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Kritik

Wie ein Parasit lebte ich von den Bildern

Eine melancholische Liebesgeschichte, die unser binäres Denken auf die Probe stellt.
Hamburg

„Frau oder Priester / Der Blickwinkel entscheidet“, sang Amanda Lear 1978 mit rauchiger, dunkler Stimme – Lear, die als Sängerin, Model und Dalí-Muse bekannt wurde und über deren möglicherweise transsexuellen Hintergrund immer mal wieder Gerüchte kursierten. Ihr Name taucht in Anne Garrétas Debütroman aus dem Jahr 1986 nicht auf, wohl aber der Text und Titel des Songs, nach dem das Buch benannt ist: „Sphinx“.

 

 

„Meine Sphinx“, nennt das Erzähl-Ich in Anlehnung an Lears Disco-Ballade das Objekt seiner Begierde, A***, dessen Geschlecht ebensowenig preisgegeben wird wie das der Hauptfigur. Ist die weibliche Konnotation der Sphinx-Gestalt ein Hinweis darauf, dass A*** eine Frau sein muss? Nicht wirklich. Gekonnt spielt Garréta mit unserem Drang, ein geschlechtliches Koordinatensystem im Text zu errichten, streut hier und da vermeintliche Hinweise aus, nur um sie dann doch wieder zu brechen.

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei geschlechtlich uneindeutigen Personen mögen noch im Jahr 2017 viele Menschen als Zumutung empfinden – 1986 war „Sphinx“ ein echtes Wagnis. Immerhin haben inzwischen Gender Studies und Queer Theory in Europa Fuß gefasst; in bestimmten Kreisen wird über genderneutrale Sprache diskutiert, über Unterstriche, Sternchen, x-Endungen. All das gibt es bei Garréta nicht, denn nur die beiden zentralen Figuren bleiben geschlechtslos. Doch auch dies stellt bereits eine enorme linguistische Herausforderung dar, zumal im Französischen mit seinen vergeschlechtlichten Adjektiven. Die formalen Beschränkungen, die zugleich die Fantasie befeuern, machen „Sphinx“ zu einem geradezu exemplarischen oulipotischen Werk. So wurde Garréta nachträglich in den 1960 gegründeten Autorenkreis Oulipo aufgenommen, dessen Motto „Spracherweiterung durch formale Zwänge“ ihr Debüt voll entspricht. „Sphinx“ ist aber nicht nur ein linguistisches Experiment – wie etwa der von ihrem Kollegen Georges Perec ohne „e“ verfasste Roman „La Disparition“ (1969) – sondern zugleich ein politisches Statement.

„Wer wäre nicht für diese lange Gestalt entbrannt, für diese wie von Michelangelo gemeißelte Muskulatur, die seidige Haut“, schwärmt Garrétas Erzähl-Ich, als es A*** im Eden, einem populären Cabaret an der Rive Gauche, begegnet. Etwas später folgt eine der wenigen physischen Beschreibungen:  „A*** trug an diesem Abend ein schwarzes Seidenhemd und eine Bundfaltenhose aus weißem Leder, die die muskulöse Form der Hüfte betonte. Die Haare, kürzlich für eine Show abrasiert, wuchsen wieder nach und bedeckten den Schädel mit dunklem Flaum.“ Immer wieder testet Garréta die Grenzen der Möglichkeit, einen Körper in all seiner Sinnlichkeit, Erotik, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit zu beschreiben, ohne ihn einem Geschlecht zuordnen zu müssen. Damit führt sie auch uns an die Grenzen unserer binär geprägten Wahrnehmung: Zunächst ist das Leseerlebnis irritierend, vielleicht sogar verstörend; es erscheint uns unmöglich, sich einen geschlechtslosen Menschen vorzustellen. Jedoch setzt im Lauf der Lektüre ein interessanter Prozess ein: Vielleicht stellen wir uns mal einen Mann, mal eine Frau vor, finden das Changieren der Geschlechter unerwartet faszinierend, oder die Uneindeutigkeit normalisiert sich allmählich, lässt gar neue (Körper-)Bilder im Kopf entstehen.

Mit der geschilderten Romanze jedenfalls kann sich wohl jeder, der mal jung war, identifizieren – egal welche Konstellationen wir uns vorstellen. Und mit diesem so simplen wie nachvollziehbaren Exposé packt uns Garréta von der ersten Seite an.

A*** stammt aus New York, ist Schwarz und Star der Tanzrevue im besagten Eden, das Erzähl-Ich weiß und etwa zehn Jahre jünger als A***, zu Beginn der Geschichte Anfang 20: Eine Art queerer Baudelaire (so zumindest in meiner Fantasie), den es ins ausschweifende Pariser Nachtleben der 80er Jahre verschlagen hat. Sein Theologiestudium hat es hingeschmissen und verdingt sich nun als DJ im exklusiven Club „L’Apocryphe“. Schwankend zwischen Fetischisierung und Verachtung alles Fleischlichen, vermischt sich seine Verehrung des Körpers mit jäh aufwallendem Ekel und wiederkehrenden Auslöschungsfantasien. Nacht für Nacht sieht es von seinem DJ-Pult aus „die Welt als Theater, als makabren Ball der Triebe, auf dem Kadaver in Formation tanzten“.

In einem kontinuierlichen Gedankenstrom versichert sich dieses zerrissene Ich seiner selbst, errichtet ein elaboriertes Sprachgebäude, das man wohl „Identität“ nennen könnte – und bleibt letztendlich doch seltsam opak, fast so geheimnisvoll wie die „Sphinx“ A***. Allein schon der Name des Clubs, in dem sich die beiden näherkommen, „L’Apocryphe“, verweist auf das, was nicht nur uns Leser_innen, sondern zunächst auch dem Ich verborgen bleibt. Nimmt man den religionswissenschaftlichen Hintergrund der Ich-Figur hinzu, bezeichnet er auch die aus dem biblischen Kanon ausgeschlossenen Schriften – möglicherweise eine weitere Metapher für Garrétas „nicht intelligible“ Identitäten, die sich (mit Judith Butler gesprochen) einer zweigeschlechtlichen, heteronormativen Matrix entziehen und somit „unlesbar“ sind.

Zwar scheint das Erzähl-Ich eher männlich konnotiert (nicht nur sein Theologiestudium, auch seine Rolle des Eroberns und Besitzergreifens in der Phase des Werbens um A*** scheinen darauf hinzudeuten), doch kokettiert es immer wieder auch mit seiner Androgynität, selbst noch in den melancholischsten Momenten der Selbstzerfleischung: „Wer war ich denn tatsächlich? Transe im Sich-Vergrübeln, Gigolo im Sich-Verlieben“.

Bedauerlich nur, dass dahingegen A*** vor allem durch diverse rassialisierte Zuschreibungen Konturen gewinnt: Während das Erzähl-Ich sich durch Intellekt und Introvertiertheit auszeichnet, erscheint A*** geistig desinteressiert, dafür vor allem auf materielles und körperliches Vergnügen fixiert. Schade, dass es Garréta nicht gelungen ist, sowohl geschlechtliche als auch rassistische Stereotype gleichzeitig zu unterwandern.

So erscheint das Auseinanderdriften des Liebespaares beinahe trivial. Die Ich-Figur stürzt sich erneut ins Theologiestudium, während A*** die Tage mit Fernsehen und Shoppen, die Nächte im Cabaret verbringt; Berührungspunkte zwischen den  beiden gibt es kaum noch. Oder hat es sie jemals gegeben?

Ein tragischer Unfall beendet die Beziehung und hinterlässt nicht nur beim Ich, sondern auch bei den Leser_innen ein seltsames Gefühl von Leere. Liegt es allein an der Geschlechtslosigkeit, dass A*** so fragmentiert und nebulös geblieben ist? Oder diente A*** in viel umfassenderen Sinne als bloße Projektionsfläche, als eine Art verzerrte Verlängerung des Ich-Bewusstseins?

Diese so spannenden wie quälenden Fragen verhandelt „Sphinx“ erst im Nachgang, über zehn Jahre nach A***s Tod, als obsessives Re-Enactment ihres letzten Dialogs (A***: „Wie siehst du mich eigentlich?“ Ich: „Ich sehe dich in einem Spiegel.“). Unerbittlich gegen sich selbst analysiert das Ich seine Neigung, gerade das Unerreichbare zu begehren – so auch das, was es an A*** nie zu fassen vermochte. Im Liebesobjekt erblickt die Erzählfigur immer schon das Vergängliche, Todgeweihte; ja scheint dieses Wissen überhaupt erst Voraussetzung für ihre Liebe zu sein. Das Ich trauert also weniger um Vergangenes, als vielmehr um Gegenwärtiges, so als sei dies bereits vergangen. An dieser Stelle öffnet der Text einen Abgrund der Gleich- und Unzeitlichkeit, der über die Geschlechtslosigkeit der Figuren weit hinausgeht. „Ich war der Schatten eines Körpers, der mich missachtete, und zugleich die Lichtquelle, die diesen Schatten hervorrief“, sinniert das Ich, am Rand der Auflösung. Die permanente Todesnähe, die anfangs wie übertrieben ausgestellter jugendlicher Weltschmerz wirkt, gewinnt durch diese Reflektionen allmählich eine tiefere Bedeutung. In ihrer „Intelligbilität“ stoßen beide Figuren immer wieder an die Grenzen nicht nur unserer Wahrnehmungsfähigkeit, sondern auch ihrer eigenen. In gewissem Sinne lauert tatsächlich in jedem Satz und jedem Gedanken das Verschwinden, drohen sie einander und sich selbst auszulöschen.

Am Ende geht das Ich ins Dunkle, Apokryphe über – ein symbolisches Verschwinden in die Unlesbarkeit. Mit der Tilgung seines Bewusstsein wird auch A*** „für immer eine schweigende Sphinx sein“.

Anne Garréta
Sphinx
Deutsch von Alexandra Baisch. Mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel
edition fünf
2016 · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-942374-83-5

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