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Kritik

Vor dem Vergessen

Lyrikdebüt von Anne Dorn
Hamburg

Es gehört verlegerische Kühnheit dazu, eine „Reihe neue Lyrik“ mit dem Gedichtband einer 86jährigen zu starten. Der Poetenladen Leipzig hat diesen Mut aufgebracht, indem er das lyrische Debüt von Anne Dorn „Wetterleuchten“ als Band 1 seiner neuen Editionsreihe vorstellt. Und um es gleich vorweg zu sagen, es ist ein Buch, zu dem man die Herausgeber nur beglückwünschen kann. Freilich ist Anne Dorn keine Debütantin; mit Romanen, Hörspielen, Features und Filmen hat die in Wachau bei Dresden geborene und in Köln ansässige Autorin seit mehr als vier Jahrzehnten von sich Reden gemacht. Doch Lyrik gab es von ihr bisher nur in Anthologien und Zeitschriften.

Spektakuläre Sprachspiele, gewagte Metaphern oder klandestine Grammatik darf man nicht erwarten, dafür Gedichte, die so notwendig und nahrhaft sind wie das tägliche Brot. Oft herrscht ein erzählerischer Ton in den reimlosen Gebilden, die sich eng am Autobiographischen und selbst Erlebten orientieren und dabei eher beiläufig den Blick auf  das 20. Jahrhundert und das Geheimnis von Wandel und Vergängnis öffnen. Jahreszeiten, Geburten, Kindheit, Hochzeiten, Bombennächte, Krankheit und Sterben – all das, was zu einem langen Leben dazugehört, bewahrt Anne Dorn „vor dem Vergessen“, aber auch den nur ihr vertrauten Mikrokosmos, „eine kleine lackbraune Stelle“, „Mücken und Larven“, „ein Trog im Hof“, „ein Stück von einem englischen Stahlhelm, „die schiefgedrückten Kissen“ oder „der Geruch seifiger Feuchte hinter der Tür“. “Geborgenheit“ ist ein Schlüsselwort für Dorns Lyrik, eine Geborgenheit in vertrauten Wörtern, zu denen uns manchmal nicht mehr einfällt, als dass unsere Großeltern sie gebraucht haben. Wer etwa erinnert sich noch an Straßenbahnschaffner? Dennoch hütet sich Anne Dorn vor einer Verklärung der Vergangenheit, immer sind „Furcht und Trost“ nah beieinander, und ein Gedicht mit dem unverfänglichen Titel „Blutsverwandtschaft“ entpuppt sich als Auflistung blutiger und schmerzhafter Ereignisse in der eigenen Sippe: „Zuerst der Vater, wie sie ihm zum sechsten Mal/ den Bauch aufschneiden…“,  es folgen die Fehlgeburt der Mutter, der Großvater, der im Bombenhagel verblutete, der Großonkel, der sich auf die Schienen legte und andere Horrorgeschichten aus der Familienchronik. Am Schluß der lapidare Befund: „Blut düngt./ Wir sollten uns nicht so fürchten.“ Das sind Momente, in denen die heilsamen Kräfte der Dichtung, gleich einem homöopathischen Arkanum, zur Wirkung gelangen.

Jayne-Ann Igel, neben Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner Mitherausgeberin der Reihe, hat in ihrem Nachwort „Partitur des Erinnerns“  Anne Dorn als „eine Sammlerin von Dingen, Augenblicken, Wegen, alltäglichen Gelegenheiten“  gewürdigt und uns die Musikalität ihrer Sprache ans Herz gelegt. Dem muß man nichts weiter hinzufügen.

Anne Dorn
Wetterleuchten
Nachwort: Jayne-Ann Igel
poetenladen
2011 · 80 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-940691309

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