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Kritik

Bleischwer und flügelleicht

Beat Brechbühls Atelier Bodoni in Buchform
Hamburg

Schriftsteller, Dichter, Verleger, Produzenten, Grafiker, Setzer (und natürlich ihre weiblichen Pendants) - verdankt sich nicht zu einem Großteil die Verbreitung von Kulturgut diesen rührigen Personalunionisten, welche ungebrochen und gegen alle Widerstände am geschmeidigen Mainstream vorbei die Gesellschaft an ihren vielgestaltigen Handwerken, Künsten und Passionen teilhaben lassen? Ein wichtiger Exponent dieser Gattung der multiplen Kulturbeförderer ist zweifelsohne der Schweizer Beat Brechbühl, der auch in seinem mittlerweile 78. Lebensjahr offenbar nichts von irgend einer wie auch immer gearteten Form von Ruhestand wissen will - das Privileg derjenigen, die sich ihren Metiers mit lebenslanger Leidenschaft verschrieben haben.

Beat Brechbühl hatte neben seiner schriftstellerischen und verlegerischen Arbeit im Waldgut Verlag bereits in den frühen 1980er Jahren damit begonnen, Bleischriften und Handpressen aus der ganzen Schweiz zusammenzutragen und begann 1985 damit, ihm wichtige Texte auf Plakatgröße zu gestalten, von Hand zu setzen und auf einer Abziehpresse zu drucken. Diese "Bodoni Blätter", benannt nach dem berühmten italienischen Schriftkünstler, Buchdrucker und Stempelschneider Giambattista Bodoni (1740-1813), wurden nach und nach in aufwändigen Handdruckprozessen in bis zu zwölf Farben gestaltet, so dass die Fertigung einer Kleinstauflage bis zu einer Woche in Anspruch nehmen konnte. Im weiteren Verlauf des Projektes startete nach fünfzig "Bodoni Blättern", die meist Texte aus dem Verlagsprogramm von Waldgut zur Grundlage hatten, die neue Edition "Bodoni Poesie Blätter", deren im Lauf der Jahre insgesamt einhundert Gestaltungen auf frei ausgewählten Kleinoden dichterischen und schriftstellerischen Schaffens der Gegenwart und Vergangenheit basieren. Diese beiden Reihen an Einblattdrucken sind nun in einem auf A4-Größe eingedampften und damit immer noch ehrfurchtgebietend großen und schweren Taschenbuch versammelt bei Waldgut erschienen. Freilich ist nur der Umschlag in der traditionellen Handpressen-Drucktechnik gehalten - der Abdruck der Blätter selbst erfolgt im Digitalverfahren. Das hat zunächst den einfachen wirtschaftlichen Grund, dass das Buch ja zu einem erzielbaren Preis auf den Markt gebracht werden soll; außerdem will Brechbühl den Originalen ja nun auch keine direkte Konkurrenz machen. Denn alle sind laut Verlag noch beziehbar, Listen mit Titeln und Preisen finden sich auf www.waldgut.ch.

Daneben ergibt sich der schöne Effekt für den geneigten Liebhaber, das Buch wie ein Wünsch-Dir-was-Programm auf dem (ausreichend massiven) Nachttisch liegen zu haben, zu schmökern und Bedarfslisten für Weihnachten und kommende Geburtstage zu schreiben. Für die weniger Betuchten mag es eine Wirkung haben wie ein Ferrari-Prospekt für einen Fiat-Fahrer: man wird ja noch träumen dürfen.

 Obwohl es auf vielen vor allem der späteren Drucke sehr flächig und farbig zugeht, sind es mitunter gerade die sparsam gestalteten Blätter, die durch klassisch "edle Einfalt und stille Größe" bestechen (wobei die winkelmannsche Einfalt heute eher mit Schlichtheit zu übersetzen wäre). So etwa Beat Brechbühls eigener Text "silence intim", das dem Band "Gedichte für Frauen und Balsaminen" entnommen wurde:

"Ich / höre / eines / deiner / Haare / auf / den / Teppich / fallen"

heißt es da in schlanken Einwortzeilen, und graphisch wird der Text nur von wenigen schmalen Streifen und Linien begleitet. Der große freibleibende Raum auf dem 43 x 62,5 cm großen Original schafft den Worten so etwas wie eine poetische Lunge, die den Betrachter unwillkürlich zu den tieferen Atemzügen der eigenen künstlerischen Nachgestaltung leiten. Die Wirkung erhält sich auch im nachgedruckten A4-Format; allerdings muss man zum Lesen des Textes dann schon beinahe eine Lupe zücken.

Beat Brechbühl – Silence intim (BB 27)

Doch so frugal geht es wie schon angedeutet natürlich nicht überall zu, auch die Freunde leuchtender Farbgebung kommen auf ihre Kosten wie bei dem schönen Gedichtblatt der Schweizer Autorin Lisa Tralci "Die Lichtfängerin", welches im Neunfarbdruck hergestellt wurde und auf zwei den Text flankierenden Spalten das Lichtspektrum von hell nach dunkel und umgekehrt abbildet. In einem zarten Grün ist der Text noch einmal schräg über den eigentlichen Satz gedruckt und wirkt wie ein Schattenwurf oder eine Netzhautirritation:

"...An der Wäscheleine flattern meine Häute / sie sind mir vom Leib gefallen / im Morgengrauen und beim höchsten Sonnenstand..."

Lisa Tralci – Die Lichtfängerin

Mit gar elf verschiedenen Druckgängen wurde das Gedicht "nordbahnhof" des chinesischen Dichters Xiao Kaiyu zu Papier gebracht, auf Simili Japon, velin, Eierschalen weiß, 130 g, wie die Bildunterschrift vermerkt. Der augenfällige Hauptteil des Blattes besteht aus der unendlichen Abfolge eines einzigen Satzes, der ein in zwei Quadrate aufgeteiltes vielfarbiges Wimmelbild von Buchstaben ergibt:

"Ich habe das Gefühl, eine Horde von Menschen zu sein."

Das wirkt bei aller Farbigkeit beklemmend, verstärkt noch landläufige unterschwellige Vorstellungen von überfüllten (nicht nur chinesischen) Verkehrsknotenpunkten und schafft mit dem Wort "Horde" (in der Übersetzung von Raffael Keller) einen bedrohlichen Unterton. Das gesamte Gedicht ist dann links in viel kleinerer Schrift rechtsbündig an das untere Farbbuchstabenquadrat angelehnt.

Xiao Kaiyu – Nordbahnhof

So baut jedes Blatt seine ganz individuelle und textbegleitende, wenn nicht gar manchmal sanft textinterpretierende Atmosphäre auf. Von Heinrich Heine bis Inger Christensen, von Sappho bis Charles Simic, von Pablo Neruda bis Rafik Schami reicht die literarische Bandbreite, die zeit- und weltumspannend Prosa, Gedichte, Grafik und altes Handwerk zusammenbringt und einen Schwerpunkt naturgemäß dennoch auf Deutsch(-schweizerischen) Texten hat.  Beat Brechbühl verantwortet hier nicht weniger als ein kulturgeschichtlich bemerkens- und unterstützenswertes Großprojekt, welchem u.a. der Victor-Otto-Stomps-Preis der Mainzer Minipressenmesse zuteil wurde und für welches es auch einen eigenen Förderverein gibt.  Und das Atelier Bodoni macht natürlich weiter, die letzten der im vorliegenden Buch veröffentlichten Blätter datieren aus 2008. So dürfte spätestens in einigen Jahren das Material für einen Nachfolgeband beisammen sein.

Beat Brechbühl (Hg.)
Die 150 ersten Bodoni Blätter
in BleiHandSatz gesetzt und gedruckt auf den Handpressen des Atelier Bodoni
Waldgut Verlag
2016 · 110,00 Euro
ISBN:
978-3-03740-318-1

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