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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
Kritik

Gegen die Endlichkeit

Manchmal geht etwas Altes verloren, noch bevor das Neue ganz da ist. Um diese haltlose Zwischenzeit dreht sich Annika Scheffels zweiter Roman „Bevor alles verschwindet“.

Schauplatz ist ein namenloser Ort inmitten von Wald und Bergen, angelegt wie eine freundliche, überschaubare Spielzeugwelt: Es gibt den kreisrunden Hauptplatz, die Linde, den Brunnen, das Wirtshaus, und natürlich den Fluss, in den alle Neugeborenen getaucht werden. Zu denen, die  „dem Ort mit dem ersten Schluck Brackwasser auf ewig verbunden“ sind, gehören die überirdisch schönen Zwillinge Jula und Jules, der cholerische Bürgermeister Wacho, der seinem Sohn David das Fernweh auszutreiben versucht, und noch eine Handvoll weiterer schrulliger Charaktere. Wie schon in ihrem Debütroman „Ben“ hat Scheffel ihre Figuren liebevoll mit allerlei Neurosen und Unzulänglichkeiten ausgestattet, die für das nötige Identifikationspotential sorgen. Es ist zwar keine heile Welt, die Scheffel da beschreibt, aber eine, in der man sich gerne bewegt.

Doch dann kommt der Tag X; schlagartig ändert sich alles. Wie eine fremde, unheimliche Macht brechen die „Verantwortlichen“ und die „Messenden“ in das Leben der Dorfbewohner ein. Schnell wird klar, dass die scheinbare Idylle von Anfang an gestört war. Schließlich befinden sich Scheffels Figuren nicht im „Tal der Ahnungslosen“ – auch wenn sie tatsächlich, um Handyempfang zu haben, den Hang hinaufklettern müssen. Vielmehr handelt es sich um einen Haufen trotziger „Übriggebliebener“, die sich den unheilverkündenden Worten „Flutung“ und „Talsperrmaßnahme“ hartnäckig widersetzen. Ein Stausee soll das Tal füllen, der Abbruch des Ortes ist seit Jahren beschlossene Sache. Die Vernünftigen sind längst weggezogen, in den neuen Ort, der den verbliebenen Dorfbewohnern mit der Aussicht auf moderne Häuser, hübsche Restaurants und einen „karibisch weiß leuchtenden Sandstrand“ schmackhaft gemacht werden soll.

Neu oder alt, Kampf oder Rückzug? Diese nun alles entscheidenden Fragen lösen Urängste aus, spalten Familien, entzweien schließlich sogar die ehemals unzertrennlichen Zwillinge.

Derweil rücken Fernsehteams an; Busse voller Katastrophentouristen bescheren dem Wirtshaus einen letzten Boom. So kann „Bevor alles verschwindet“ durchaus als Allegorie auf das Angstklima unserer Zeit gelesen werden, in der das Aus – in Form von Börsencrash, Insolvenz, Obdachlosigkeit – stets im Hintergrund droht. Doch trotz Aktualität und Realitätsbezug kommen die magischen Elemente auch in Scheffels zweitem Roman nicht zu kurz. In „Ben“ gab es die Märchenwelt hinter dem Spiegel; hier tummeln sich blaue Füchse, ein steinerner Löwe ohne Kopf und ein mysteriöser Junge namens Milo, den nur wenige sehen können.

Scheffels überbordende, detailverliebte Sprache muss man mögen – in jedem Fall bietet sie eine wohltuende Abwechslung zur verknappten Coolness vieler deutschsprachiger Gegenwartsromane. Dass die Autorin viele Worte braucht, um gegen die Schnelllebigkeit anzuschreiben, versteht sich von selbst – „weil Worte beruhigen können und einen ab und zu forttragen aus einer Welt, in der Wände über Teetassen zusammenstürzen und das zweite Gedeck nur ein Alibi ist“.

Annika Scheffel
Bevor alles verschwindet
Suhrkamp
2013 · 411 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42354-7

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