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Kritik

Das Blau ihres Schals im Grau des Alltags

Barbara Yelin überzeugt mit ihrer außergewöhnlichen, biografischen graphic novel Irmina
Hamburg

Eine starke, junge Frau. Mutig, selbstbewusst. Ganz allein ist Irmina nach England gegangen, lebt bei einer Familie, im Austausch mit ihrer Tochter, die nach Deutschland gewechselt ist. Ist in einer „Commercial School für Mädchen“ aufgenommen worden, als einzige Deutsche, schlägt sich mit ihrem wenigen Geld gerade so durch. Aber sie ist einsam, die meisten Engländer sind etwas hochnäsig, nehmen sie als Deutsche, die durchaus eigenständig sein will, sich nicht einen Mann angeln will, nicht ernst: „Ich bin schon ein halbes Jahr hier“, sagt sie einmal, „aber täglich lassen sie mich spüren, dass ich nicht zu ihnen gehöre.“

Auf einer Party lernt sie dann Howard kennen. Zuerst hält sie ihn für den Barkeeper, denn er ist schwarz, steht hinter der Bar und empfiehlt ihr einen Whiskey. Aber dann kommen sie ins Gespräch, und er erzählt ihr, dass er nur gerade aushilft und eigentlich Student am Hertford College in Oxford ist, mit einem Stipendium, und dass er aus der Karibik kommt: „Von einer kleinen Insel. Sie werden sie nicht kennen.“ Aber sie verblüfft ihn mit ihren Kenntnissen: „Bahamas, Jamaika, Trinidad und Tobago? Ich hab's: Barbados. Ungefähr 15. Breitengrad und 30. Längengrad. Zuckerrohranbau. Hauptstadt …. Bridgetown?“ Als Kind hat sie stundenlang im Studierzimmer ihres Vaters vor dem Globus gesessen, hat die Orte mit den exotischen Namen auswendig gelernt. Und dann wollte sie Kapitän werden und die Welt bereisen. „Tja, weiter als bis über den Kanal hab ich es bisher nicht geschafft. Aber ich tue, was ich will, wissen Sie?“

Die beiden passen gut zusammen, der Schwarze Howard und die Deutsche Irmina. Er zeigt ihr London, den Hyde Park und die Kunstmuseen, er führt sie durch die Colleges in Oxford, fährt mit ihr in einem Stocherkahn und schmuggelt sie sogar auf sein Zimmer, als sie vor lauter Enthusiasmus ins Wasser fällt.

Irmina, Barbara Yelin, Seite 38-39

Aber dann werden die Nachrichten immer düsterer. Denn es sind die dunklen 30-er Jahre, und 1934 lässt Hitler SA-Chef Röhm verhaften und seine Leute umbringen. Dann kehrt die Tochter ihrer Gasteltern vorzeitig zurück, Irmina kommt bei einer Gräfin unter, die eine Gesellschafterin braucht, muss aber ausziehen, als die Gräfin später eine Emigrantin aufnimmt. Nichts scheint zu gelingen, auch Howard zieht sich etwas zurück, weil er auf jeden Fall die Prüfung bestehen muss. Trotzig und deprimiert kehrt sie 1936 nach Deutschland zurück, wo sie in Berlin eine Arbeit ausgerechnet im Kriegsministerium findet.

„Irmina“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die eigentlich ihren eigenen Weg gehen will. Die selbständig sein will, nicht abhängig von den Männern. Die ihr eigenes Geld verdienen, Karriere machen will. Und sich in den anderen Außenseiter verliebt, weil er sie versteht. Die Zeitumstände und auch der mangelnde Mut an entscheidender Stelle, die Illusion, dass alles gut wird und dass sie bald wieder nach London zurückkehren wird, trennen die beiden. Natürlich schreibt sie ihm nur, dass sie in „einer staatlichen Behörde“ arbeitet. Und als sich ihre Pläne, nach London versetzt zu werden, zerschlagen, und als auch ihr Brief an Howard als „unbekannt verzogen“ zurückkommt, bricht ihre Welt zusammen.

In oft düsteren Bildern erzählt die graphic novel „Irmina“, wie das selbstbewusste Mädchen anfängt, sich anzupassen, ängstlicher wird, kleiner. Ihre Welt wird grau und braun, sie heiratet einen Architekten, der von der neuen Regierung und der arischen Baukunst schwärmt, einen SS-Mann, der am 9. November 1938 in Uniform aus dem Haus geht und ihr sagt, sie solle auf jeden Fall nicht hinausgehen. Was er getan hat, erfährt man nicht. Wie überhaupt vieles nur angedeutet wird. Mit vielen kleinen und sprechenden Details und einem genauen Sinn für Dramaturgie und Spannungsaufbau berichtet „Irmina“ von der Atmosphäre in Nazi-Deutschland, dem sich auch die Heldin beugt – und auch hier weiß man nicht, warum. Ist es freier Wille? Anpassung? Angst? Sicherheitsbedürfnis? Die Stärke des dicken Romans, der auf der Biografie von Yelins Großmutter basiert, ist es, das alles offen zu lassen. Die Wirkung ist umso stärker.

Viele Panels führen dynamisch über zwei ganze Seiten, viele bilden ein markantes Einzelbild, ein Meer von gereckten Armen und das Blutrot der Nazifahnen, die brennende Synagoge, aber auch der Stuttgarter Flughafen, als sie von Howard nach vielen, vielen Jahren eine Einladung nach Barbados bekommt, wo er inzwischen Gouverneur geworden ist. Oft sind die Bilder angeschnitten und ausschnitthaft und lenken den Blick auf die Einzelheiten, auf die in düsteren Farben gekennzeichneten Beziehungen zwischen den Personen, auf die Angst vor Denunziation, auf das allgegenwärtige Spitzelwesen. Wie ein roter Faden zieht sich das blasse Blau ihres Schals, den sie in England trägt, durch das Buch, das am Schluss, als die verwitwete Irmina in die Karibik fährt, durch das Blau ihrer Kleider aufgenommen wird.

Es ist eine beeindruckende Leistung, so viel offen und in der Schwebe zu lassen und doch so deutlich zu werden, Partei zu ergreifen und menschlich zu sein, ohne sentimental zu werden. Auch der offene Schluss, der Irmina in ihren Karibik-Schlappen in Stuttgart zeigt, mit ihrem Rucksack und dem ganzen Gepäck, ist eine grandiose Leistung, die das Hirn des Lesers ordentlich durchlüftet.

Barbara Yelin
Irmina
Mit einem Nachwort von Dr. Alexander Korb.
Reprodukt
2014 · 288 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95640-006-3

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