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Kritik

Gegenwart, die andernorts fehlt

Axel Kutsch wirft einen Blick auf die deutschsprachige Lyrik

Es geht da um viel Pippikram: ob einer einen Freund hat in einer Literaturpreis-Jury (und nur so zu den verliehenen Weihen kommt) und ob einer eine website in schlechter Erinnerung hat, weil er mit seinen Texten dort abgeblitzt ist und er diesen Platz deshalb aus der Ferne und immerhin dann anders betrachtet ...das ist der Stoff aus dem die Lyrikdiskussion heute ist. Eine wirklich fundierte Auseinandersetzung über die Lyrik der Gegenwart loszustoßen gelingt selten – häufig genug gibt es starke Abgrenzungsbestrebungen (wahrscheinlich sind das –notwendigkeiten), ironische Masken bis hin zu bewußt zelebrierter Arroganz.

Man will die detaillierte Trennung und den Aufenthalt im Kleinkram und den Kleinkram noch mal verkleinern, so daß am Ende sich alles beim Einzelnen und an die einzelne Zelle verliert mit ihren Wimpern, empfindlichen Miniatur-Rudern und -rezeptoren, die zulassen oder abstoßen und Bewegungen anfachen oder ändern.

Ein jeder lebe seinen eigenen poetologischen Entwurf wie einen Mantel. So muß es auch sein, sonst haben wir auswechselbare Gedichte. Aber oft genug bedient man sich falscher Kleider und es entstehen Texte, en vogue, die von sich sagen, weil an ihnen herumgeschraubt und gebastelt, an ihnen Tabus gebrochen und neue Formen probiert wurden, seien sie ein Gedicht. Es sind nur Texte, die auf dem Weg sind. Kaum mehr.

Wie gut tut es da, wenn einer dazu einlädt die ganze Strecke abzulaufen und nicht sich abzukapseln in einem einzigen Bezugssystem als einem Reservat. Wenn er vernetzen will und Strukturen aufweist, die einer höheren Ordnung entstammen: dem guten Gedicht. Man findet das gute Gedicht nicht sehr häufig. Man findet Strukturen, die dorthin streben und das Streben nach Strukturen, die als Gedicht durchgehen. Für einen Hype reicht das mittlerweile, weil die Medien nach Oberflächen suchen, die man präsentieren kann. Für eine Lyrik vom Jetzt braucht man aber mehr, vor allem auch mehr als nur eine Gegenwart.

Die Anthologien von Axel Kutsch sind seit je Entdeckungsreisen. Sie zieren sich nicht. Da sind keine ausgesuchten Szenerien auf Stellwänden, keine Kulissen, auf denen lyrische Bodybuilder mit einem Zahnpastalächeln vorbeigezogen werden, mit dem Anspruch hier wäre man im richtigen, im garantiert neuen, im sensationell aktuellen Film. Bei Kutsch ist die Lyrik kein Kulissenschieber sondern Landschaft pur. Das ist nicht sortiert nach Alter oder Metropole, nach provozierter Verheißung --- und überrascht trotzdem.

Kutsch lädt ein sich umzuschauen und hier wie dort zu genießen. Es ist ja noch nicht verboten Lyrik lesend zu genießen und Gedichte zu mögen, deren Eigenleben Kontakt mit dem Leben anderer hält. Wie belanglos da Begleitattribute wie bspw. das Geburtsdatum werden! Die poetische Spritzigkeit, die man bspw. in den Sprachphiolen des über 80-jährigen Maximilian Zander findet, perlt anhaltender als sie es in manchen gepriesenen post-post-post-modernen Porridges je können wird. Und Kutsch hat Dichter auf dem Plan, die sich einen feuchten Kehricht um die ganze Olympiade, wer denn jetzt das modernste Gedicht veranstaltet, kümmern, sondern einfach nur gute Lyrik schreiben (wie Gerrit Wustmann,  der sie darüber hinaus wunderbar unprätentiös und trotzdem eindrucksvoll zu lesen versteht). Und wer weiß beispielsweise, daß der Annaberger Künstler Jörg Seifert seit Jahren schon beachtliche und manchmal wundervolle Gedichte schreibt. So nebenher.

Wenn man hinschaut, gibt es eine Landschaft aus Landschaften. Kutsch kennt die Gebiete, hat aber auch die weite Sicht: „Versnetze_zwei“ bringt, das sagt der Untertitel, „deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ und zwar auch von Gegenwart, die andernorts fehlt.  Sie geschieht anders, nicht unbedingt im Netz und nicht unbedingt im Buch. Sie geschieht auch im Alter und auch auf dem Land und ist nicht minder gegenwärtig. Es tut sehr gut, diesen Welten einmal im Zu- und Miteinander zu begegnen. Da relativiert sich manches. Und es ist entspannend und aufregend zugleich. Man kann das Buch nur jedem empfehlen, der ein genaueres Bild von der gegenwärtigen Lyriklandschaft gewinnen will, als es die oft gewollt einseitig gezeichneten Grafiken der ansonsten überforderten Feuilletons spiegeln.

Axel Kutsch
Versnetze_zwei
Das große Buch der neuen deutschen Lyrik
Ralf Liebe
2009 · 320 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-935221863

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