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Kritik

Alles ist nichts

In Antonio Tabucchis poetischem Mandala „Für Isabel“ nähert sich der Ich-Erzähler seiner verschwundenen Geliebten in neun konzentrischen Kreisen
Hamburg

Auf die Frage, woher er komme, antwortet Waclaw Slowacki: „Aus der Gegend von Sirius.“ Oder auch: „Vom Großen Hund.“

Ein polnischer Dichter sei er, behauptet der Ich-Erzähler in Antonio Tabucchis erstem posthum erschienenen Werk, dem schmalen Band „Für Isabel“. Und doch entzieht sich Slowacki sogleich den harten Fakten, indem er Erde und Himmel, Leben und Tod, Damals und Heute nicht als klar voneinander zu trennende Kategorien anerkennt. Ist er ein realer Schriftsteller, der auf der Suche nach einer verschwundenen Geliebten Portugal bereist? Oder ist dieser Ich-Erzähler selbst nur ein Geist, zurückgekehrt aus dem Reich der Toten, um sich Absolution für eine alte Schuld erteilen zu lassen?

In seinem gesamten literarischen Werk befasste sich der italienische Schriftsteller, Professor für portugiesische Literatur und Pessoa-Experte, mit den Schichten menschlicher Identität, dem Ineinandergreifen von Fiktion und Wahrheit im Fluss der Zeit. „Für Isabel“, das er bereits in den 90er Jahren fertig stellte, aber nicht veröffentlichte, fügt diesem Themenbereich eine weitere schillernde Facette hinzu. Tabucchis „Mandala“ – so der Untertitel des Buches – benennt konkrete Schauplätze: Bars und Straßenzüge in Lissabon, den Hafen von Macao, einen Bahnhof an der Riviera. Doch die essentiellen Fragen (Ist all dies real oder geschieht es im Traum? Wer sind die Figuren, die hier sprechen? Und wie viel Wahrheit steckt in dem, was sie sagen?) lässt der Autor gekonnt in der Schwebe.

Waclaw nähert sich der Frau, die er vor rund dreißig Jahren aus den Augen verlor, in neun konzentrischen Kreisen. Die schneckenhausförmige Bewegung hin zu einem Mittelpunkt ähnelt  dem Aufbau eines Mandalas, ein religiöses Schaubild, das im Buddhismus und Hinduismus, aber auch in therapeutischen Situationen Verwendung findet.

Zunächst wandeln wir durch die äußerst realistisch beschriebene Altstadt Lissabons, deren Atmosphäre Tabucchi auf unvergleichliche Weise einfängt – ähnlich wie sein französischer Schriftstellerkollege Patrick Modiano sich die assoziationsgeladene Topographie seiner Heimatstadt Paris zunutze macht, um sich auf literarische Spurensuche zu begeben.

Waclaw trifft sich mit einer Jugendfreundin Isabels, dann mit Isabels Kinderfrau, die ihn an eine amerikanische Saxofonistin weiterverweist. Die Menschen, die ihm Auskünfte erteilen, sind teils wortkarg, teils geschwätzig, erscheinen auf den ersten Blick vertrauenswürdig, doch haben möglicherweise auch eine eigene Agenda. Während die Jugendfreundin von idyllischen Sommern auf dem Landgut der Eltern Isabels berichtet, erscheint das Familienleben in den Erzählungen der Amme schon weit weniger rosig. Nachdem die Eltern früh bei einem Autounfall ums Leben kommen, beginnt Isabel an der Lissabonner Universität zu studieren. Es ist die Zeit der Salazar-Diktatur; Isabel schließt sich der studentischen Widerstandsbewegung an. Irgendwann verschwindet sie. Wenig später steht eine Anzeige in der Zeitung, die ihren Tod behauptet. Hat sie sich wegen einer unglücklichen Liebe das Leben genommen? Oder saß sie vielmehr in politischer Haft und hat dort Glasscherben geschluckt?

„Alles ist nichts“, gibt ein kapverdischer Gefängniswärter über einem Gläschen selbstgebrannten Cachaça kryptisch zur Auskunft, bevor er Waclaw weiterschickt zu einem undurchsichtigen Fotografen, der damals einer verbotenen Untergrundorganisation angehörte. „Sind Fotos aus verschiedenen Lebensabschnitten in verschiedene Personen unterteilte Zeit oder eine in verschiedene Zeiten unterteilte Person?“, philosophiert dieser, bevor er Waclaw ein Foto von Isabel am Flughafen zeigt, aufgenommen nach ihrem angeblichen Tod.

Tabucchis poetische Verwandtschaft zu Modiano ist in den äußeren Kreisen des Mandalas unübersehbar – kaum entwirrt sich ein Gerücht, taucht schon das nächste auf, das die gerade gefundene „Wahrheit“ erneut in Frage stellt. Was beide Autoren verbindet, ist ihre klare, schnörkellose Sprache, die sich auf das Wesentliche konzentriert und zugleich genug Raum schafft, um kleine Andeutungen und magische Momente nachklingen zu lassen. Ihre Charaktere sind Flüchtende und Suchende zugleich, die um schwer greifbare Frauenfiguren kreisen, denen die sehnsüchtige Fantasie der Erzähler Leben einhaucht.

Sämtliche Identitäten, die durch die Nachzeichnung ihrer Routen, durch konkrete Orts- und Straßennamen eingekreist werden sollen, bleiben letztendlich ungesichert. Bei Tabucchi und Modiano verläuft die Zeit nicht chronologisch, sondern in Schleifen, die immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückfinden.

Leider verlässt Tabucchi im letzten Drittel des Buches diese traumwandlerische Exaktheit im Stile Modianos und begibt sich mehr und mehr in die Nähe des brasilianischen Esoterik-Gurus Paulo Coelho. Parallel dazu werden auch die Schauplätze der Handlung von Kreis zu Kreis exotischer.

Den Ich-Erzähler verschlägt es nach China, in die ehemalige portugiesische Kolonie Macao, wo er in einer Grotte mit einer Fledermaus spricht, um sich dann zu einem opiumrauchenden Dichter zu begeben. „Der Wandelnde Geist“ wirft die Frage auf, ob Isabel überhaupt real existiert oder doch eher Waclaws schriftstellerischer Fantasie entspringt: „Warum suchen Sie einen Schatten, der aus dem Reich der Literatur stammt?“ Waclaw ist sich seines Künstler-Dilemmas wohl bewusst, denn er erwidert: „Vielleicht, um sie zu etwas Wirklichem zu machen.“

Die Gespräche driften weg von den tatsächlichen Ereignissen in Isabels Leben, hin zu jenem merkwürdigen Prinzip des „Life imitates Art“, das dem Schriftsteller ein permanent schlechtes Gewissen beschert, durch seine Geschichten den Lauf der Welt zu verändern. Allein der trockene Humor des Erzählers bewahrt den Text davor, zu sehr ins Metaphysisch-Verschwurbelte abzurutschen.

Im achten Kreis reist Waclaw in die Schweizer Alpen, um einen indischen Guru zu befragen. Zunächst jedoch trifft er auf eine Astrophysikerin, die regelmäßig Botschaften zum Andromedanebel schickt. Waclaw pragmatisch-nüchterner Kommentar: „Ich halte Sie überhaupt nicht für verrückt, das Universum ist verrückt.“

Wird er im neunten Kreis, dem Mittelpunkt des Mandalas, schließlich auf Isabel treffen? Eine Vereinigung auf Astralebene erspart uns Tabucchi glücklicherweise. Stattdessen, so viel sei verraten, kehrt er zur somnambulen Flüchtigkeit des Anfangs zurück. Aus welcher Zeit auch immer Isabel zu Waclaw spricht, sie wird ihm sagen: „Dein Mittelpunkt ist mein Nichts.“ Dennoch wird die Reise nicht umsonst gewesen sein.

 

Antonio Tabucchi
Für Isabel
Ein Mandala – übersetzt aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
Hanser
2014 · 176 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24483-2

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