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Kritik

Abgründe der Freiheit

Anton Distlers philosophische Analyse bietet eine neuartige, von Sartre inspirierte Sebal-Lektüre

Eigentlich, so der erste Reflex beim Aufschlagen des Bandes, ist die Sartre-Rezeption seit ihrem Höhepunkt in den 1950er- und 1960er-Jahren dies- und jenseits des Rheins längst zum Erliegen gekommen. Strukturalisten, Poststrukturalisten und die gute alte Postmoderne haben das zuvor vom französischen Existenzialismus bestellte literarische Feld mittlerweile erobert. Weshalb also der junge Schweizer Literaturwissenschaftler Anton Distler Jean-Paul Sartre zu einer späten Auferstehung verhilft, erscheint zunächst rätselhaft und ein klein wenig provokant. Dem Gedanken, dass der geheimnisumwitterte Schriftsteller und Germanist W. G. Sebald ein Faible für den Existenzialismus gehabt haben könnte, misstrauen wir trotz aller Neugier dann doch. Dem Autor liegt es allerdings nicht daran, intertextuelle Bezüge oder einen etwaigen literarischen Einfluss auf Sebald Werks aufzuweisen, sondern vielmehr Sartres (etwas unausgegorenes) Konzept der existenziellen Psychoanalyse als hermeneutischen Ansatz zu erproben.

Distler gliedert seine Studie zu diesem Zweck in zwei Teile, die jeweils Sartre und Sebald gewidmet sind. Im ersten bietet er eine umfassende Einführung in Sartres Freiheitsphilosophie, wobei er bei seinen Ausführungen über den fundamentalen Essay von "Das Sein und das Nichts" hinausgeht und zur Erhellung ontologischer Zusammenhänge sogar auf belletristische Texte des französischen Philosophen rekurriert. Distler hat also Sartre gründlich gelesen - gründlicher wahrscheinlich als Sebald, der sich als Germanist besonders der österreichischen und deutschen Literatur annahm. Doch zurück zum Existenzialismus. Sartres Anthropologie gründet auf dem Axiom, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt und daher imstande ist, sich jederzeit über seine Handlungen neu zu "entwerfen". Wir sind folglich das, wozu wir uns zu sein wählen, und verfügen im Gegensatz zur materiellen Welt über kein apriorisches Wesen. Keine Philosophie, keine Religion, keine Ideologie vermag glaubhaft und zwingend die Essenz unseres kontingenten Daseins zu definieren. In dieser metaphysischen Obdachlosigkeit hat das Individuum folglich die volle und uneingeschränkte Verantwortung für sein Leben und seine Taten. Sartre, der ebenso wie Sigmund Freud an die Macht frühkindlicher Prägung glaubt, verabschiedet sich indes von der Idee des Unbewussten und postuliert, dass eine so genannte "Urwahl" als existenzielle Entscheidung den späteren Lebensweg bestimme. Ausgehend von dieser Prämisse müsste es demnach möglich sein, jedes Individuum anhand seiner Taten zu interpretieren, ohne sich dabei wie die Psychoanalyse in die Untiefen der Seele begeben zu müssen.

Auf die vorliegende Studie übertragen, lautet das von Distler verfolgte Erkenntnisinteresse also: Welcher basalen Motivation entspringt Sebalds Wunsch und Entschluss, Schriftsteller zu werden? Um dieser Frage nachzugehen, analysiert der Autor zunächst dessen literaturwissenschaftliches Œuvre. Als Germanist hat sich Sebald neben einer Fülle von Aufsätzen mit zwei Monografien einen Namen gemacht. Es handelt sich um seine Diplomarbeit "Carl Sternheim. Kritiker und Opfer der wilhelminischen Ära" (1969) und die Dissertation "Der Mythus der Zerstörung im Werk Döblins" (1980). Distler weist penibel nach, wie sehr Sebald Walter Benjamin, dessen Theorien zur Fotografie er kritisch aufnahm, aber auch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer verpflichtet ist. Distler spannt den Bogen diverser Einflüsse sogar noch weiter und macht Roland Barthes' einschlägigen Essay "Die helle Kammer" für das Verständnis von Sebalds Ästhetik fruchtbar. Zwar nimmt Barthes in dieser Schrift Anleihen beim Verfasser von "Das Sein und das Nichts", was gewiss nicht bedeutungslos ist, mit Sartres existenzieller Psychoanalyse freilich wenig zu tun hat.

Des Eindrucks, dass hier bisweilen ein gewiss interessanter Ansatz überstrapaziert wird, vermag sich der aufmerksame Leser nicht zu erwehren. So befindet Distler etwa, Sebald habe Sternheims Persönlichkeit im Lichte der Freud'schen Psychoanalyse gedeutet, was - wie wir gesehen haben - Sartres anthropologischer Hermeneutik zuwiderläuft. Anderseits, und in diesem Punkt ist Distler beizupflichten, entlarvt Sebald Sternheims ambivalentes Verhältnis zum eigenen Schriftstellertum als Unaufrichtigkeit beziehungsweise mauvaise foi, ohne sich dieser Begrifflichkeiten explizit zu bedienen.

Nicht ganz schlüssig erscheinen ferner seine Thesen, wenn er notiert, "Sebald scheint zentrale Themen oder auch Philosopheme [...] von Sartre be- und verarbeitet zu haben, auch wenn der intertextuelle Verweis nicht zu belegen ist", um etwas später auf "die strenge Ablehnung der 'Existenzialphilosophie' durch Sebald - sowohl als Philosophem als auch als methodische Folie zur Literaturanalyse - " abzuheben.

Epistemologisch problematisch für Distlers Herangehensweise erscheint nicht zuletzt die biografische Orientierung der existenziellen Psychoanalyse. Sartre hat seine beiden Biografien über Gustave Flaubert und Jean Genet auf der Grundlage dieser Methode konzipiert und dabei eine Synthese von Werk und Autor erzielt, während Distler lediglich auf die spärliche Datenlage zu Sebalds Vita verweist und somit eine wichtige hermeneutische Komponente vernachlässigen muss.

Welchen Erkenntnisgewinn wirft nun diese Studie ab? Versuchen wir, die Ergebnisse auf den Punkt zu bringen, so bleiben einige Schlagwörter, die sich fraglos in den Kontext der Sartre'schen Ontologie einfügen. Beispielsweise taucht die Beschreibung des Ekels, dem Distler existenzielle Konnotationen unterlegt, verschiedentlich im Werk Sebalds auf. Desgleichen lässt sich Sartres Insistieren auf dem freien Willen analog an Sebald festmachen, der mit seinen Schriften immer wieder ins tagespolitische Geschehen eingriff und von daher als engagierter Schriftsteller qualifiziert werden kann: "Sebald entspricht auf ganzer Linie Sartres Verständnis vom Intellektuellen bzw. vom Künstler." Doch, wie gesagt, mit derlei Ergebnissen verharrt Distler auf einer allgemeinen Ebene, was schließlich auch für sein Fazit gilt. Er sieht nämlich Sebalds ursprüngliche "Wahl", Schriftsteller zu werden, nicht im Unbewussten wurzeln, sondern führt sie zurück auf "das unmögliche Bestreben, Eins zu sein bzw. An-und Für-sich, demnach 'Gott-gleich-' zu sein". In Sartres Terminologie übersetzt bedeutet dies, dass Sebald schreibend das unerreichbare An-sich des Für-sich anstrebte - ein Los, das gemäß dem französischen Existenzialisten der condition humaine schlechthin eignet.

Distlers großer methodischer Aufwand, zumal für eine Lizentiatsarbeit, hat zwar großes Lob verdient, kommt aber aus wissenschaftlicher Perspektive weder für die Erhellung von Sebalds Leben und Werk zwingend in Frage, noch rechtfertigt dieser den geringen wissenschaftlichen Ertrag. Aber vielleicht manifestiert sich hier eine grundsätzliche Schwäche der Literatur- und Kulturwissenschaften, die aus verfehltem Legitimationsanspruch dazu neigen, Innovativität über möglichen Nutzen zu stellen.

Anton Diestler
Kein Verstehen ohne fundamentale Ontologie
Königshausen & Neumann
2008 · 128 Seiten · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-826038129
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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