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Kritik

Protokolle aus dem Inneren des Systems

Hamburg

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), gerade in der Schweiz auf dem Weg in einen Volksentscheid, findet immer mehr populäre Vertreter. Durch einen bestimmten Satz, der jedem Bürger bedingungslos ausgezahlt wird, soll das Überleben aller gesichert werden, Erwerbsarbeit für den reinen Lebensunterhalt wäre damit überflüssig, die freie Zeit kann in Projekte gesteckt werden, die jedem Notwendig erscheinen: von der Pflege in der Familie, ehrenamtlichen Tätigkeiten, kreative Berufe - das ganze System „Arbeit“ müsste neu durchdacht werden.

Die Idee des BGE mit Hartz IV zu vergleichen, ist auf den ersten Blick eine gewagte These. Hartz IV ist doch eigentlich das Label für den sozialen Abstieg, für Unterschicht, für den bildungsfernen Bodensatz - aber Hartz IV ist auch eine auf Dauer gestellte Notlösung für viele geworden, die im sogenannten Kreativbereich arbeiten und die angeblich Avantgarden der Arbeitskultur sind.

Die ansozialisierte Einstellung und die Realität prallen hier aufeinander. Um sich den Freiraum zu nehmen, den man braucht (ob temporär oder auf Dauer gestellt), um die eigenen Ideen umzusetzen, um die Selbstausbeutung zu finanzieren, ist Hartz IV in Deutschland, vor allem in Berlin, ein notwendiges Mittel. Zweckentfremdet wird es zum BGE mit vielen Bedingungen: Anträge, die nicht nur mit viel Papierkrieg einhergehen, sondern auch mit für deutsche Gemüter oft zu intime Fragen zu den finanziellen Verhältnissen. Hinzu kommt, dass die Möglichkeiten je nach Jobcenter und Fallbetreuer willkürlich bis unterschiedlich sind - das System selbst durch Einzelpersonen verkörpert wird, die dem System zum Opfer fallen, weil in Berlin viele im Jobcenter beschäftigte selbst nur mit Zeitverträgen abgespeist werden und selbst schneller als ihnen lieb ist, auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzen könnten.

Anne Waak hat unter dem Titel „Hartz IV und wir“ 12 Protokolle mit Menschen versammelt, die in den letzten vier Jahren zum Thema Arbeitslosengeld II befragt wurden. Darunter sind Kulturschaffende verschiedenster Art: Musiker, Menschen aus dem Film, Theater, aber auch ein Interviewpartner aus der Internetbranche und ein Mensch, der sein Leben lang durch eine Behinderung auf fremde Hilfe angewiesen war.

Waak ist selbst Journalistin und Mitbegründerin von waahr.de, einem Imprint des Marienbad Verlags, das sich als „Online-Archiv für literarischen Journalismus“ gerade auf den Markt geworfen hat. Ihr Protokoll-Band ist das erste E-Book von waahr.de und macht Lust auf mehr, mehr literarischen Journalismus, mehr solcher Formate.

Das kluge Vorwort von Waak, in Auszügen hier (http://www.monopol-magazin.de/artikel/20108660/Hartz-IV-und-wir-Kuenstle...) nachzulesen, bereitet auf die Protokolle vor und weist vorsichtig in das Thema ein. Waak ist keine Chef-Ideologin, den Zeigefinger hat sie nicht in der Luft, sondern auf den Fakten, die sie behutsam auflistet und in Verbindung zueinander setzt. Sie zitiert Keynes, der für unsere Lebenszeit, höheren Wohlstand und weniger Arbeit vorhergesagt hat. Sie setzt in durch aktuelle Studien in einen Kontext. Sie weist auf, wie das System, in dem wir leben, Abhängigkeiten und Überschüsse produziert, die nicht notwendig sind. Man kann ihr ankreiden, dass sie implizit davon ausgeht, dass ihr Argumente überzeugen, weil eine Gegenseite nur vage zu Wort kommt - aber die Fakten, die sie auflistet, sprechen so für sich, dass man ihr Glauben schenken muss. So eingestimmt, geht es in die Protokolle, die jeweils mit einer kurzen Einführung - und so die Protokolle weit zurück liegen - mit einer kurzen Aktualisierung gerahmt werden.

Verschiedene Menschen kommen hier zu Wort: eine Performance-Künstlerin mit Kind und abgesichert durch ihre Eltern, wenn es hart auf hart käme, ein Programmierer, der es mit einem eigenen Mikro-Payment-Dienst versuchen wollte, eine ehemaliger Musiker und Manager, ein Dokumentarfilmer, der sich von den Öffentlich-Rechtlichen hintergangen fühlt. Alle diese Geschichten sind im Protokollton erzählt, verraten viel über persönliche Biographien und enthalten reflektierte Sätze über ein System, das eigentlich ja vor allen von Menschen genutzt zu werden glaubt, die eines nicht haben: Zugang zu wissen, zu höherer Bildung, damit zur Reflektion und letztlich auch Kritik. Eine homogene Gruppe also, irgendwo dann doch, auch wenn man das Alter der zumeist in den 70ern oder spätestens frühen 80ern geborenen Gesprächspartner betrachtet.

Die Geschichte von Matthias Vernaldi sticht dann aber heraus, weil er durch sein Alter und das lebenslange Abhängigsein von Sozialhilfesystem in DDR und gesamtdeutscher BRD viel zu erzählen hat, mehr vielleicht, als jemand, der nur kurz mit dem Hartzen flirtet und dann weiter freelancen kann. An seinem Beispiel wird die Stärke deutlich, die jemand aufbringen muss, will er in diesem System überleben und trotz der vielen Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden, ist sein Protokoll das, das am meisten Mut macht. Seine marginalisierte Position erlaubt ihm einen Blick auf eine Gesellschaft, die sich ihrer ideologischen Verbohrtheit nicht bewusst werden will und dadurch viel Entwicklungspotenzial verschenkt. Und so funktioniert seine Perspektive als korrektiv für viele andere, auch wenn sie nur Perspektive bleibt, denn die Protokollanten stehen alle für sich, ohne dass die Autorin uns sie in einen Zusammenhang bringt. Wir müssen uns ein eigenes Bild von Hartz IV machen, um zu überdenken in was für einer Welt wir leben wollen.

Anne Waak
Hartz IV und wir
waahr
2014 · 6,99 Euro
ISBN:
978-3-9816372-2-9

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