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Kritik

„»Kleist«, »Kafka« und »Goethe« als stabile Signifikanten”

Diskursgeschichte einer Konstellation
Hamburg

„In der Dekonstruktion disziplinierender Meta-Diskurse zeigt xy eine Episteme auf, deren Machteffekte im »Körper« der Gesellschaft zirkulieren.”

Mit diesem Satz veranschaulicht eine bekannte sozialwissenschaftliche Zeitschrift im style sheet ihren Autoren, daß man Jargon bitte vermeiden möge. Eine gute Portion davon gibt es nun bei Anna-Lena Scholz, Kleist/Kafka, eine Diskursgeschichte einer Konstellation, da weiß man schon nach dem Titel ein bißchen Bescheid.

Dabei ist die Konstellation spannend; Kafka umkreiste früh Kleist, beider Ästhetiken sind einander subtil verbunden und gleichermaßen Herausforderung für zumal die französische oder frankophile Literaturwissenschaft und -theorie geworden, wo Scholz sich denn auch umtut, von Kafka und Kleist abgesehen.

In der Folge ergibt sich aus ihren Lektüren mitunter Spannendes, wobei der Jargon übrigens nicht immer stört, die Einleitung – Tweets der Berliner Polizei und ihre Verwandtschaft zu Kleists Anekdoten – gefällt auch stilistisch. Bloß wo das name-dropping überwiegt oder die Theorien aufgefädelt nicht mit dem Text, auf den sie sich ja immerhin beziehen, je gleichsam verzahnt produktiv werden, braucht es Geduld, und zwar dann stilistisch wie den Befund betreffend:

„Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Judith Butler, Gilles Deleuze/Félix Guattari, Jacques Derrida und Gorgio Agamben”,

und dann auch gleich nochmals „Deleuze/Guattari sowie Mathieu Carrière und Paul de Man” … so geht es dahin: Wenn man soviel Theorie hat, plus als Prinzip die „Lust am Text” – da sogar ohne Erwähnung Barthes’ – dann kann auch der „»Verzicht« auf die Texte von Heinrich von Kleist (die Schönheit der Post-Genetiv-Grammatik, Anm. M.H.) und Franz Kafka »selbst«” schon okay sein, oder überhaupt „kein ebensolcher.” Telephonbücher mit Namen, aber ohne Telephonnummer, das wäre demnach eine Marktlücke.

Gut, daß sich Scholz nicht an diese eigenen Vorgaben hält, jedenfalls nicht durchgängig; oder statt der vermißten Verzahnung eine andere bietet: „die Verzahnung von Blumenberg und Foucault” – wovon man lesen will, wenn man ein Buch zu Kleist und Kafka wählt, keine Frage. Für diese Verzahnung reichen dann übrigens zwei Seiten.

Und sowieso: „»Kleist und Kafka gegen Goethe«, […] dieser Satz (impliziert) doch eine zeichentheoretische Grundgewissheit: nämlich, dass »Kleist«, »Kafka« und »Goethe« als stabile Signifikanten für irgendetwas – aber was? – einstehen.” Das ließe sich ja auch mal bedenken, und ist im Telephonbuch eine Nummer mit sich selbst identisch; und »Kleist und Kafka gegen Goethe« überhaupt ein Satz..?

So geht es dahin, klug, kenntnisreich, die Paul de Man-Affäre wird wunderbar wiedergegeben, bloß: Weil irgendwie alles mit allem verbunden ist, gerät nichts mehr in Spannung zueinander. Man könnte an Mayröckers Aperçu durchaus denken:

„Küchenphilosophie :
»alles beziehe sich ja aufeinander!«”

„Zu einem Stand der Forschung kommt man so natürlich nie”, wird Kaube gegen Ende der Exerzitien zitiert; ja, und das mag die Vitalität von Diskursen auch mitausdrücken, aber auch nicht zu einem Beitrag gelangt man so, einem, der sich umreißen ließe – falls er, was ich hier ausdrücklich nicht in Abrede stelle, besteht. Beachtlich der Dank zuletzt, man könne „alleine keine tragfähigen Gedanken fassen”, müsse „vor idiosynkratischen Selbstgesprächen bewahrt” werden: Das weckt die Neugier darauf, was für ein Buch das geworden wären, wenn…

Irgendwie mag ich das Buch, jedenfalls Passagen, ich hoffe, daß das in meiner Rezension nicht unterging. Es ist übrigens auch vom Verlag schön ausgestattet, Castor und Pollux als Umschlag… Ich wüßte nur nicht genau, wem ich es empfehlen könnte. Egal, siehe Telephonbuch … wem aber auch immer: ihm oder ihr durchaus..!

Anna-Lena Scholz
KLEIST / KAFKA
Diskursgeschichte einer Konstellation
Rombach
2016 · 474 Seiten · 71,00 Euro
ISBN:
978-3-7930-9839-3

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