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Kritik

Die Türkei zwischen Gezi und Erdoğan

Karen Krügers und Anna Essers Reportagen erzählen von der Türkei der Gegenwart – faktenreich und mit Hoffnung für eine Stärkung der Zivilgesellschaft
Hamburg

Die türkische Republik gibt es jetzt gut neunzig Jahre. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg auf einem Teilstück des zerfallenen, multiethnischen Osmanischen Reiches gegründet. Aus Angst vor dem Zusammenbruch des jungen labilen Staates wurde der türkische Nationalismus massiv gefördert, und alle Sprachen, die nicht Türkisch waren, verboten – den nichttürkischen Ethnien, wie Kurden, Griechen, Armeniern, Juden, wurde ein groteskes Türkentum aufgezwungen, und wer sich nicht dazu bekennen wollte, unterdrückt, verfolgt, verhaftet, getötet.

Immer noch ist die Türkei ein zerrissenes, im Umbruch steckengebliebenes Land. „Die neue Türkei“ Erdoğans ist außenpolitisch isoliert, leidet unter einer stagnierenden Wirtschaft, Landflucht und neuerdings auch wieder unter Terrorismus und Bürgerkrieg. Statt die Gräben zwischen Säkularen und Gläubigen, den verschiedenen Ethnien und sozialen Milieus zu schließen und allen Partizipation, Entfaltung und Entwicklungsmöglichkeiten zuzugestehen, hat die AKP diese immer mehr vertieft.

Woran Erdoğans Türkei vor allem leidet, ist ein gewaltiges Demokratiedefizit. Nach der Entmachtung der alten kemalistischen Elite ist jetzt ein neuer Machtblock Privilegierter entstanden, der die Züge einer nespotischen Oligarchie angenommen hat. Symbol dieser Entwicklung ist Erdoğans Prunkpalast, ein Schwarzbau in einem unter besonderem staatlichen Schutz stehenden Naherholungsgebiet Ankaras. Aller Protest und sogar ein Urteil des obersten Verwaltungsgerichts gegen den Bau wurden ignoriert.

Aber große Teile der türkischen Gesellschaft, vor allem die jungen, gut ausgebildeten Türkinnen und Türken, die in den großen Städten leben und den neuen Mittelstand bilden, sind nicht länger bereit, diese Willkür hinzunehmen. Das haben nicht nur die Gezi-Proteste im Sommer 2013 gezeigt, sondern auch die Wahlen in diesem Frühsommer, bei der Erdoğans AKP nach zwölf Jahren die absolute Mehrheit verlor, das junge, breite prokurdische Bündnis HDP (Demokratische Partei der Völker) aber erstmals über die Zehn-Prozent-Hürde kam. Inzwischen haben Neuwahlen, die aufgrund des Nichtzustandekommens einer Mehrheitsregierung notwendig waren, das optimistisch stimmende Wahlergebnis revidiert. Die AKP hat erneut die absolute Mehrheit gewonnen, und die derzeitige Politik Erdoğans mit Blick auf Kurden, Syrien und die innertürkische Opposition ist alles andere als ermutigend – sie marschiert vielmehr raschen Schrittes gen Sicherheitsstaat, Personenkult und Diktatur.

Dennoch gibt es Hoffnung. Seit den Gezi-Protesten ist Politik zu einem öffentlichen Thema geworden und hat sich eine Zivilgesellschaft gebildet, die sich als kräftig erlebt hat, auch wenn sie letztlich der staatlichen Gewalt erlag. Es wird nicht mehr geschwiegen zu Übergriffen der Polizei, staatlicher Willkür, Umweltzerstörung und Korruption. Die sozialen Netzwerke umgehen die Zensur und verbreiten unterdrückte Nachrichten. Nach der Verschärfung der Internetzensur und der Sperrung des Dienstes Twitter brach eine Protestwelle los. Vielerorts haben sich lokale Initiativen gegründet, wird demonstriert und direkte Demokratie in offenen Foren geübt. Die dort gesammelten Erfahrungen der Selbstermächtigung lassen sich nicht rückgängig machen, auch wenn die staatliche Repression zunimmt.

Die Journalistin Karen Krüger und die Mitarbeiterin des Istanbuler Goethe-Instituts Anna Esser haben sich auf Recherchereise durch diese zerrissene, um ihren Weg kämpfende Türkei der Jungen gemacht und einen Band mit Reportagen veröffentlicht, der die tagesaktuelle Berichterstattung weit hinter sich lässt. Beide Autorinnen sind in Istanbul aufgewachsen und haben dort Abitur gemacht. Sie kennen also nicht nur Land, Leute, Geschichte, Literatur, Kunst, Alltagsleben, sie sind, obwohl Ausländerinnen, auch selbst Teil der jungen türkischen Generation und haben ihren Weg über die letzten 25 Jahre aus nächster Nähe verfolgt. So können sie über die Istanbuler Kunstszene ebenso kenntnisreich und anschaulich schreiben wie über die beliebten Daily Soaps im türkischen Fernsehen, über das junge türkische Liebesleben und den schwierigen Abnabelungsprozess von den Eltern wie über Istanbuler Fußballklubs, die Armeemüdigkeit der Jungen, Gewalt gegen Frauen und den Griff zum Kopftuch der Mädchen.

In ihren Reportagen verschränken sie einfühlsame, manchmal komische, manchmal traurige Porträts gekonnt mit Fakten und Hintergrundwissen. So entsteht ein vielschichtiges Bild, das nicht nur die schöne, glatte Oberfläche der Tourismus-Türkei zeigt oder die eskalierenden Konflikte, die es in die Nachrichten schaffen. Ihre Reportagen erzählen die vielen Geschichten dazwischen, sie sind genau beobachtet, gut geschrieben, frei von Klischees.

Die Türkei steht am Scheideweg. Die jüngsten Entwicklungen dort wie in den Nachbarländern geben nicht gerade Grund zur Hoffnung, dass die Brücke zwischen Europa und der islamischen Welt ausgleichend auf die Krisenregion Naher Osten wirkt, Frieden und Demokratie befördert. Umso wichtiger ist ein Buch wie das von Karen Krüger und Anna Esser, das von den Gegenkräften erzählt, sie dadurch stärkt und zu ihrer Unterstützung durch eine interessierte, sympathisierende Öffentlichkeit beiträgt.

Anna Esser · Karen Krüger
Bosporus reloaded
Die Türkei im Umbruch
Aufbau Verlag
2015 · 335 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-351-03622-5

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