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Kritik

rückwärtsdichten mit Armin Steigenberger

die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln
Hamburg

[...] auch
häufeln nützt nichts,
haben die reste an cumulus
beschlossen. wir sehen blau
für den rest des abends.

Von einem Autor, der Mitglied der Lyrikgruppe Reimfrei ist, darf man wohl vieles erwarten, solange es nur keine Reime sind. Und reimfrei geht es wirklich zu, in die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln. Armin Steigenberger hat Reime nicht nötig, stehen ihm doch genügend „andere mittel“ zu Verfügung, um die Sprache zu bearbeiten. Statt zu reimen dichtet er lieber rückwärts oder klangverfärbt, schreibt eine „poröse poesie“.

Armin Steigenberger arbeitet mit der Sprache und auch mit dem Klang der Worte, wie man leicht an den „fragwürdigen fragezeichen“ bemerken kann:

leben in seinen windungen […]

[…] wie

sich das licht und das leben und die liebe
einrollen in ihre fragwürdigen fragezeichen

und wie offen alles bleibt. […]

Im Klappentext wird Armin Steigenberger wie ein Dekonstruktivist beschrieben, der die medial geprägte Wirklichkeit mit spielerisch leichter Wortakrobatik auseinander nehmen würde um sie so wieder zusammen zu setzen, dass sie uns wertvoller und lohnender erscheinen würde.

Spielerisch, das sind die Gedichte von Armin Steigenberger ganz sicherlich. Das lässt sich schon an einigen Überschriften erkennen: „zur üblichen welt“, „die sache ist heikel“, „schnee, nr.9“, „ganz frosch“, oder: „das ist wie beim tee“. Auch findet sich in diesem Gedichtband die wohl treffendste und ehrlichste Überschrift überhaupt, sie lautet schlicht: „überschrift“. Doch handelt es sich bei den Gedichten von Armin Steigenberger bei aller Verspieltheit doch um ein ernst genommenes und ernst zu nehmendes Spiel. Und daher stellen die Gedichte auch immer wieder sehr große Fragen:

[...] was also ist hinter den dingen? ein wenig körper
losigkeit, straßenrand, haltestelle, großleinwand, [...]

Und wertvoller erscheinen einem wohl nach der Lektüre von die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln einige, an sich unscheinbare, Gegenstände. Denn Dinge und Alltagsgegenstände sind in den Gedichten ganz prominent vertreten. Ein Gedichttitel lautet beispielsweise „von den dingen“. Ein anderes Gedicht widmet sich den to-do-listen:

meine to-do-listen sind gelb
und liegen für gewöhnlich auf dem drucker […]

Die Gedichte von Armin Steigenberger, die in die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln versammelt sind, weisen vor allem zwei Besonderheiten auf: das Thematisieren von Technik und neuen Medien und das Verwenden von „Fachsprachen“ in ganz anderen Kontexten, wodurch eine ganz eigene Komik entsteht.

In vielen der Gedichte stehen neue Medien und Technik im Vordergrund. Technik scheint fast überall anzutreffen zu sein:

was uns beflügelt
[...] das standbylicht am himmel. [...]

Es ist nicht immer leicht, Worte wie „like-button“, „flashmob“ oder „faserkabel“ in der Literatur so zu verwenden, dass es weder seltsam noch künstlich oder möchte-gern-modern wirkt. Armin Steigenberger gelingt dies scheinbar ganz beiläufig:

fernbedingung

[…] wir hängen recht dünnwandig
am nominalen online-leben.
fernwärme hegt uns. und faserkabel.

Bei „fernbedingung“ meint man ein „klangverfärbtes“ Wort vor sich zu haben, kann man es doch leicht als „fernbedienung“ überlesen.

 In manchen der Gedichte scheint man der Technik fast völlig hilflos ausgeliefert zu sein:

was wirst du tun     wenn

die apparate versiegen    und zwischen den kratzenden
bildern kleine tropfen hervorquellen […]

Was würde man wirklich in so einem Fall tun, fragt man sich unwillkürlich bei Zeilen wie diesen und blickt, nachdenklich, oder vielleicht doch leicht nervös, auf all die Apparate, die einen umringen.

Die Formulierung „was wirst du tun wenn“ ist noch in einem weiteren Gedicht, mit dem Titel „was uns etwas bedeutet“, zu finden und wird in Bezug zu Georg Trakl gesetzt:

[...] was wirst du tun wenn
in deinen kopf die sirenen hinein
heulen? da ich deine schmalen hände nahm –
schrieb georg trakl.

Dies ist nicht der einzige Literaturverweis. Auch Gryphius und Kling werden genannt, in einem Gedicht mit dem Titel „was wir vermissen“:

[...] die quersumme aller sonette
    von gryphius
bis kling. überhaupt das klingsche sonett. [...]

Und in einem Gedicht über Venedig fällt der Name Dante:

[...] die welt. goldoni. giotto. gott.
venedig war gut.
dante durchlebte die höllenkrise.
venedig beschwingt. [...]

Ein anderes Gedicht verweist zwar nicht auf Literatur, aber auf ein bekanntes Antikriegslied, gesungen von Marlene Dietrich. Die ersten Liedzeilen lauten: „Sag mir wo die Blumen sind, // wo sind sie geblieben“. Im Gedicht „fisheye“ wird der Beginn des Liedes (sag mir wo die) zitiert:

im abschied etwas hellblau. sag mir wo die
verdorrten sonnen ihre frucht verloren
haben. [...]

Das bereits erwähnte Verwenden von „Fachsprachen“ kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, ein Gedicht beispielsweise ist auf „Navideutsch“ verfasst:

café utopia 5

wir sprechen navideutsch, bewegen uns
halblinks, danach halblinks
bis zum ende der straße, wir nähern uns
dem ziel bis auf wenige meter […]

Ein anderes Gedicht beschreibt das Wetter auf ungewöhnliche Weise – mit Begriffen, welche wir normalerweise aus der Politik gewöhnt sind:

[...] die stunden
und die wolken bilden eine
koalition der minderheit.
der streif am horizont geht
in die opposition. [...]

Und wieder ein anderes Gedicht verwendet die Form und die Sprache eines Gebets. Die Bitten selbst jedoch wurden etwas abgeändert, angepasst und aktualisiert:

[...] wir beten für unsere neidlosen nerdhaften nachbarn
im sorgenbrecher und im come out and find inn
für nachmittage im sonnenlicht mit sonnenschutzfaktor 24 [...]

Doch nicht alle Gedichte handeln von Technik oder verwenden Worte, Formulierungen oder Sprechweisen, die uns aus ganz anderen Kontexten geläufig sind. Es gibt auch Gedichte, welche einfach Stimmungen und Momente in ihren Gedichtzeilen einzufangen suchen:

im spätfrühling rauschen die pappeln
schwerfällig. [...]

Und auch einige unaufdringliche Liebesgedichte findet man:

der sich spiegelnde see in deinen
augen [...]
[...] auf allem und allem
ruht eine lichtnote ein kussrand
vergänglicher abdruck
am glas: verzittertes rot

Einige der Gedichte schreiben auch über Venedig. Am Beginn des folgenden Gedichts mit dem Titel „san marco“ werden die Worte am Ende der Zeile immer durch den Zeilenumbruch geteilt. Damit kommt es am Ende der Zeile zu keinem Abschluss, sondern man meint vielmehr beim Lesen das Gleichgewicht zu verlieren, Übergewicht zu bekommen und in die nächste Zeile zu kippen:

du abgesang verwaschener säulen
gänge du maximalcampanile kuppel
bewehrte kathedrale mit den abgefrüh

stückten mosaiken […]

Die Welt scheint katzenlos, nicht nur in Kopenhagen gibt es gar keine Katzen (siehe auch Die Katzen von Kopenhagen, von James Joyce), anscheinend auch in Venedig nicht:

keine katzen

man trägt hund in venedig hält hund
an leinen. man guckt taube (füttern
verboten). hört möwe, wie sie langgezogen
quakt. greint. keckert. singt. man zuzelt
zigarette. schlürft espresso. lauscht
glockenklang. [...]

Der Gedichtband verzichtet gänzlich auf eine Kapitelunterteilung. Dennoch bilden die Gedichte immer wieder kleine Gruppen – besonders offensichtlich einige Gedichte, welche sich schon mit ihren Titeln, wie z.B. „was uns erschüttert“, „was uns verdunkelt“ oder „was wir persönlich nehmen“, aufeinander beziehen.

Mehrere Gedichttitel sind Englisch – „be quick or be dead“, einige auch Italienisch. Die Gedichte sind durchgehend kleingeschrieben und manche verzichten gänzlich auf Punkte. Diese Punktlosigkeit wird auch von einem Gedicht, in dem über das eigene Schreiben reflektiert wird, punktlos auf den Punkt gebracht:

[...] hängst dir selber in versen hinterher

und haltlos geht es weiter immer weiter
im parlando des täglichen brotes ohne punkt
geht es ganz gut hindurch durch

die strichpünktlichkeit aller himmel hinter
den ausrufezeichen [...]

Versucht man über die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln von Armin Steigenberger eine Rezension zu schreiben, so sieht man sich schon sehr bald mit einer großen Schwierigkeit konfrontiert: das Buch scheint fast ausschließlich aus zitierenswürdigen Stellen zu bestehen. Aber man kann doch kein ganzes Buch in einer Rezension zitieren! Daher, als kleiner Kompromiss, noch einige Zitate, die einfach viel zu schön sind, um weggelassen zu werden. Doch es sind nur fünf, der Rest ist im Buch zu finden:

[...] sprechen wir über äpfel, […]
beispielsweise dunkelrot [...]

[...] immerhin eine raubkopie hattest du [...]

[...] ist schlafen nicht nur eine allergische
reaktion? auf das zuviel von welt?

[...] menschen ohne köpfe sind ätherischer [...]

ich bin nur ein kleiner konjunktiv
im großen buch, kollaterale fußnote, […]

Armin Steigenberger · Mathias Jeschke (Hg.)
die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln
Reihe: LYRIKPAPYRI
Horlemann
2014 · 96 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-89502-365-1

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