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Kritik

Indien und das Gespenst des Faschismus

Arundhati Roy sieht eine Dämonkratie

Wie ein böses Omen kamen die Heuschreckenschwärme im Frühjahr 1915 über die armenischen Dörfer. Nur wenige Monate später begannen die Massaker und Vertreibungen der türkischen Nationalisten an der armenischen Bevölkerung, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Die Türkei leugnet den Genozid bis heute. Wer anderes behauptet, dem droht ein Verfahren wegen Verunglimpfung des Türkentums. Den armenischen Journalisten Hrant Dink hielt dies nicht davon ab, bei der Wahrheit zu bleiben, doch diese Wahrheit kostete ihn das Leben. Ein junger türkischer Nationalist erschoss ihn im Januar 2007 auf offener Straße. An seinem ersten Todestag blickte die indische Schriftstellerin und Booker-Preisträgerin Arundhati Roy in Istanbul auf den armenischen Völkermord zurück und zog Parallelen zur politischen Situation in ihrer Heimat, wo zunehmend eine radikale, antimuslimische Stimmung regiert.

In ihrer aktuellen Essaysammlung „Aus der Werkstatt der Demokratie“ macht Roy deutlich, wie radikale Hindunationalisten in den vergangenen Jahren das politische System Indiens gekapert und der indischen Gesellschaft ihr „faschistisches“ Gedankengut eingeimpft haben. Ihre Ausführungen erwecken den Eindruck, dass die Verfolgung der Minderheiten, insbesondere der Muslime, zugunsten der hinduistischen Mittelschicht inzwischen Staatsräson zu sein scheint. Den ketzerischen Populismus von Politikern, Richtern und Journalisten hält sie für den unheilvollen Vorboten eines drohenden Genozids an der muslimischen Bevölkerung Indiens. „Ja. Es liegt Völkermord in der Luft“, attestierte Roy ihrem Heimatland in der Istanbuler Rede.
Hintergrund für ihre schweren Vorwürfe sind antimuslimische Gewaltereignisse, wie der „Genozid in Gujarat“ im Frühjahr 2002, der gleich im Mittelpunkt mehrerer Essays in dem vorliegenden Band steht. Nachdem bei einem Anschlag auf einen Eisenbahnwagen 58 hinduistische Pilger umkamen, zogen nationalistische Schlägertrupps bewaffnet durch die Städte des indischen Bundesstaates Gujarat und verfolgten tagelang die muslimische Bevölkerung. Ausgestattet mit computergenerierten Listen des indischen Katasteramtes [sic!] suchten die marodierenden Horden muslimische Geschäfte und Wohnhäuser auf und trieben deren Besitzer und Bewohner dem von den politischen Kommentaren aufgestachelten Mob in die Arme. Dieser fiel über die Muslime her, als gäbe es kein Morgen. Weder Polizei noch Sicherheitskräfte, von denen Indien allein in der umkämpften Kaschmir-Region eine halbe Million permanent einsatzbereit hält, versuchten, den Meuchelmord an circa 2.000 indischen Muslimen zu stoppen.

Die indische Politaktivistin und Globalisierungskritikerin Arundhati Roy legt in ihren Aufsätzen die Gemengelage aus politischer Verfolgung und Kriminalisierung der muslimischen Bevölkerung, ihrer sozialen Marginalisierung und kulturellen Repression vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation offen. Ihre Texte können daher wie Einzelfallstudien über den Zustand der indischen Demokratie unter den Vorzeichen von Fremdenfeindlichkeit, Anti-Islamismus, Neoliberalismus und Globalisierung gelesen werden.

Um die Wut in Indien auf die überbordenden sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten abzuleiten, brauchten die staatlichen Autoritäten einen kollektiven Feind, meint Roy. Angesichts des internationalen Antiterrorkampfes und der in vier Kaschmirkriegen tief verwurzelten Feindschaft mit dem muslimischen Nachbarstaat Pakistan war dieser Gegner in der muslimischen Bevölkerung schnell gefunden. Obwohl etwa 150 Millionen Inder islamischen Glaubens sind, gelten Muslime in Indien als Staatsfeind Nr. 1.

Der Anschlag auf das indische Parlament im Dezember 2001, bei dem die fünf unbekannten Attentäter umkamen, scheint den indischen Autoritäten in Roys Rückblick eine willkommene Gelegenheit geboten zu haben, ihre antimuslimische Polemik salonfähig zu machen. Nur wenige Tage nach dem Attentat behauptete die staatliche Antiterrorismuseinheit, dass zwei in Pakistan ansässige muslimische Terrorgruppen und einzelne indische Muslime hinter dem Anschlag stecken würden. Staatsanwälte ermittelten in dieselbe Richtung, die Medien kolportierten ungeprüft diese Informationen. Menschenrechtsaktivisten und Anwälte stellten später fest, „dass unschuldige Menschen von der Polizei und der Presse falsch beschuldigt, dass Beweise fabriziert wurden, das Zeugen logen und Verfahrensvorschriften in jedem Stadium der Ermittlungen missachtet wurden“ – zum Zwecke der antimuslimischen Propaganda. Die Stimmung im Nachhinein wieder geändert hat dies aber nicht.

Diese antidemokratischen Tendenzen sieht die Autorin in der Tatsache begründet, dass sich Indien in einer Ära befindet, „in der mit Gewalt gerafft wird“, in der „die Demokratie und die freie Marktwirtschaft zu einem einzigen Raubtier verschmolzen sind“. Wie stark insbesondere die gesellschaftlichen Minderheiten Indiens von den neoliberalen Privatisierungs- und Ausbeutungstendenzen betroffen sind, machte Roy bereits in ihrer 2002 erschienenen Essaysammlung „Die Politik der Macht“ deutlich. Der Anschlag von Mumbai im Dezember 2008 ist für sie daher eher „ein Symbol für die leichtfertige, obszöne Ungerechtigkeit“ in der indischen Gesellschaft, die der Raubtierkapitalismus noch verstärkt hat. Indiens ehrgeizigen geopolitischen Ziele und die gesellschaftlichen Spannungen aufgrund der sozialen Ungerechtigkeiten kulminieren Roy zufolge in einem unausgerufenen Bürgerkrieg gegen die in Indien lebenden Muslime. Das wir die Gestalt dieses Krieges erkennen können, ist nicht zuletzt den Texten zu verdanken, die in Arundhati Roys neuem Essayband versammelt sind.

Arundhati Roy
Aus der Werkstatt der Demokratie
Übersetzung:
Anette Grube
S. Fischer
2010 · 336 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-100660664

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