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Komm. Sei nicht traurig.

Ich bin es für dich.
Hamburg

„Während die Trauer darauf hin arbeitet, zu guter Letzt über den Verlust hinweg zu kommen, hält die Melancholie die Wahrheit am Leben, wonach jedes verlorene Menschenleben darauf Anspruch hätte, als unzubewältigender Verlust empfunden zu werden. Es ist in pragmatischer Hinsicht begreiflich und tröstlich, dass das Leben weitergeht, metaphysisch ein Skandal.” schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk. Diesem Skandal haben die Menschen von jeher etwas entgegen zu setzen versucht. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist Orpheus, dem es beinahe gelingt, seine geliebte Eurydike aus dem Hades zurückzuholen. Wäre da nicht der Blick zurück gewesen.

Aris Fioretos ist ein schwedischer Autor mit griechisch österreichischen Wurzeln und literaturwissenschaftlicher Dissertation. Hervorgetan hat er sich durch glänzende Essays und vornehmlich wissenschaftliche Romane, bis er mit seinem Roman „Der letzte Grieche“, der 2011 auf Deutsch erschien, begann sich mit seiner eigenen Geschichte auseinander zu setzen. „Die halbe Sonne“ führt diese Auseinandersetzung fort.

„Mit leeren Händen bewegt er sich vorwärts, indem er rückwärts geht.“

In diesem Satz steckt die Fabel, steckt der gesamte Inhalt dieses Buches über einen Vater. Ein Sohn erfährt vom Tod des Vaters und versucht zu begreifen, wie er dennoch Sohn bleiben kann, Sohn eines verstorbenen Vaters.

In einfachen, aufrichtigen Gedanken wird die Situation des Abschiednehmens in der Kapelle beschrieben: „Er lässt sich wieder auf den Stuhl sinken. Keine Dramatik. Dort liegt der Vater, hier sitzt er. Sie sind viele Male zuvor allein gewesen. Dies wird das letzte Mal sein.“

„Der Vater enthält vieles, was den Sohn beschäftigt. Wenn er ihn in die Zeit vor dem Anbeginn der Welt zurückerzählen will, kann dies keinesfalls ohne die Mythen geschehn.“

Der Sohn muss den Vater also noch einmal erfinden, in Erinnerungen die Geschichte des Vaters nachempfinden. Und dabei wird er versuchen, die vielen Hälften eines Menschenlebens zu erzählen, die zahlreichen Sonnen, geteilt, eine Hälfte glühend, strahlend, die andere erloschen.

Die halbe Sonne ist ein Abschiedsbuch, Abschied vom Vater, aber auch von der eigenen Kindheit. Nicht zufällig erinnert das Buch an „Die Erfindung der Einsamkeit“ von Paul Auster, dessen Bücher Fioretos übersetzt hat. Auch hier nimmt ein Mann, der bereits selbst Vater ist, Abschied von seinem Vater.

Insofern ist es ein sehr ähnliches Buch, der gleiche Ausgangspunkt und doch eine sehr unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem Verlust, der zum Wendepunkt im eigenen Leben wird.

„Das Ende wird dein Anfang sein. Dies ist ein Rückwärtsgesang.“

Fioretos offenbart das Erzählprinzip, das seinem Rückwärtsgesang zugrunde liegt, als er von der Bibliothek seines Vaters erzählt: „Es geht nicht um Ordnung, sondern um Zusammenhänge“. In diesem Buch über einen Vater soll es um eine Ordnung gehen, die sich aus den Zusammenhängen ergibt und sie durch das Schreiben teilweise auflöst, damit hinter dem Vater der Mann sichtbar wird, die andere Hälfte, die diesen Menschen auch ausgemacht hat.

„Formal ist „Die halbe Sonne“ nicht so sehr eine fortlaufende Geschichte, als vielmehr eine Sammlung von Beobachtungen, Aufzählungen, Miniaturen. Erinnerungssplittern, die sich an den Vater herantasten.

Dabei wird gleichzeitig die Geschichte einer Emigration erzählt, des Lebens in zwei Welten, der Schwierigkeit Kinder mit dem Stolz auf die Abstammung aufzuziehen, und ihnen gleichzeitig die Eingliederung in die „neue Heimat“ leicht zu machen, sie bei der Integration zu unterstützen.

Bereits einige Jahre vor seinem Tod war Fioretos Vater an Parkinson und Demenz erkrankt. Der Zerfall von Körper und Geist, von Selbstbestimmung und Selbstkontrolle, also dem, was wir als „Selbst“ ansehen, denn andernfalls sprechen wir davon, dass jemand „außer sich“ sei, wird nur am Rande beschrieben, aber sehr wohl thematisiert. Rückblickend mündet die Beschäftigung mit diesen krankheitsbedingten Veränderungen des Vaters in den schönen Satz: „Der Erzfeind ist das fehlende Verständnis“. Fioretos findet den Mut, zuzugeben, dass man nichts weiß. Dass man einen Menschen, von dem man so viel gelernt hat, bereits zu Lebzeiten verliert, Stück für Stück. Unwiederbringlich. Zwangsläufig ergibt sich vor einem derartigen Hintergrund die Frage, was Identität ist. „Was in einem Menschen Mensch ist, ist das, was ihn zusammenhält. Du musst dir ein zu einem Faden gezwirntes Adernetz vorstellen.“, lässt Fioretos den Gestorbenen sagen.

Und folgert:

„Die Gegenwart erweist sich als der Teil des Erinnerten, der dafür sorgt, dass sie nie intakt bleibt.“

Das alles macht es nicht einfacher, sich die Frage zu beantworten, wer der Vater gewesen ist, wie hat er sich selbst gesehen?

Dieses Buch ist nur auf den ersten Blick weniger philosophisch als „Die Erfindung der Einsamkeit“. Nur verbergen sich die philosophischen Gedanken hier gründlicher hinter kleinen Pointen, die sorgfältig vorbereitet sind, laufen mit als Fäden, die durch das gesamte Gewebe laufen, das man Leben nennt.

Die Erinnerung ist ein höchst unsicheres Gebiet. Und die Geschichte von einem, der jetzt selbst Geschichte ist, eine Schicht in demjenigen, der von ihm erzählt, ist lebendig, also veränderlich. Eine Erinnerung und eine Erfindung gleichzeitig.

Gerahmt wird diese durch Erfindung gefundene Erinnerung von der Mutter. Sie verkündet dem Sohn den Tod des Vaters. Sie hat das letzte Wort im Roman, wenn sie sagt: „Ich glaube es ist so weit. Du wirst Vater.“ Somit erhält auch sie ein Denkmal, als Wächterin zwischen Leben und Tod.

Ich habe anfangs von Orpheus gesprochen, von seinem gescheiterten Versuch, den Tod rückgängig zu machen. Fioretos setzt Orpheus Scheitern etwas entgegen. Auch ihm gelingt es nicht, den Toten zurück zu holen, aber er erschreibt sich einen Trost und den Beweis, dass einer, der wirklich geliebt worden ist, nie vollkommen stirbt.

Aris Fioretos
Die halbe Sonne
Ein Buch über einen Vater
Übersetzung:
Paul Berf
Hanser
2013 · 192 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24121-3

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