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Kritik

Gedichte – was sonst?

Zum 70. Geburtstag von Axel Kutsch
Hamburg

Die Antwort der Dichter

Vom Berge winken die Dichter.
„Sieh nur, jetzt schwenken sie Lichter.“
Die Dämmerung hat sie verschattet.
Ihr Schwenken wirkt reichlich ermattet.

„Was soll uns ihr Schwenken bedeuten,
uns einfachen lesenden Leuten?
Was woll’n uns die Dichter sagen?“
„Geh rauf auf den Berg und sie fragen.“

(Eine Stunde später)

„Du bist auf den Berg gestiegen?“
„Ja, aber die Dichter schwiegen.
Sie schwenkten nur ihre Lichter.“
Das war die Antwort der Dichter.“

Ende der Neunziger las ich dieses Gedicht von Axel Kutsch, wenn ich mich recht erinnere, zum ersten Mal. Jedenfalls gab ich es einmal im Deutschunterricht kurz vor dem Abitur zum Besten, als mir das hirnlose Gedichtgefledder in Kombination mit dem Unwort „Intention“ mal wieder gehörig auf den Keks ging. Es sind zahlreiche Kutsch-Poeme in Schulbüchern erschienen. Dieses ist meines Wissens nicht darunter. Schade eigentlich.

Als ich Axel kennenlernte war ich gerade siebzehn, und kein anderer hat mich je auch in Zeiten größten Zweifels so sehr zum Weitermachen ermutigt wie er. Meine erste Veröffentlichung war ein Gedicht in seiner Anthologie „Blitzlicht. Kurzlyrik aus 1100 Jahren“ (Liebe, Weilerswist 2001). Es folgten viele weitere. Jetzt sitze ich am Istanbuler Schreibtisch und arbeite an meinem sechsten Lyrikband. Und ich weiß, dass ich höchstwahrscheinlich nicht hier sitzen und Verse schmieden würde, wäre ich Axel damals nicht begegnet. Ich wäre wohl noch immer ein eifriger Leser, eventuell würde ich hin und wieder ein paar Zeilen schreiben – aber das wär’s dann auch.

Im Laufe der Jahre hat Axel meine Arbeit auf vielerlei Weise begleitet und immer wieder kritisch kommentiert, mich auch manches Mal gebremst, wenn ich zu übermütig wurde. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft, für die ich sehr dankbar bin. Und da bin ich auf die ein oder andere Weise sicher nicht der einzige. Ich kenne so manchen Dichter, der seine Erstveröffentlichung in einer Kutsch-Anthologie erlebte, und gerade in jungen Jahren ist das eine unschätzbare Motivationsquelle.

Diesen Entdeckergeist hat Axel bis heute – man findet ihn in jeder der bald dreißig Anthologien, die er seit Mitte der Achtziger herausgegeben hat. Immer wieder Seite an Seite mit etablierten Namen gänzlich unbekannte und oft auch sehr junge Stimmen. Seit gut drei Jahrzehnten kartographiert Axel Kutsch unermüdlich deutschsprachige Lyriklandschaften, sei es anhand bestimmter Themen, sei es in Form der seit 2008 erscheinenden Reihe „Versnetze“ – in diesem Sommer kommt bereits der achte Band.

Unter dem Motto „Gedichte – was sonst?“ feiert das Literaturhaus Köln am 9. Juni 2015 Axel Kutschs 70. Geburtstag (16. Mai), moderiert von Guy Helminger, und aus demselben Anlass erscheint im April im Verlag Ralf Liebe der Band „Versflug. Ausgewählte Gedichte 1974 – 2015“ sowohl als Taschenbuch als auch in einer limitierten Ausgabe mit Fadenheftung. Neben einem umfangreichen Überblick über Kutschs Werk als Lyriker enthält der Band auch fast 50 neue Gedichte aus den letzten Jahren, die teils noch unveröffentlicht, teils bereits in Anthologien erschienen sind.

Man kann das ein „Best of“ nennen, ein „Greatest Hits“ mit B-Side, auf jeden Fall versammelt dieser „Versflug“ all das, was ich an Axel Kutschs Gedichten so schätze: Den manchmal heftigen, manchmal sanften, oft sehr bissigen Humor ebenso wie den besorgten, zweifelnden Intellektuellen, der ratlos auf den Irrsinn der Welt blickt und diesem Irrsinn Strophe um Strophe die Kraft des Wortes entgegenschmettert, dem schönen Schein achselzuckend die Kleider vom Leib reißt. Im Zentrum stehen dabei die frühen politischen Gedichte (an die er in den letzten Jahren wieder angeknüpft hat) einerseits und ironisch-witzige Metalyrik andererseits, die das Dichten und den Dichter selbst humorvoll sezieren, aber auch die Überhöhung, mit der der Lyrik oft begegnet wird – siehe eingangs zitiertes Gedicht. Sein Humor brachte ihm einst den Vergleich mit Morgenstern und Ringelnatz ein, denen er, ebenso wie Goethe, Heine und vielen weiteren, huldigt indem er sie (oft, aber nicht immer) durch den Verskakao zieht.

Und dazwischen tummeln sich diese wunderbaren Bilder, die wiederum metalyrisch sich selbst aufs Korn nehmen, wie hier: „Ich stehe am Strand. / Der Horizont eine Metapher, / die mir nicht gelingt.“ Überhaupt geht es so oft ums Nichtgelingen, um den Dichter, der vor dem weißen Blatt zu verzweifeln droht und daher Nichtgedichte schreibt:

Werte Freunde des Gedichts,
leider geht es hier um nichts.
Kein Geheimnis, keine Klagen –
das Gedicht hat nichts zu sagen.

Ohne Tiefgang, öde, leer,
glatte Verse ringsumher.
So etwas ist kein Gedicht.
Lesen Sie es lieber nicht.

Ob Sonett oder Haiku, ob gereimt oder nicht – und natürlich verballhornt ein bewusst holpriges Gedicht das Metrum – Axel Kutschs Gedichte sind eine schiere Freude. Über manches werden vor allem Dichter lachen können, aber auch der lyrisch eher unbedarfte Leser wird meist seine Freude haben – die ihm manches Mal im Hals stecken bleiben wird. „Was uns fehlt“ muss nicht, darf aber gerne als Kommentar zu den immer wiederkehrenden Debatten und Debättchen der Literaturszene gelesen werden:

Paar Gedichte, daß
die Fetzen fliegen,
paar Reime, die
die Köpfe sprengen,
eine Ästhetik, die
um sich schlägt –

eine Nullnummer
des Aufruhrs sozusagen,
die ordentlich weg-
gelesen wird.

„Versflug“ ist eines jener Bücher, bei denen man arge Probleme hat, ein Gedicht auszuwählen, das man zitieren möchte – denn im Grunde möchte man alle zitieren. Das ist eine Sammlung, die nicht nur in die Schulen gehört, sondern auch ins Bücherregal jedes Lyrikers. Und in die Regale aller Leser sowieso. „Der Morgen graut. / Der Dichter ist besoffen. / Er suchte nach dem Zauberwort / und hat es wieder nicht getroffen.“ schreibt Kutsch „Über die Vergeblichkeit“. Eins ist klar: Hier ist gar nichts vergeblich. Das Zauberwort fängt Axel Kutsch wieder und wieder ein. Aber er romantisiert es nicht, sondern lockt es von seinem Sockel und schubst es ins helle Tageslicht. Da gehört es hin.

Danke, lieber Axel.

Axel Kutsch
Versflug
auch als Taschenbuch erhältlich
Ralf Liebe Verlag
2015 · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-944566-39-9

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