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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Ein Krimi, der keiner sein will

... aber tut wie ein Krimi und doch keiner ist
Hamburg

Ein scheinbar widersprüchliches Phänomen bedroht einen der ältesten Berufsstände am Bodensee. Seit der große Voralpensee als sauber gilt, gibt es weniger Fische. Eine kontrollierte „Düngung“ mit Phosphat könnte den Fischbestand wieder heben und den letzten wenig über 100 Fischern das Überleben sichern, meint der Berufsverband der Bodenseefischer.

Diese prekäre aktuelle Sachlage bildet den Hintergrund für den Roman „Der Gutachter“ der Schweizerin Anna Stern. Schon in der ersten Zeile fällt das Wort Polizeidienststelle, eine Frau meldet ihren Mann als vermisst und es dauert nicht lange, bis man begreift, es ist der Gutachter, der verschwunden ist. Er war gerade dabei, das Gutachten über den See, wie er im Buch heißt, abzuschließen. Was bedeutet der See für Touristik, Wassersport und Fischwirtschaft? Ist die Fischerei überhaupt wirtschaftlich? Schnell kommen also die vier in der Region ansässigen Fischer in den Fokus – haben sie den Gutachter beseitigt, weil sie ahnen, das Gutachten fällt nicht zu ihren Gunsten aus? Nach wenigen Seiten entpuppt der Roman sich als Krimi.

Kommissar Faber befragt die Frau des Vermissten, findet in seinem Unmassen Kassetten. Der Gutachter hatte die seltsame Angewohnheit, eine Art Tagebuch aufzusprechen, geteilt zwischen dienstlichem und privaten, penibel jeden Tag, wie für den Kommissar gemacht. Der merkt dann prompt, dass eine entscheidende Kassette fehlt, außerdem ein Fahrrad und eine Katzen-Skulptur. Immer wieder erscheint eine Stimme aus dem Off, kursiv gesetzt, dort tauchen diese Teile auf: Kassette, Fahrrad, Skulptur. Lange wird der Leser in der Ahnung gehalten, es könne sich bei dieser Stimme um den vermissten Gutachter handeln. Da geht das Problem los, denn die Passagen, die sich Kommissar Faber auf den Kassetten anhört, sind ebenfalls kursiv gesetzt. Abgesehen davon, dass sich das Kursive immer mühsam liest – manchmal wechselt es in einem Satz – kann man darüber streiten, ob so eine bewusste Irreführung des Lesers nötig ist. Erlaubt ist sie wohl.

Anna Stern verwendet viele sehr lange, atemlose Sätze darauf, die Zerrissenheit ihrer Figuren darzustellen. Der Kommissar ist nicht ganz bei der Sache, seine Frau ist ihm abhanden gekommen. Der Gutachter scheint auch zerrissen über die Zwiespältigkeit seines Auftrags. Das könnte ein guter Aufhänger sein. Die in Verdacht geratenen Fischer werden kaum beachtet, nur einer. Dieser geht in die Oper, schreibt Bücher, hat einmal studiert. Und fischt verbissen seit dem Tod seines Großvaters, der ihm anscheinend Boot und Fischereirecht zum Vermächtnis machte.

Es gibt Rezensenten, die es sich zur Ehre machen, die Auflösung des Falls nicht zu verraten. Da dies Buch sich aber Roman nennt und nicht Krimi und der eigentlich interessante Ansatz, den See künstlich zu düngen, damit das Fischereigewerbe nicht untergeht, völlig zur Nebensache gerät, werde ich hier verraten, wer die Stimme aus dem Off ist. Es ist die des Mörders: Der Sohn des studierten Fischers bringt den Gutachter um, um seinen Vater zu retten (obendrein isst er keinen Fisch, sondern Fleisch, was im Roman unnötigerweise negativ konnotiert ist. Warum soll ein Fischerssohn kein Fleisch essen?)

Das ist sehr konstruiert und unlogisch. Aber der Roman will kein Krimi sein. Aber was ist er dann? Eine Psychogrammcollage von Opfer, Mörder und Kommissar? Alle drei Grübler, die an sich und ihrem Tun zweifeln. Es ist schade, dass das gesellschaftliche Problem nur Folie ist und nicht zur Reiz- und Reibefläche wird. Das Potential ist allemal vorhanden: einen See zu düngen, damit ein aussterbendes Gewerbe Bestandschutz erhält.

Da aber im Roman mit allen Versatzstücken eines Krimis gearbeitet wird, muss er auch als Krimi betrachtet werden. Und da wird es nun ganz problematisch. Immer wieder werden Untersuchungen herausgeschoben, weil der Kommissar etwas „übersehen“ hat. Seitenweise gibt es überflüssige Details, dann wieder verfällt das Ermittlerteam in einen Aktionismus, der völlig unglaubwürdig ist. Beispiel: Gleich drei Leute von der Polizei klingeln bei einer Zeugin, von der es heißt, sie könne was gesehen haben, und als sie nicht aufmacht, überlegen sie, die Tür aufzubrechen – statt mal einen Nachbarn zu fragen. Noch ein Beispiel: Nach dem Fahrrad kann nicht gesucht werden, weil die Ehefrau kein Foto davon hat und es nicht beschreiben kann. Am Ende des Buches weiß einer aus der Bürogemeinschaft des Gutachters, der bereits 150 Seiten vorher befragt worden war, dass das Fahrrad eine auffällige Spezialanfertigung war. Ich bin keine Krimispezialistin, aber eine solche hätte sicher das Konstrukt gnadenlos auseinandergenommen.

Ob Roman oder Krimi: Warum ist alles in der Gegenwart geschrieben? Warum nicht den Wechsel aus der Erzählform Vergangenheit in die Gegenwart, um wichtige Passagen heran zu zoomen. Diese Dauerpräsenz der Gegenwart nutzt sich ab, ermüdet. Insgesamt kein Roman, kein Krimi. Nicht Fisch, nicht Fleisch.

Anna Stern
Der Gutachter
Salisverlag
2016 · 240 Seiten · 22,95 Euro
ISBN:
978-3-906195-43-8

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