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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Was prasselt da ...

... in „Tomorrow‘s World“? Anna Hetzers Lyrikdebüt „Zwischen den prasselnden Punkten“ gibt uns nur, äh, *punkt*uell Auskunft.
Hamburg

Der vorliegende Band hat vier namenlos durchnummerierte Kapitel, ein Motto (Bereits anzitiert: „Why are you sleeping in tomorrow‘s world“ [Ladytron: Playgirl]) und zahlreiche Illustrationen von Asuka Grün. Diese schwarzweissen Abbildungen, ungefähr Holz- oder Linolschnitte (was weiss schon ich), deren gegenständliche Darstellungen sich aus vielen dünnen Linien zusammensetzen, gehören stets eindeutig zu einem bestimmten Gedicht und kommentieren, oder vielmehr, präzisieren es: Ja, es gilt diese Lesart, nicht jene andere ...

Wir haben also „Punkte“ im Buchtitel und in den Trenndoppelseiten zwischen den Kapiteln; Linien im Stil der Illustrationen; fehlt nur noch die „Fläche“, und wir hätten den Titel von Vassily Kandinskys berühmter Programmschrift über Modi der bildenden Kunst beisammen. Ob wir die Texte in diesen Slot ablegen dürfen – Dimensionssprung Sprache? Dann hieße das auch, der Band legt Leiselesen, Graphischlesen, legt das Gegenteil von Textperformance zumindest nahe. Oder läuft alles dieses schon unter „überaktive Mustererkennung“?

Der Titel jedenfalls gibt uns eine eindeutige Leseanweisung mit auf den Weg und warnt uns: was wir zu lesen bekommen, wird „zwischen den prasselnden Punkten“ spielen. Gegenstand der Anschauung werden also Momentaufnahmen sein, Fragmente von Eindrücken, „Punkte“ eben, aber das, worum es „eigentlich“ gehen soll, das ist die Leerstelle zwischen ihnen. Nun ist eine Übungsangabe wie diese hier sehr bequem für die Verfasserin; in die vorweg beschriebene Anordnung lässt sich bald mal etwas „einfügen“. Solange der einzelne Text bloß ein „Punkt“ und für sich genommen uninteressant ist, kann Kritik am einzelnen Gebilde dementsprechend allzeit abgewiesen werden, während Lob, wenn so ein Gedicht dann doch für sich steht, gleichwohl kleben bleibt.

Der Klappentext (nein: Der Text auf der hinteren Umschlagseite – die Klappen sind leer) verspricht uns „Idylle[n]“, die „von Doppelbödigkeit heimgesucht“ werden, und, dass Hetzer „kein Wort zuviel“ sage. Zweiteres stimmt, von ersterem merke ich dagegen nichts, zumindest in der ersten Hälfte des Buches. Tatsächlich breitet Hetzer mit jeweils sehr wenigen Worten sehr viel an Situation, Szenario, Landschaft aus; auch: sehr Nachvollziehbares. Klar, in der Gattung der Lyrik ist das *Verhältnis* von Zeichen und Bezeichnetem die Hauptsache, und diese Hauptsache wird in Hetzers sagen wir origami-hafter Verpackungs- und Verfaltungskunst gekonnt dargeboten, aber: „Doppelbödig“? Wenn etwa das zweite Gedicht des Bandes so lautet –

STRANDBAD

im strandbad wasserspiegel
prüfen das gesicht
der mund, der sich öffnet.
wie alt die kiefern sind.
einige badetücher
überlappen einander
saugen den sand auf
sind nass
liegen nachts noch
im schein
der schattenwerfer.

– dann gilt es den Verlagsverantwortlichen hoffentlich noch nicht als „doppelbödig“, wenn wir instand gesezt werden, ungefähr (in umgekehrter Reihenfolge des Auftretens im Text) zu lesen:

(a) Gerade, weil da Lampen stehen, scheint alles ins Dunkle getaucht; der planvolle Eingriff in einen „Naturzustand“ bewirkt das Gegenteil dessen, was er will; Pläne also sind doof. (b) Irgendwelche Leute lassen ihre Badesachen über Nacht im Standbad, wohnen also in der Nähe, bilden eine Familie o.ä. (wäre dies ein Urlaub, wären die Leute jung und/oder die Verpaarungen / Verrudelungen / Lebensvollzugsmodi noch *in flux*, sie ließen nix liegen, sie wüssten nicht sicher, ob sie wiederkämen). (c) Im Lauf des Lebens wird alles immer „sandiger“, gichtiger, schwieriger, entfernt sich von seiner Bestimmung / Gestalt (in diesen nass-sandigen Handtüchern liegt eine ganze Theorie des Ich, der wir nicht zustimmen müssen, um sie zu rezipieren). (d) Irgendwem geht das Muffensausen des Altwerdens. ... Und nach Kenntnisnahme dieser vier Punkte sieht man dann noch mögliche alternative Leseweisen, etwa: Vielleicht finden die Handtuchliegenlasser ihr Zeug bloß nicht wieder, weils eben im Schatten liegt; das hiesse, sie wären eben doch Jungspunde auf Party und keine Familie; was dann wiederum in Bezug auf die weiterhin präsente Grundthematik Altern/Lebensplanung die solche oder solche Bedeutung hat ...

Alles dieses ist Verdichtungskunst, der wir applaudieren können, aber: Es ist nicht „doppelbödig“, sondern der Mindeststandard, auf dem ein deutschsprachiges Gedicht im Jahr 2016 funktionieren sollte, zumal, wenn es in einer Serie vorkommt, deren Titel Wert darauf legt, uns zu informieren, hier gehe es um die Zwischenräume kleiner Eindrucksmomente, nicht um irgendwelche großen (Ent-)Würfe.

Zwei andere Methoden, „Zwischen die prasselnden Punkte“ der allerunmittelbarsten Wahrnehmung zu kommen, exerziert Hetzer später im Band vor. Ein Beispiel finden wir in „LUFTBALLONS“, ein Gedicht, dessen Beginn und Ende die folgenden beiden Zweizeiler darstellen –

warum luftballons
nicht heliumkugeln heißen.

(...)

warum fliegen
astronauten zum mond.

Damit ist unterstellt, die Antwort auf eine dieser Fragen sei auch die auf die andere; genauer: Da Luftballons so heißen, weil Sprache nicht exakt, sondern metaphorisch ist, also die Dingwelt der Erzählwut der Menschen angleicht, können wir wissen, dass Astronauten zum Mond fliegen, weil die Menschheit sich die Dingwelt angleicht und (etwa mittels Sprache) Untertan macht – auch und gerade den Mond selbst, den alten dinghaften Springquell der Metaphern. Die fünf Zeilen dazwischen schildern, minder relevant, den Vorgang anekdotisch aus, stehen sozusagen zwischen den prasselnderen Punkten. Es ist in diesem Gedicht (im dritten der vier Kapitel), dass sich die angekündigte Doppelbödigkeit mir erstmals zu zeigen beginnt.

Und es ist weitere fünf Seiten später, wenn in „DOLINA SZWAJCARSKA“ (dh: „schweizer Täler“ auf polnisch) folgendes Enjembement zwischen zwei Strophen hängt –

soweit kannst du mich mitnehmen.
zwei putten halten den mund

von reptilien nach oben
das wasser läuft an.

– dass ich endlich aufhöre, mich an der geweckten Erwartung (der Titels, des Klappentexts) enttäuscht zu fühlen. Zwischen dem Ich und Du, die in der ersten dieser vier Zeilen im Auto sitzen und puttenhaft schweigen einerseits, und andererseits den zwei Barockfigürchen am Brunnen (des Zielorts?), die steinerne Drachen (?) bändigen, tun sich tatsächlich doppelte Böden auf.

 

 

Anna Hetzer
Zwischen den prasselnden Punkten
Illustrationen: Asuka Grün
Verlagshaus Berlin
2016 · 80 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3945832127

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