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Arminius, der Proto - Germane?

Hamburg

Kleist ist einer der Meistdenunzierten in der Literaturgeschichte, jene Verehrer, die in ihm doch nur ein Instrument sahen, ihrer Dummheit, ihrem Wahn oder ihrer Skrupellosigkeit ein kulturelles Deckmäntelchen zu schaffen, haben an ihm ihre Spuren hinterlassen. Gerade darum darf man ihn und den topos der Hermannsschlacht dieser Klientel nicht überlassen, so ist jede nüchterne Arbeit, die akkurate Exegese leistet, sehr willkommen. Genau dies tut Barbara Vinken, solide und zugleich elegant arbeitet sie heraus, was die Texte Kleists wirklich sind, was vor allem das seit langem suspekte Stück um jenen Arminius uns bedeuten kann.

Dabei ist vieles schon gesagt, sowohl zu Kleist, der Grausamkeit und Sprachlosigkeit ja vor allem dekonstruierte – man lese hierzu unter anderem Uwe Schütte –, als auch zu Arminius, dessen Name Hermann/Herrmann schon ins Mythische spielt, da der germanische Name des Cheruskers unbekannt ist und die Eindeutschung des Namens Arminius eine Fiktion indiziert (Märtins Die Varusschlacht wäre als empfehlenswerte Lektüre hier zu erwähnen): Man konnte also schon bei der Not des Namens ahnen, daß jener überlebensgroße Germane „Germania […] nicht behauptet, sondern zersetzt” (Vinken)… Man konnte, man hätte gekonnt, Vinken hat’s in mancher Hinsicht endlich getan, auch, indem sie manchen Befund auf noch eine griffigere Formel brachte.

Vor allem in Bezug auf die heikelsten Werkteile, die die Fehllektüren und –darstellungen lange als kulminierende Nazi-Antizipation sehen wollten, und sei’s anklagend, ist Vinkens Richtigstellung wichtig: weil sie, auch wenn man’s nicht glauben mag, eine der ersten ist, die liest. Sie kann mit ihrem close reading überzeugend und genau verorten, wo das Nationalistische Kleists ist – nämlich vornehmlich in den Hirnen der „ideologischen” Leser. Kleist aber sah wohl die Defizite eines noch nicht einmal nationalen Deutschlands, um doch schon die Diskurse zu entgrenzen, postnational und europäisch weiterzudenken. Und so sind die Germanen bei ihm (wie schon bei Klopstock) nicht ein nationaler Typus, sondern Demokraten – die Römer aber die Tyrannen, wenngleich es unter ihnen auch andere gibt. So kommt es schon bei Klopstock zu fast unheimlichen Verwechslungen zwischen Germanen und Römern”, wie Vinken schreibt.1 Und auch Kleist hintertreibt die Oppositionen, was indiziert, inwiefern eine Partei der anderen – eben bedingt – an Moralität überlegen sein mag. Faschistoid sind hier allenfalls jene, die das Drama, worin Kleist Herrmann agieren läßt und dabei dekonstruiert, widerlegt; es ist eine Anklage vorschneller Grenzziehung:

       „Was Kleist auf der Bühne zeigt, ist das Gegenteil von dem, was
        Herrmann sagt. Es ist folgendes: Römer und Germanen, Deutsche
        und Franzosen sind trotz der nationalistischen Stereotypen
        seiner Zeit nicht grundverschieden, sondern schlicht diesselben,
        brüderlich entzweit in der Geschichte ein und derselben Gewalt.”

Dieser Befund Vinkens ist dann schon die Anklage jener, die an diesen Stereotypen stricken, die Anklage Kleists an manipulativer Herrschaft, die die Aggression, die sich sonst gegen sie richtete, auf den Anderen abwendet – den Aufständischen wie den Usurpator… Waren es Freiheitskämpfer, die auf die Herrschaft trafen, waren es Betrogene und Unterjochte, deren Fatum ein Soldatenputsch war? – Historisch ist es
unklar, bei Kleist jedenfalls viel Aufmerksamkeit dem gewidmet, was gegen klare Fronten spricht. Herrmann selbst ist einer, der aus der „Geste der Ohnmacht” eine andere, „hochrhetorische Geste” macht, so Vinken, einer, der Herrschaftsdiskurse als treudeutsch doch fortführt. Ob es andere Wege gibt, ob eine nicht-befleckte Vernunft indes zu herrschen wüßte, sich nicht jene Schuld in ihr Innerstes schliche...?

So wird die Beunruhigung zum Letzten, das bleibt, die Notwendigkeit des Unglaubens, und wie dies an Belegstellen stringent wird, wie diese Beunruhigung sich diversifiziert, was vor allem aber auch bleibt, das sollte man bei Vinken selbst nachlesen – eine Lektüre, die lohnt..!

1 cf. auch Martin A. Hainz: Europäistik. Wie europäisch ist Klopstocks Deutsches? In: Germanistik im Spannungsfeld von Regionalität und Internationalität, hrsg.v. Wolfgang Hackl u. Wolfgang Wiesmüller Wien: Praesens Verlag 2010 (=Stimulus 2009), S.318-328, passim

Barbara Vinken
Bestien
Kleist und die Deutschen
Merve
2011 · 100 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-883962986

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