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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Die letzten Kriegsgefangenen

Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verhandelt der Tagungsband „Eine Debatte ohne Ende?“ den Umgang mit Raubkunst neu.
Hamburg

Expressionstische Gemälde von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner oder Emil Nolde, die vor dem Zweiten Weltkrieg einige hundert D-Mark kosteten, spielen heute unter Umständen mehrere Millionen Dollar ein. Welche Odysseen diese Werke hinter sich haben – und vor allem: wem sie einst gehörten – wurde bei solchen Transaktionen lange Zeit geflissentlich ignoriert. Obwohl, oder vielleicht gerade weil bei diesen Gemälden der Verdacht auf Raubkunst nicht unbegründet ist, wie die „Causa Kirchner“ aus dem Jahr 2006 zeigt. Die Entfernung von Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ aus dem Berliner Brücke-Museum und die Rückgabe an eine Nachfahrin des rechtmäßigen Eigentümers entfachten hitzige Debatten, in denen von Profitgier einerseits, Schuld und Sühne andererseits die Rede war. Einige Ergebnisse dieses Diskurses wurden im April 2007 auf einer Konferenz in Potsdam unter dem Motto „Eine Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum“ zusammengefasst und in einem gleichnamigen Band veröffentlicht.

Schon damals bemängelten sämtliche AutorInnen das langsame Vorankommen der Provenienzforschung vor allem in Deutschland. Zwar hatte die Bundesregierung die „Washingtoner Erklärung“ von 1998 mit unterzeichnet und sich damit zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes verpflichtet, jedoch hat dieser Appell keinerlei rechtlich verbindlichen Charakter. Somit sind die Opfer des damaligen Kunstraubs auf den guten Willen von Privatsammlern und öffentlichen Einrichtungen angewiesen. Getan hat sich nicht viel. Gerade mal 350 von etwa 6000 Museen in Deutschland haben bislang überhaupt Provenienzrecherchen in die Wege geleitet. Ebenso hüllen sich die meisten Auktionshäuser, die bereits während der NS-Zeit aktiv waren, in Schweigen.
Dass fast siebzig Jahre nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands noch immer kein Ende der Debatte abzusehen ist, zeigt die Neuauflage des Bandes, die von den Herausgebern Julius H. Schoeps und Anna-Dorothea Ludewig überarbeitet und um aktuelle Fälle und Erkenntnisse erweitert wurde.

In den Medien gab es seit 2007 einige Wirbel: 2013 warf der „Schwabinger Kunstfund“ die Frage nach dem Umgang mit Raubkunst erneut auf. Anfang 2014 kam der Film „Monuments Men“ in die Kinos und rückte das Thema ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Dass jedoch auch heute noch viele Museen wissentlich Raubkunst beherbergen und auf der anderen Seite tausende von Kunstwerken von den Erben der ehemaligen Besitzer vermisst werden, wissen die wenigsten.
Mit seinen teils übergreifenden, teils sehr speziellen Beiträgen beleuchtet „Eine Debatte ohne Ende?“ fast alle möglichen Facetten dieses Missstands. Die Analyse Schweizer Restitutionsfälle, die Beiträge zu Raubkunst in katholischen Kirchen oder in israelischen Museen sowie die Anlage zum in Deutschland angewandten „soft law“ dürften wahrscheinlich nur Fachleute interessieren. Dennoch macht gerade dieser umfassende Ansatz den Band zu einem unerlässlichen Nachschlagewerk für alle Museen, Auktionshäuser, Kunsthändler und Kunstwissenschaftler, die sich mit Provenienzforschung beschäftigen. 

Zentrale Forderung bleibt auch in der Neuauflage die „Versachlichung der Diskussion“ – ein Anliegen, das sich denjenigen, die nicht zu den Insidern des Kunstbetriebs zählen, vermutlich erst nach und nach erschließen wird. Sehr gut lesbar auch für Laien sind die Einführung von Julius H. Schoeps, der Beitrag von Monika Tatzkow zur Verstrickung des Kunsthandels in die Enteignungsgeschäfte, die Artikel zur medialen Inszenierung der Fälle Gurlitt und Kirchner sowie der Beitrag von Georg Heuberger, der sich insbesondere mit den ethisch-moralischen Aspekten der Rückerstattung auseinandersetzt.  Beinahe wie der Plot eines Thrillers liest sich  Bogomila Welsh-Ovcharovs „Die Restitution geraubter Van-Gogh-Gemälde im Jahr 1948“, anhand dessen sich die Irrwege dreier Kunstwerke anschaulich nachvollziehen lassen.

Sehr deutlich zeigen die Texte, nicht nur mit welchen Summen, sondern auch mit welchen Ausmaßen wir es zu tun haben: Zwischen 1933 und 1945 wurden etwa 600000 Kunstwerke in Europa ihren einstigen, meist jüdischen Eigentümern abgepresst, beschlagnahmt oder gestohlen. Das gilt nicht nur, aber vor allem für post-impressionistische und expressionistische Werke wie die von van Gogh oder Kirchner. Obwohl ab 1937 „entartete Kunst“ aus deutschen Museen entfernt wurde, fanden diese Gemälde oftmals Eingang in die Privatsammlungen von Nazigrößen oder regimetreuen Kunsthändlern bzw. wurden von diesen teuer ins Ausland verkauft. Eine perfide, scheinheilige Praxis, die bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist. Umgekehrt wurde insbesondere aus Frankreich waggonweise Kunst aus privater und öffentlicher Hand abtransportiert.

Häufige Orts- und Besitzerwechsel sowie das Aussterben der letzten Zeitzeugen sorgen dafür, dass sieben Jahrzehnte später viele Kunstwerke kaum mehr auffindbar sind. Umso skandalöser finden die Konferenzteilnehmer das defensive Gebaren deutscher Museen und das Fehlen eines verbindlichen Raubkunstgesetzes in Deutschland. Oftmals werden Rückgabeforderungen mit dem Verweis auf längst abgelaufene Verjährungsfristen abgeschmettert. Die angebliche „Gutgläubigkeit“ der damaligen Käufer lässt sich heute meist weder eindeutig nachweisen noch eindeutig widerlegen. Dazu kommt die Problematik der Schadensersatz- und Regressansprüche aktueller Besitzer, die sich dafür entscheiden, Kunstwerke an Alteigentümer zurückzugeben und dafür die Verkäufer – meist Kunsthändler oder Auktionshäuser – belangen. „Faire und gerechte Lösungen“ für beide Seiten zu finden, wie die AutorInnen des Bandes fordern, ist somit weitaus komplexer als es auf den ersten Blick scheint.

Inwieweit eine „Versachlichung“ der Diskussion genauso dringend notwendig ist wie die Anerkennung einer kollektiven Verantwortung, zeigt der „Schwabinger Kunstfund“. Hierzu sind insbesondere die Beiträge von Cornelius Gurlitts Anwalt Hannes Hartung und Stefan Koldehoff aufschlussreich. Hartung bezeichnet die Handhabung des Falls als „einzigartige Entgleisung“; Stefan Koldehoff spricht von einem „geradezu kafkaesken Verfahren“. Scheinheilig und völlig überzogen sei die mediale Hetzjagd auf eine Privatperson, während andere private Sammler und vor allem Museen kaum belangt werden. Die aktuellen Besitzer von Kunst ungeklärter Herkunft als Feindbilder zu inszenieren verstärke nur die Intransparenz und helfe den Opfern nicht weiter.

Die Neuauflage schließt mit einer Rede von Ronald S. Lauder, in der noch einmal die konkreten Forderungen und Vorschläge der AutorInnen im Umgang mit Raubkunst zusammengefasst werden. Die Zerstörung oder Aneignung von Kulturgut müsse endlich als zentraler Teil des systematischen Völkermordes anerkannt und als solcher behandelt werden. Somit wäre die Bereitschaft zur Rückgabe von Raubkunst an die Erben der ehemals Verfolgten oder Ermordeten ein dringend notwendiger symbolischer Akt zur „Wiedergutmachung“ einstigen Unrechts. Lauder findet in seiner Rede klare Worte, die auch denjenigen, die von Museumspraxis und Kunsthandel wenig Ahnung haben, unmittelbar einleuchten dürften: „Nach 70 Jahren ist es höchste Zeit, dass die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs ausfindig gemacht und entlassen werden.“

 

 

Anna-Dorothea Ludewig (Hg.) · Julius H. Schoeps (Hg.)
Eine Debatte ohne Ende?
Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum
Hentrich & Hentrich
2014 · 316 · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-95565-057-5

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