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Kritik

Tausend Plätze, nur ein Ort

Die Lyrikanthologie „Versnetze_sieben“ intoniert unterschiedlichste Gesänge
Hamburg

In dieser Besprechung von Versnetze_sieben (im Buchanhang findet man auch knappe, aber hilfreiche bio- , bibliographische Angaben) werden von ihren zweihundertundzwanzig nur vier AutorInnennamen genannt: Hans Bender, Virgilio Masciadri, Robert Schaus, Caroline Hartge; eine ganze Anzahl allerdings kommt über ihr dichterisches Wort zum Zuge.

Wie konnte es gelingen, seit 2008 jährlich eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik herauszugeben, die wirklich etwas gilt? Wohl dann, wenn der Herausgeber eingangs anspruchsvolle Auswahlkriterien nennt und sie im Buch überzeugend umsetzen kann. Geschieht das auch in Versnetze_sieben?

Hier komme also „deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ zusammen. Ja, lebende LyrikerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet (von ihnen etwa ein Drittel weiblich) sind aufgenommen, fünf Postleitzahlgruppen zugeordnet (Die Hauptstadt erscheint dabei übrigens nicht per se als lyrischer Nabel.); dazu achtzehn im Ausland lebende; bedauerlicherweise verstarb noch im Jahr der Veröffentlichung der Schweizer Autor Virgilio Masciadri. Sie alle werden mit einem bis vier, im Fall Hans Bender, dem seit langem so profilierten und ältesten Autor im Buch, mit neun Texten vorgestellt. Zwischen 1919 und 1997 bewegen sich schließlich die Geburtsjahre der LyrikerInnen in Versnetze_sieben.

Neben arrivierten kommen in Versnetze_sieben auch weniger bekannte Autoren zu Wort.“, so der Herausgeber im knappen Vorwort. Ja, wir finden diejenigen berücksichtigt, die gewohnt sind, ihre Namen in den Feuilletons anzutreffen; dann diejenigen, Insidern schon längst lieben AutorInnen aus einer bewährt spielstarken Lyrikliga; sowie auch - zu des Lesers Glück – diejenigen, die nur über die nackte Qualität ihrer Zeilen auffallen müssen (und als solche aber auch nur von einem fähigen und entsprechend gestimmten Herausgeber entdeckt werden).

Apropos Zeilen? Was ist also 2014 Lyrik? Auffallend, wie stark landläufig als Prosa Aufgefasstes an die Lyrik herandrängt. Provokativ ließe sich fragen: Wollen hier vielleicht frustrierte Erzähler eine Heimat finden oder erfährt die traditionelle Lyrik so Profilzuwachs? Falls das Vorhandensein einer Verszeile weiterhin ein Kennzeichen von Lyrik ist, überzeugt ein zunächst prosaähnlicher Text formal dann mehr, wenn auch im Abdruck die unterschiedliche Zeilenlänge des Originals zweifelsfrei dokumentiert, ein Zeilensprung als eindeutig autorengesetzt nachgewiesen wird wie in

Statusmeldung I: Heute sagst du Du zu dir. Ein Test, ob es für / freundliches Zunicken reicht. Ein bisschen / Small-Talk. So was wie: abends wird es / wieder heller. Nebenan hunderte von Status - / meldungen. Anläufe, die Welt zu retten. […]

Beruhigter ist die traditionelle Lyrikleserschaft wohl auch dann, wenn sie in solcher Lyrik - Erzähler von Rang, bitte, weghören! – nicht gerade auf prononcierte Formpräferenzen der Prosa trifft: das Chronologische, das Parlando, die exklusive Alltagssprache. Denn wunderbar dicht geht es in dieser Anthologie wahrlich zu, ist die Ankündigung der „Vielstimmigkeit“ eingelöst, sowohl hinsichtlich der Form als auch des Gegenstands.

Formale Aspekte in Versnetze_ sieben betrachtend, soll natürlich nicht mehr auf mittlerweile Selbstverständliches besonders hingewiesen werden wie die sehr beliebte Kleinschreibung in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik mit ihrer tatsächlich oftmaligen Überlegenheit in puncto Mehrdeutigkeit. Aber dass der Reim lebt, verdient doch einen Extrahinweis. Hat man sich ansonsten heutzutage - wider besseres Empfinden eher – schon daran gewöhnt, bei seinem Auftritt ein wenig zusammenzuzucken, lässt sich in Versnetze_sieben beschauen, wie gerade der Reim sich unserem allgemeinen Lebensgefühl, bloß Opfer, Treibholz zu sein - sich eben auf vieles keinen Reim machen zu können -, überzeugend entgegenstellen kann, denn er baut sich ein kleines eigenes, seetüchtiges Boot:

Das große Kind: Ich mache meine Arbeit, / ich gehe heute aus. / Ich lasse einen Zettel, / um zehn bin ich zu Haus. // Ich schwitze eine Runde, / ich habe eine Hand. / Ich taste einen Körper, / die Liebe ist rasant. // Ich komme etwas später, / ich höre wieder zu. / Ich sage, was ich denke. / Verloren ist ein Schuh.

Möge sich im Übrigen doch das Lyrische Ich weiterhin überwiegend zu einem „ich“ durchringen! Ist nicht in der Lyrik sein Refugium? Müssen gerade auch noch DichterInnen mit erlebnisabdämpfendem „du“ (das hat natürlich mitunter seinen rechten Platz) operieren, damit Authentizitätsanspruch schmälern?

Gutheißen wir die Entscheidung des Herausgebers, auch das landläufig schnell als kalauerhaft abgetane Gedicht aufzunehmen, denn erstens erzielt hier wie nebenbei der zumindest in manch anderer Anthologie deutschsprachiger Lyrik merkwürdig selten gewürdigte Humor einen Auftritt und zweitens stellt sich dann meist Volksnähe ein, was ja auch nicht gerad immer schaden muss:

Hippie-end: Jerry saß tagein tagaus / vor dem Seniorenhaus / stierte vor sich auf den Boden / kratzte hie und da die Hoden / grau der Bart und grau die Mähne / ein Trümmerfeld die braunen Zähne / an der Unterlippe / klebte eine krumme Kippe // […]abends sinkt er stoned ins Bett / wartet auf den Grateful Dead

Die rheinische wie auch die fränkische (?) Mundart haben Anlass zur Freude, erhalten sie doch den lyrischen Ritterschlag in Versnetze_sieben:

sisyphus: ich koo machn / wossi will: / jedä schdaa woui /affm berch naufrollä / rolläd widdä roo: / es nächsde mall / kummi glei / als schdaa / aff die weld.

Wie steht es mit der Länge der Gedichte? Das lange Gedicht scheint eher auf dem Rückzug, was nach Hans Bender eine kluge Entscheidung sein könnte:

Vierzeiler: Ich weiß, in Lyrikdiskussionen / werden sie nicht mitgezählt. / Ich hab sie, trotzdem, im Alter / zur liebsten Form gewählt.

Mehrfach geht es auch noch kürzer, der Zweizeiler scheint für das Ambivalente wie geschaffen:

Auf deinen Lippen Suizid: Wenn ich bleibe, gehe ich daran zugrunde . / Gehe ich, bleibt mein Herz.“

Es versteht sich, dass auch das sprachlich scheinbar einfache Gedicht, unspektakulärem Vokabular vertrauende Gedicht ganz lyrisch wirken kann:

Du tätscheltest mir die Schulter / wolltest dass ich glücklich bin […]“ spricht Robert Schaus allen entgegen und nimmt uns so auch nach seinem Tod 2015 weiterhin mit.

Häufig in Versnetze_sieben: das prononciert lyrische Gedicht, Stützpfeiler für jede Anthologie von Klasse:

Tastbar: Ein Wort, dir entgegen- / gestoßen, mein Aber- /wort, in der Herzglut gehärtet / zum Dorn. // Er stößt, stößt nicht, / stößt zu mir, wo / Strudel das Ufer höhlen. // Eingeschält in neuer Haut, / härter denn je, / wachse ich. // Auch der Dorn wächst. /Er wächst hinaus / über die Scheren, wächst zum Fühler. // Tastbar ein Morgen. Der erste Lichtstrahl / mein Blindenstock.“

Indem wir auf ein gelungenes Beispiel für die Konkrete Poesie, nämlich

Siech+++++++++++++++
++++++++++++++++++
++++++++++++++++Heil

verweisen, lassen sich Thematiken guter zeitgenössischer Lyrik im deutschsprachigen Raum in den Blick rücken, die deshalb auch in Versnetze_sieben mehr als einmal auftauchen: Eben zum einen das sozialkritische Gedicht mit seinen vielfältigen Brennpunkten.

Dann der Text, der das Dichten als solches thematisiert:

[…] Also bleiben, wahrnehmen, wachen. // Und Sprache sammeln / für etwas, das sich wiederfinden will, / verwandelt, / im Auge / des Gedichts.

Wo eine ganze Anzahl der Gedichte sich mittels Textbezug bzw. per Widmung – vom Ton her wähnt man in drei, vier Fällen ohnehin mit einem Fried, Brinkmann, Rilke (es war als würde alles abschied nehmen / und schatten trüge jeder tag) einherzuschreiten - in sympathisierender Absicht an Lyrikgrößen wendet: etwa Apollinaire Ungaretti, Kunert, so ist doch auch die ironisch-scharfe Riposte nicht ausgespart:

Im Krieg mit Ernst Jünger: Machen Sie es sich bequem / in diesem blutigen Fest. / Legen Sie sich entspannt hin. / Sterben Sie in weich hingegossener Haltung. […].

Ebenfalls unter Beschuss, u.zw. mittels eines seinerseits preisverdächtigen dichterischen Feuerwerks, gerät ein prominentes Literaturpreisfestival:

klagenfurtbachmann: sprachfleischverrichtungszimmer. gänsefett und rückporto / vierzehn nestlinge tirilieren vor ihren zaunkönigen. / in ihren gärten grasen poussierende hasen. […]

Zudem beliebt: der lyrische Text, der ein Kunstwerk bespricht wie Munchs Schrei:

[…] Auf welche/ der Fragen antwortet, / das Entsetzen, das / uns anblickt?

Bemerkenswert ein Gedicht, das, von Ferne an Morgensterns Palmström erinnernd, einen wohl auf Wiederverwendung, also Wiedererkennung angelegten Sprecher aufführt:

fürwahr – kraus wird kalt und lacht: […]kraus hört es dort fragen nölen raufend klagen / aus aufgewühlten morschen waldbaumstämmen / kraxeln jungbläulich dunggreulich zerkleinert / die fremden rindlichen borkengesichter

Wir finden das anspruchsvolle Liebesgedicht vor wie auch, auf diese Weise erst recht glaubwürdig den Anspruch der „Vielstimmigkeit“ einlösend: das geistig-geistliche Gedicht:

Großer Mittag: […] Und der Tag reißt auf und du siehst ihn / - und der Abend fand hinaus - / und du lehnst am Licht und zum Gott hin / fällt alles und löscht sich aus.

Glücklicherweise vom Herausgeber als unverzichtbar angesehen: das gelungene Naturgedicht, dabei, vielleicht Michael Krüger folgend, der 2003 auch für Hermann Lenz, den Lyriker, eine Lanze bricht, indem er dessen „mitleidende, uneingeschränkte, von keinem neumodischen Distanzierungswunsch getrübte Liebe zur Natur“ preist. So lesen wir bei einer Großstadtautorin:

Flußlauf: […] wenn die Weiden sich zur Ache neigen / kann ich spüren könnt ich spüren / golden strömend ist die Weide wie das Wasser / wie mein Körper. Lichtgleich alles / ist ein Ruhen ist ein Fließen / mit dem Lauf“

Natürlich finden wir den internationalen Schauplatz des Erlebens bzw. Besprechens vor: Prag, Spanien, Afrika, Argentinien: Dort darf selbstverständlich auch in einem, ja, natürlich immer noch „deutschsprachigen“ (s. Buchtitel) Text über den Tango manch spanisches Wort auftauchen, was funktionale Bereicherung darstellt; angenehmerweise fehlt in Versnetze_sieben ganz das imponierlüsterne Gedicht über die letzte Fernreise.

Besonders interessieren werden uns in Versnetze_sieben zwangsläufig die Texte über unser Leben mit bzw. in der Elektronik, ihren Daten, deren scheinbar sanften, aber wirksamen Vereinnahmungstendenzen, wie sie wahrhaftig unsere „Gegenwart“ (s. Buchtitel) bestimmen:

Überbordender datenflow in extase schwimmen die versuchsreihen von / mehrzahl analog entbrandender synästhesien in glasfaseroptik sich ergießende pixel / sounds megakonklomerate des wir-sind-schön-wir sind fit zu ständig sinkenden / preisen […]“

So dass in einem weiteren Gedicht das Aushecken einer Internetadresse

http://www.kokon/verpuppung/metamorphose.org

als aussagemäßig stimmig erscheint.

Ein ganz besonders schönes Gedicht (Rhythmus, Wort, Bild, Magie) in Versnetze_sieben ist Caroline Hartge, mittlerer Autorenjahrgang, gelungen, und der Herausgeber hat dankenswerterweise die Qualität des Textes erkannt, auf diese Weise das literarisch gute, sehr gute, hervorragende Niveau aller übrigen AutorInnen in Versnetze_sieben bekräftigend:

IM FENSTER HÄNGT ein schwarzer mantel nacht / ich weiß nicht wann es stehen heißt wann liegen // nie anderswann als nachts // ich bin in fremden federn schön / warm trägt mich deine hand voran // himmelüber eine fläche aus zerknittertem papier / es gibt kein wort für das geräusch.“

Mit Versnetze_ sieben hat Herausgeber Axel Kutsch erneut eine treffsichere Auswahl aktueller deutschsprachiger Qualitätslyrik getroffen. Schon stellt sich Vorfreude auf die nächste Ausgabe der Versnetze ein.

Realisierender Verlag ist der Ralf Liebe Verlag, der ein beachtenswertes Lyrikprogramm auflegt, u.a. das Reiner Kunze Lesebuch Dichter dulden keine Diktatoren neben sich herausgibt. LeserInnen von Versnetze_sieben werden ihre persönlichen lyrischen Schätze heben!

Axel Kutsch (Hg.)
Versnetze_sieben
Verlag Ralf Liebe
2014 · 324 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3944566276

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