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Kritik

Bildpralle Verse mit psychoanalytisch forschendem Blick

Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.

Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50'er / 60'er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. Dem amerikanisch bürgerlichen Familienbild mit seinen starren Regeln und Beschränkungen, vermochte Sexton nie zu entsprechen.

Sexton schlachtete sich mit ihren Versen, die wie poetische Brenngläser ins Innere zeigen, geradezu selbst aus. Ihre obsessive Suchbewegung zwischen Psychiatrie, Analyse, innerer Zerrüttung, lebenslangen Angstzuständen; der Rolle als gefeierter Dichterin und der Rolle als (gescheiterter) Mutter und Ehefrau, beendete sie mit 46 Jahren durch Suizid.

In ihren „Verwandlungen“ nimmt sich Anne Sexton den Grimmschen Märchenstoff vor. Transformationen, die ja Träger der Märchen aller Kulturen sind, werden von ihr aufgenommen und fortgeführt. Da Grimms Märchenwelten Rollenbilder und paternalistische Herrschaftsverhältnisse in Familienstrukturen spiegeln, war es Sexton ein offensichtliches Vergnügen, mit spitzer Feder darin herumzuspazieren. Sie kehrt das Unterste zuoberst, dreht und wendet den Stoff, klopft die Figuren ab, deckt Widersprüche der Protagonisten auf, kehrt sie nochmals um. (Wer hat nicht selbst als Kind über den oft alogischen GUT / BÖSE Fundus in Grimms Märchen gegrübelt? Den Frosch an die Wand schmettern führt zur Belohnung?  Rumpelstilzchens Tod als HappyEnd?

Dabei war er zunächst als Helfender angetreten, hatte der Müllerstochter das Leben gerettet ...) Sexton wandelt Märchensymbolik, führt Rollenklischees ad absurdum, wie in Rapunzel, wo aus Rapunzel und der Hexe ein verschworenes Liebespaar wird: „Gib mir deine Haut / so dünn wie eine Spinnwebe, / lass mich sie öffnen / und hineinhorchen und das Dunkel ausschöpfen. / … Wir sind zwei Wolken, / die im Flaschenglas gleißen. / Wir sind zwei Vögel, / die sich im gleichen Spiegel waschen. /“

Der als Retter und Glücksbringer vorgesehene Prinz wird bei Sexton zum Zerstörer eines abseitigen, zärtlichen Bundes. Scharfzüngig werden siebzehn ausgewählte Hausmärchen der Brüder Grimm nach- und umerzählt. Sexton versieht jedes Gedicht mit einem beschwörenden Prolog, der die Brücke zur Gegenwart schlägt. Als Anne, die Märchenhexe führt sie in den Stoff ein und bittersüß durch dessen Wandlungen. Unter der Oberfläche glücklicher Wendungen und Enden lauert Verletzung, Qual und Betrug. Dennoch unterscheidet sich „Verwandlungen“ von der poetischen Finsternis ihrer anderen Werke. Sexton legt hier mitunter eine fast leichtfüßige Unterhaltsamkeit an den Tag, begleitet von rabenschwarzem Humor.

In „Aschenputtel“ liest sich die Sequenz, in welcher der Prinz versehentlich die betrügerische Schwester mitnimmt, so: „Der Prinz ritt mit ihr davon, bis die weiße Taube / ihn auf das herauslaufende Blut aufmerksam machte. / So ist das mit Amputationen. / Sie heilen einfach nicht nach Wunsch. / Die andere Schwester schnitt sich die Ferse ab, / doch das Blut verriet es, wie es Blut immer tut. / Der Prinz hatte langsam die Nase voll / … “

Und die Happy End Zuckerkruste betrachtet Märchenhexe Anne wie folgt: „Aschenputtel und der Prinz / lebten, heißt es, bis ans Ende ihrer Tage glücklich / wie zwei Puppen in einer Museumsvitrine, / nie belästigt von Windeln oder Staub, / stritten sich nie darüber, wie lange man ein Ei kocht, / erzählten sich keine Geschichte zweimal, / gingen, als sie älter wurden, nicht in die Breite, / ihr süßes Lächeln klebte bis in alle Ewigkeit. / …“

In „Verwandlungen“ finden sich überraschend verdrehte, moderne und packende Märchenansichten, zum Lesen und Wiederlesen unbedingt zu empfehlen. „Verwandlungen“ ist, neben all ihren anderen zweisprachig aufgelegten Bänden, Ende der 1990'er Jahre im S. Fischer Verlag erschienen. Die Züricher Anglistin Elisabeth Bronfen hat ein umfangreiches, fundiertes Vorwort verfasst. Aus dem Amerikanischen über weite Strecken mit treffenden Entsprechungen übersetzt wurden die Texte von Silvia Morawetz.

Anne Sexton · Elisabeth Bronfen (Hg.)
Verwandlungen
Übersetzung:
Silvia Morawetz
Vowort: Elisabeth Bronfen
S. Fischer
1995 · 208 Seiten
ISBN:
978-3-596137220

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