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Kritik

Doppelter Kursus

Anthony Horowitz bemüht sich ein weiteres Mal um Arthur Conan Doyle. Aber „Der Fall Moriarty“ lebt vor allem vom Ruhm Sherlock Holmes‘
Hamburg

Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, was einigermaßen verwunderlich ist, sind die Geschichten um den Londoner Meisterdetektiv mit verhängnisvollen Neigungen doch merklich ihrer Entstehungszeit verhaftet. Sprachlich behäbig, in der Inszenierung bemüht, die Fälle ein wenig versponnen – keine Frage, man merkt diesen Geschichten ihr Alter an.

Und dennoch, immer wieder kommt der Medienbetrieb auf Sherlock Holmes zurück, dessen Beobachtungsgabe und Intellekt anscheinend immer noch faszinierend genug ist, um sich seiner zu widmen. Allein die neuen Verfilmungen mit Robert Downey junior und Benedict Cumberbatch zeigen die Beliebtheit des Sujets. Mitgeholfen haben wird, dass die merkwürdige Kombination aus genauen Beobachtungen, deren Kombination und der Fähigkeit, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wunderbar in die neueren Krimikonjunkturen passt: Sherlock Holmes ist nichts weniger als der Vorläufer und Großmeister jener kriminalistischen Spürhunde und Nerds, die seit einiger Zeit das Genre bevölkern. Die Idee jedenfalls, dass eine Tat durch objektive Beweise aufgeklärt werden könne, hat gerade in unseren Zeiten eine große Attraktivität. Solche Krimis folgen dem schönen Satz, dass die Wahrheit immer konkret ist.

Nun hat selbst in der Literatur Conan Doyle nicht nur Nachahmer gefunden, sondern auch Nachfolger. Anthony Horowitz bemüht sich seit einiger Zeit um neue Romane im Sherlock Holmes-Stil und -Sujet, „Der Fall Moriarty“ ist bereits der zweite Sherlock Holmes-Roman aus der Werkstatt von Horowitz, der seine Arbeit anscheinend im direkten Auftrag der Erben Conan Doyles gewagt hat.

„Der Fall Moriarty“ berührt Sherlock Holmes allerdings nur am Rande. Stattdessen stellt er seinen wohl mittlerweile berüchtigtsten Widersacher Professor Moriarty in den Mittelpunkt, was ja bereits am Titel zu erkennen ist. Ausgangspunkt ist der vermeintliche Tod Holmes‘ und Moriartys an den Reichenbachfällen. Dass Holmes dabei nicht zu Tode kam, hat ja bereits Conan Doyle einräumen müssen. Das Publikum hatte ihn zu stark dazu gedrängt, seinen Meisterdetektiv wiederzubeleben. Das hat er sich – wie man nachlesen kann – teuer bezahlen lassen.

Horowitz neuer Roman geht nun vom Tod Holmes‘ und Moriartys aus, und lässt zwei Detektive gemeinsam an der Aufklärung der Frage arbeiten, wie man an den  neuen Großkriminellen herankommt, einen gewissen Clarence Devereux, der anscheinend mit Moriarty verabredet war. Bei diesem Devereux handelt es sich anscheinend um einen in Amerika aktiven Kriminellen, der sich durch besondere Brutalität auszeichnet. Sein verhängnisvolles Wirken ist den Beteiligten bekannt, aber seine Identität ist bisher ein Geheimnis. Und so soll es auch bleiben.

Auf seine Spur setzen sich ein Pinkerton-Ermittler namens Frederik Chase und ein Scotland Yard-Mann, der als Athelney Jones vorgestellt wird. Die beiden bilden ein Gespann, das dem Vorbild Holmes und Watson ähnelt. Der eigentliche Ermittler der beiden zeichnet sich durch Scharfsinn und Kombinationsgabe aus (Jones), die er sich von Sherlock Holmes abgeschaut hat, während der andere vor allem gutmütig ist und alles aufschreibt (Chase). Die beiden überlegen sogar im Laufe der Ermittlungen, ob sie sich nicht gemeinsam selbstständig machen sollen. Zu tun gäbe es schon noch genug und zu verdienen wäre auch gut, meint Jones gelegentlich.

Die beiden jagen jenem Devereux hinterher, nachdem Moriarty wohl offensichtlich doch bei den Reichenbachfällen zu Tode gekommen ist. Anscheinend hat der Amerikaner mittlerweile Moriartys Unterweltreich übernommen und weiß sich den Nachstellungen der beiden Ermittler vorerst zu entziehen. Aber sie rücken immer nach und es kommt zum großen Showdown, bei dem dann alles völlig anders ist als gedacht.

Und das rührt an ein Problem von Horowitz‘ Nachschrift von Conan Doyles Erfolg: Dass Horowitz Roman dieselbe Behäbigkeit aufweist, die auch den echten Conan Doyles eigen ist, kann man ihm eher positiv anrechnen. Ihm ist anscheinend gelungen, den Ton des Vorbilds ziemlich genau zu treffen. Der Zwang zur Aufklärung des breit vorgetragenen Rätsels jedoch lässt Horowitz einen doppelten Kursus einschlagen. Wir verfolgen die Handlung also und müssen sie uns im Nachgang noch einmal, diesmal aber mit der Auflösung aller Rätsel erzählen lassen. Dabei darf dann auch kaum etwa ausgelassen werden, was die Langatmigkeit des Textes weiter ausdehnt, wie es den Langmut des Lesers strapaziert.

Damit aber ist das Grundproblem des Romans angesprochen. In seinem Wunsch, Conan Doyle möglichst nahezukommen, entwickelt er das Grundmuster nicht stark genug weiter. Die Erzählung plätschert immer weiter und füllt Seiten, und irgendwann ist man dann durch. Mit anderen Worten, Rätselliebhaber werdens hinnehmen, die Freunde einer knapp gehaltenen, stringent durchgezogenen Geschichte werden aber nicht bedient. Da hilft dann auch nicht die Aufdeckung alles dessen, was wirklich geschehen sein soll.

Das Buch ist auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.

Anthony Horowitz
Der Fall Moriarty
Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Suhrkamp/Insel
2014 · 341 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-458-17612-1

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