spenserstrophe. Alles spricht also dafür, Ann Cotten in die hellenistische Zeit zu datieren, vielleicht könnte es sich bei ihr sogar um die verzweifelt gesuchte Korinna (ev. 3. Jh. v. Chr.) handeln. Folglich entzieht sich zwar kein sprachlicher Wirrwarr ihrem Griff, ist ihr Griechisch aber auch schwer zugänglich. Der Chor der panegyrischen Kritiker befindet sich deshalb in der gar nicht ungewöhnlichen Zwickmühle, dass er sich einerseits verblüfft um Ann Cottens lyrisches Abrakadabra gruppiert, andererseits aber gar nicht versteht, was die Zaubersprüche besagen. Der Auswege sind zwei, entweder bass die Lorbeerblätter auszustreuen, wie in Mutters Sauce bolognaise, oder den Text germanistischen Methoden zu unterwerfen, wie Jason den sprühenden Ochs. Der dritte Weg wird hier beschritten, er ist mir entfallen.

Was kann Ann Cotten? Wohin die Queen ihre Flotilla von Spenserstrophen aber nur ziehen lässt... Ins Schattenreich. Hier tummelten sich zunächst all jene Kapriolen, Brüche, Freiheiten, die seit Thomas Klings Tod ihr Schattendasein fristen mussten. Doch Ann Cotten hat alle Hundertarmer entkettet und das titanische Suppenhuhn der betulichen Lyrik sah nun in die Schlünde dieser Menschenfresser / wie in den eines Bulldozers ein Kitz. Zum anderen erlagen im Schattenreich die Dissoziierungsprogramme des Netzes ihrer eigenen ewigen Wunde der Dissoziierung: Denn das Netz, sage ich, hat die Welt vollends umgekrempelt, weshalb mir nichts bleibt, als mit einer lila Punkfrisur in den coupierten Parks der digital natives zu promenieren. Jedenfalls hat Ann Cotten auch diesen einsam Verwundeten Kompressen aufgelegt, auf dass die Dissoziierung ihre epische Form finde und alle Welt wieder heil vor uns im heiligen Gewand der vollendeten Kunst erstünde.

Was kann Ann Cotten nicht? „Bekanntlich zieht sich durch jede goldene Schale ein feiner Riss. Die Weltbezüge in diesem Versepos wirken forciert. Hie und da schminkt sich das lyrische Ich zur Elfriede Jelinek, prangert die nationale Rechte, die verdummte Presse, den Chauvinismus an, nun gut, zu recht, aber hätte man all das in diesem Rahmen sagen müssen? Vielleicht! Aber dann wäre etwas mehr gedankliche Schärfe jenseits standardisierter Denkfloskeln ganz apart gewesen, zudem etwas mehr poetische Vehemenz in diesen Belangen. Irgendwo im Labyrinth der dichterischen Raffinesse ist uns das inhaltliche Interesse abhanden gekommen.“

Alles kann Ann Cotten. „Die Weltbezüge wirken forciert, weil sie forciert sind. Man vergesse nicht, dass das Epos auf einer Insel spielt! Eine Fernsehmoderatorin wird des Geschlechtsverkehrs mit einem Mädchen überführt, mit Meyers Konversationslexikon ausgestattet auf eine Insel verbannt und dann... Die Welt des Gedichts hat sich von der Mutterwelt abgenabelt, als letzte elterliche Botschaft brandet nur noch Plastikmüll an die Küste, Banalitäten und banale Reaktionen auf diese Banalitäten, aus denen die Inselbewohner sich ihre gesamte Wohnzimmerausstattung basteln müssen. Das Konversationslexikon gibt so viel Halt, wie ihn eine Liste eben geben kann, gerade genug, um auch noch ins Wohnzimmer mit einzuziehen. Aber so ist sie ja auch, die Welt, nämlich unsere! Der Wirrwarr hat uns im Griff, und wir fuchteln mit der Fliegenklatsche halbgarer Gedanken um uns, als könnten wir ihn abwehren. Es bleibt einem nur, sich dem Wirrwarr als Medium zu überlassen, in seinem Griff zu tänzeln, bis er apart atonal zusammenstimmt, seine dissoziativen Neigungen zu seiner Form werden zu lassen; so hält ihn Ann Cotten zuletzt im Griff, im Griff der Spenserstrophe.“

Ann Cotten
Verbannt!
Versepos
Suhrkamp
2016 · 168 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3518071434
Erstveröffentlicht: 
Lamoryanz, 15. August 2016

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