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Kritik

Tarkowskis verlorenes Paradies

Vater, Sohn und die Liebe zu Häusern, in die es hineinregnet
Hamburg

Der Sohn hätte gewollt, dass man es in die Ecke schmeißt: ein Buch mit Gedichten seines Vaters in eine andere Sprache übersetzt. Denn Poesie, so lässt der Filmregisseur Andrej Tarkowski, seinen ebenfalls Andrej genannten Protagonisten in dem Filmklassiker Nostalghia ausrufen, Poesie lässt sich nicht übersetzen.

Das ist einerseits richtig, keine Gattung erleidet bei der Übertragung mehr Verluste als die Literatur, insbesondere die Lyrik. Und doch, so hält diesem heimwehkranken Film-Andrej seine boticellischöne, italienische Übersetzerin entgegen, hätten wir ohne die Übersetzungen keinen Puschkin, keinen Tolstoi oder Dostojewski. Kein Bild, keine Ahnung von der so schwer ergründbaren tiefen russischen Seele.

Ebenfalls ist es kein Verlust, sondern ein großer Segen, dass letztes Jahr durch Martina Jakobsons neuer Übersetzung und Herausgabe eine breite Auswahl der Gedichte Arsenij Tarkowskis nun in der Edition Rugerup erstmals in deutscher Sprache vorliegt.

Dreißig Jahre musste der 1907 geborene, tiefreligiöse Lyriker und Übersetzer mit der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes Vor dem Schnee 1962 warten. Der in seinem Schaffen durchscheinende „Mystizismus“ war der stalinistischen Obrigkeit ein Dorn im Auge. Tarkowski verbrachte die Zeit bis zur Entstalinisierung unter Chruschtschow in einem kleinen Dorf nahe Moskau mit der Übersetzung arabischer, armenischer, turkmenischer, georgischer und hebräischer Lyrik.

Anna Achmatowa lobte seine Gedichte ob ihr Schlichtheit und Dramatik. Marina Zwetajewa widmete ihm ihr letztes Gedicht, das vor ihrem Freitod im Sommer 1941 entstand.

Vergleicht man die Filme des Sohnes mit den Gedichten des Vaters findet man auch in der Vorliebe für surrealistische Bilderwelten eine Verwandtschaft der beiden, in dem beständigen ineinander Übergleiten von Leben und Traum. Oder der Liebe der beiden zum Regen. Beim Sohn in Form des wiederkehrenden Motivs von Häusern, in die es hineinregnet. Wasserpfützen, die sich in Seelandschaften verwandeln. Überhaupt erscheint hier das Wasser als sakrales Element, durch das die Filmprotagonisten stundenlang, knöcheltief oder brusthoch Waten, um mit einer Kerze in der Hand die Welt zu erlösen (Nostalghia), oder die eigene Seelenlandschaft zu erkunden (Stalker).

und Regen ausgerechnet zu dieser nächtlichen Stunde,
die Tropfen rinnen die kalten Äste hinab.

Kein Wort fängt die Tropfen auf, kein Tuch wird sie je trocknen…

Heißt es am Ende von Arsenij Tarkowskis Gedicht Seit heut morgen habe ich gestern auf dich gewartet. Auch hier kommt dem Wasser, in Form von Bächen, Flüssen und Seen eine zentrale Rolle zu. Gleich das erste Gedicht, das den Band Reglose Hirsche eröffnet, spielt am Ufer eines Flusses.

Die Sugakleja mündet ins Schilf,
treibt flußabwärts das papierne Schiffchen,
das Kind im goldgelben Sand, barfüßig
wartet es, Apfel und Libelle in den Händen,
das transparente Netzwerk im Flügel sirrt,
das Schiffchen schaukelt auf den Wellen.
Der Wind raschelt behutsam mit dem Sand,
und so bleibt es für immer…

Und wo ist die Libelle? Fortgeflogen. Und das
Schiffchen? Weggeschwommen. Und der Fluß? Fließt.

Die Kindheit als verlorenes Paradies, in das es kein Zurück mehr gibt, taucht in den Gedichten Arsenij Tarkowskis immer wieder auf. Das russische Original bildet ein gutes Beispiel dafür, wie feinste Nuancen manchmal leider unübersetzbar bleiben müssen. Die Pointe ist im Russischen noch verschärft dadurch, dass alle drei Bewegungsverben mit einem „u“ beginnen. Auch beginnt das Gedicht im Russischen mit dem Wort Fluss (река). Der Fluss Sugakleja, heißt es dort. Wenn man aufmerksam liest, sieht man also die Raffinesse mit der diese Vergänglichkeitsrhapsodie gebaut ist. Wie Anfang und Ende, das erste und das letzte Wort, zusammenfallen und sich sogar wiederholen: der Fluss fließt. Heraklits panta rhei. Das einzig Beständige ist die Vergänglichkeit. Jakobson hat den Fluss getilgt, um den Vers eleganter und leichter zu machen und hier zeigt sich die ewige Krux des Übersetzens: Wenn man nur eine Kleinigkeit übersieht oder tilgt, verliert gleich das Ganze an Gewicht. Nicht grundlos also schmeißt Andrej in Nostalghia die Tarkowski Übersetzungen gegen die Wand. Sie sind eine Brücke und unabdingbar. Aber sie tragen nicht immer, können manchmal nur ein Vorgeschmack sein. Nichtsdestotrotz hat Martina Jakobson dieser Bildwelt behutsam nachgespürt und das Flirren und Leuchten der Bilder dieser mystizistischen Dichtung in die deutsche Sprache hinübergerettet. Das Schnörkellose, nüchtern Erdschwere aber, dass in ihr so einen bedeutsamen Kontrapunkt bildet, geht manches Mal in der Zartheit der Übertragung verloren. Den Reim hat Martina Jakobson wo es sich anbot übertragen, wo es nicht stimmig war unterlassen; so dass die Übersetzung ein leichter Nachhall des gereimten Originals ist.

Ein Dichter, der es vermag die Schönheit der Steppenlandschaft seiner Kindheit, der Birkenwälder und Pappelflocken zu beschreiben, ist zumeist auch prädestiniert die Schönheit der Frauen eindrücklich und behutsam zu schildern. Sei es ein Liebesgedicht auf eine flüchtige Bekannte mit dem Titel Ich hab mir ihre Anschrift auf einem Stück Papier notiert oder die seiner dritten Frau Tatjana Oserskaja-Tarkowskaja gewidmeten Gedichte, in denen er sie mit Engeln und Vögeln gleichsetzt: Zartheit, Dankbarkeit und Demut zeichnet die den Frauen gewidmete Lyrik aus.

Und auf ihre Wimpern, den Pelz
und die grauen Handschuhe fiel der erste flauschig-nasse Schnee.

Der Laternenanzünder kam die Straße entlang, zündete das Licht an,
es flackerte und entflammte als führte es Hirtentänze auf.

Wir entspannen ein flockiges, loses Gespräch,
leichter als jeder Flaum, ein sprühender Funke… Zehn Jahre ist es her.

Ihre Anschrift hab ich verloren – ihr Name, nichts ist mir im
Gedächtnis geblieben…

Eine Lyrik die Anna Achmatowa nicht zu Unrecht als einen „Höhepunkt der russischen modernen Dichtung“ bezeichnete.

Definitiv, hier steht ein Dichter im Westen noch zu Unrecht im Schatten seines genialen Sohnes.

Arsenij Tarkowskij
Reglose Hirsche
Herausgegeben und übersetzt von Martina Jakobson
Edition Rugerup
2013 · 160 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-942955-40-9

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