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Kritik

Bella Bella

Von Mädchenmaterial, Aggro Berlin oder: wer rettet die Wale!
Hamburg

Wie positioniert man sich zueinander? Carla Hegerls Gedichte unternehmen vier Versuche eines Ich und eines Du, sich „mal eben so“ beieinander und miteinander aufzuhalten. Wie ist die Entfernung zwischen uns? Was für Dimensionen kann es zwischen uns geben? – Die Gedichte versuchen anzustoßen, tastend, Berechnungen gehen daneben, wie sie wissen. Reicht feiner Sand, ist da noch Platz für eine Bewegung meinerseits, muss nicht eine Bewegung deinerseits geschehen? Und bin ich nicht in Gedanken schon dabei, mich in Schräglage zu begeben, nur damit das alles stimmt, was zwischen uns passieren kann? Wie passen meine Winkel in deine Winkel? … Wenn man die schmale Form der Gedichte hin und her schiebt, bleibt manchmal ein Schnipsel über, auf dem man das Muster der Bewegungsabläufe sieht.

Ist das gewöhnliche Leben bloß ein „endloser Stummfilm, der nur in den heißen Tagen mit einer Tonspur unterlegt wird“? Ich mag es, wie sich Yael Inokais Text, der dialogisch arbeitet (obwohl man nicht ganz genau weiß, wann die beiden Protagonisten miteinander sprechen und wann nur über ihre jeweiligen Erfahrungen), Raum verschafft mit seiner Sprache, wie immer wieder kleine Gewissheiten und Fragen aufgedeckt werden. Familientragödien, Familienverhältnisse, Nachbarschaft, in diesem Umfeld liegen die Themen herum, stehen aber nicht wirklich auf. Das Ganze plätschert etwas zu sehr dahin, und zu gewollt wird ein Subtext evoziert. Was schade ist, weil die Eindringlichkeit sinnliche Eindrücke ermöglicht, denen ich bereitwillig sehr weit folgen würde.

Im nächsten Text geht es um die Umwelt – nein, die Wale – nein, Krebs, einen Knubbel unter der Haut – nein, einen Seemann, es ist eine Liebesgeschichte! Aber die Wale müssen halt trotzdem gerettet werden, das Geschwür in der Achsel tut weh, außerdem kann man Schiffe jetzt per Google-Maps mit GPS verfolgen, aber diese neusten Innovationen können es nicht aufnehmen mit einem selbstgestrickten Pullover und einigen erzählerischen Finessen (will sagen: Hakenschlagen), die alles krümmen zu Ausgedachtem, das den Schein des Wirklichen gebrochen widerspiegelt, so splittrig, dass ich nicht entscheiden kann, was verstreut liegt und was zusammengehört. Ich kann also mit anderen Worten Cathrin A. Stadlers Geschichte „Stirbt ein Seemann“ nicht wirklich zu Ende denken.

Diese Ausgabe zu kaufen, zahlt sich allein schon aus wegen Magdalena Schrefels dialogischem „Mädchenmaterial, fortlaufend“. Ich mag es, wenn ein Text sich nicht hinter dem versteckt, was er ohnehin nicht aussagen muss und nur einstreuen kann, sondern wenn er stattdessen direkt zu dem kommt, was er darstellen will. So reiht sich ein kurzes Streiflicht auf ein Mädchengespräch an das nächste, unterbrochen von Passagen, in denen ein Ich aus dem Off über seine Erfahrungen mit Männern, mit Liebe, mit Partys, mit Eltern spricht. Sofort ist alles verdichtet. Dieses Sprechen kommentiert nicht, es stellt seine Erfahrungen in einen Raum, in dem die Ungewissheit greifbar wird, das Heftige und Unauslotbare mancher Erfahrung. Aber das Ich holt den Leser an seine Seite – beurteile selbst, ist leise zu hören. Die Schwingungen von Adoleszenz, von Pubertät, von dem Glauben ans Erwachsenwerden und -sein, werden gut eingefangen und als Ausschnitte, die das Ausmaß des Lebens erahnen lassen, auf die Gefühlswelt des Lesenden gestreut. Ein Text, der nicht viel Hehl aus seiner Methode macht, aber gerade deswegen auf eine sehr gelungene Weise mit dem Lesenden kommuniziert.

Jacob Teichs Essay über einen Psychiatrieaufenthalt – verknüpft mit einer Geschichte des Rap-Labels Aggro Berlin, dass seine Wurzeln in einer Kinoaufführung in der DDR hat – ist die ganze Zeit so sehr auf Kurs, dass es schwerfällt, den Text nicht zu mögen. Es gibt keine überflüssigen Passagen und einige sehr kurze, tiefe Momente. Der Psychiatriebericht kommt mir nur wenigen, einfachen Geschichten aus und ist trotzdem sehr plastisch, die Geschichte des Labels beginnt dokumentar-obskur und endet wie eine Retroperspektive. Ein Text, der nicht mehr will als er kann und bei dem man am Ball bleibt. Ein Text, bei dem es dem Wenigen, was drin ist, gelingt, sich herauszustellen.

Im Abschnitt "Pool", in dem jedes Mal mehrere kurze Texte miteinander verknüpft bzw. unter einem Überbegriff versammelt werden, geht es diesmal um "N.A.M.E.", und Pascal Richmann haut da direkt rein. Er scheffelt Aufmerksamkeit, bringt Wien, die Präsidentenwahl, Karl Kraus und eine ominöse Person namens Frauke unter einen Hut – aus  dem er dann, welch Zaubertrick!, auch gleich noch Adolf Hitler zieht. Tut mir leid, ich muss zwar grinsen, aber zu banal ist es mir trotzdem. (Wobei: Dieses kleine Detail mit Hitlers Nachnamen ist schon interessant …)

Der Text von Maren Kames über Gletscher, Sedimente und den Versuch, das Textliche an diesen Beispielen von Landschaft, von Ablagerung, Bruch und allgemein an Gestalt zu schulen, ist wie ein Diavortrag, dem Auge und Ohr zwar offen gegenüberstehen, bei dem sie aber dennoch nicht wirklich aufmerksam dabei sind. Ebenso eigenwillig-schön wie gewöhnungsbedürftig.

Sprachverspielt bis in die fast überlesende Silbe: Leander Fischers kurz-rasantes Kabinettstück über Spitznamen ist ein Geflecht, ein Verknüpfungsmarathon, ein Sprache-Anziehen, Zusammenzurren, und dann wieder ein Leinelassen, ein Öffnen des Themas, bis hinaus zum kurzen Schenkelklopfer. Spitznamen sind ein Kapitel für sich, und Fischers dichter Text wird ihnen in diesem Sinne gerecht.

Die Ausgangssituation in Lara Hampes Text „Winterkollektion“ ist eine nette, spaßige. Und dementsprechend zart weht einen der Text dann auch an. Aber trotzdem bleibt die Frage: warum einen Text über diese Joberfahrung schreiben? Nur, weil ein Spiel der Namen involviert ist? Es entsteht eine Form von Erlebnisbericht, bei dem ich die Sinnausreizung vermisse. Immerhin weiß ich, was Lara Hampe letzten Sommer getan hat.

Den Abschluss macht ein Gespräch mit Shida Bazyar, deren Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ mich neugierig gemacht hat. Das Interview beginnt sehr klassisch, man hat das Gefühl: ein Interview mit jemandem, der schreibt, nicht mehr, nicht weniger. Doch sehr schnell stellt sich heraus, dass Bazyar zu sehr vielen Gegenständen etwas zu sagen hat.

Ich verlasse diese BELLA triste ziemlich glücklich. Nummer 46 ist Exemplar, das man sich definitiv ins Regal stellen sollte. Sogar die zwei bis drei Texte, mit denen ich nicht warm geworden bin, faszinieren mich im Nachhinein. Vielleicht brauche ich da eine andere Perspektive. Aber da es die leider nicht zu kaufen gibt, na ja – kauf ich halt weiter Literatur.

 

Anmerkungen:
Herausgeber_innen: Tatjana von der Beek, Helene Bukowski, Zoe Martin, Marina Schwabe & Ole Schwabe. Autor_innen der Ausgabe: Carla Hegerl, Yael Inokai, Cathrin A. Stadler, Magdelena Schrefel, Elliot Baumann, Pascal Ruchmann, Maren Kames, Leander Fischer, Lara Hampe, Jacob Teich, Shida Bazyari.

BELLA triste 46
BELLA triste
2016 · 5,35 Euro
ISBN:
419213840535546

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