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Kritik

American asshole abroad

Hamburg

»„Ich bin hierhergekommen“, begann ich, „und keiner kannte mich. Also habe ich gedacht: Du kannst für die Leute sein, was immer du willst.“«, erklärt Adam sich vor Isabel, einer seiner zwei Geliebten, um die Lüge von der angeblich toten Mutter zu rechtfertigen. Der fromme Wunsch ist Teil der Fassade, darunter lauern banale Abgründe. Adam wirkt interessant, weil er sich interessant macht. Tatsächlich jedoch ist er nichts weiter als ein Fleisch, pardon, Druckerschwärze gewordenes Klischee. Wandelnde, salbadernde Pathologie.

Adam ist ein weißer US-Amerikaner aus der oberen Mittelschicht. Intellektuell und doch nicht ambitioniert; gebildet und doch zu einem prekären Leben prädestiniert. Ein selbsternannter Dichter, der Lorca übersetzt, stets sein Notizbuch mit sich herumschleppt und doch nie eine »tiefgehende Kunsterfahrung« erlebt. Der seinem besten Freund in den USA vorgaukelt, er sei ständig offline unterwegs und doch nur zuhause das Netz durchstöbert. Der kifft oder Pillen schluckt und weder mit dem einen noch dem anderen seine Ängste kurieren oder betäuben kann. Der unter dem Mangel an bedeutungsvollen Bindungen leidet und der doch nur lügt, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Und sein großes literarisches Projekt, in welchem er den spanischen Bürgerkrieg und die derweil entstandene Literatur verarbeiten will? Milde ausgedrückt: Immerhin weiß er grob, von welchem historischen Zeitraum er da spricht.

Adam taucht beim nicht in die spanische Kultur ein, obwohl er sich von ihr Inspiration verspricht. Obwohl ihn alle Adán und nicht Adam rufen, Spanisch und nicht Englisch mit ihm sprechen: Er ist und bleibt ein Alien. Nur wenn er seinen Lorca liest oder im Museum umherstreift, macht sich das kaum bemerkbar. Seine Fremdartigkeit aber bleibt immer präsent. Sie ist selbstverschuldet. Er liest neben Lorca und Cervantes nämlich so gut wie keine spanischen Autoren, im Museum zieht es ihn zur niederländischen Malerei und er besucht nicht mal die Alhambra, als er die Chance hat. Er verweigert sich Diskussionen, indem er die anderen reden lässt. Er schmeißt Teresa ein paar kryptische Satzfetzen zu, mehr poetischer Nonsens denn ausformulierte Reflexionen zur Kunst, und freut sich, wenn sie intensiv darüber nachdenkt.

Adam ist Phlegmatiker, Neurotiker und völlig kopflos. Er weiß nicht, in welche Richtung es für ihn gehen soll. In Madrid bleiben oder doch nach New York gehen? Immerhin erzählt er bereits überall, er käme von dort statt aus dem öden Niemandsland des Mittleren Westens. Will er Teresa oder doch Isabel? Wenn er sich entscheidet, tut er das nur aus der ihn ständig plagenden Eifersucht heraus? Interessiert ihn der Irakkrieg, der Anschlag auf den Bahnhof Atocha oder doch eher die Verse von John Ashbery, die dem Roman eigentlich seinen Titel verleihen; geschrieben, lange bevor am 11. März 2004 im Hauptbahnhof Atocha die Bomben detonierten? Wozu eigentlich Poesie, wenn die bestenfalls die Verhältnisse widerspiegeln kann? »Ich weiß es nicht«, antwortet er bei einer Podiumsdiskussion über die spanische Gegenwartsliteratur, als ihm die vorher zurechtgelegten Ortega y Gasset-Zitate ausgehen. Er weiß es nicht. Er weiß nichts.

Ein Charakter, so stereotyp und wohlbekannt, dass es beinahe wehtut. Wer Abschied von Atocha, den Roman, den Adam natürlich nie schreiben wollte, als Porträt einer ziellosen Generation kurz nach der Jahrtausendwende liest, verpasst jedoch die Hälfte. In einer Doppelbewegung zeichnet Ben Lerner in seinem Prosadebüt den Status Quo der twentysomethings zu Zeiten des zweiten Irakkriegs nach und ruft deren literarische Stifterfiguren auf. Von den literarischen expats, die zwischen den Weltkriegen die Pariser bohème infiltrierte, bis hin zu den klassischen Figuren junger, inkompatibler slacker wie Benjamin Braddock oder brütender Wilden wie Holden Caulfield: Adam ist ein American asshole abroad, wie er nicht nur an jeder Ecke lauert, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes im Buche steht. Adam ist ein Stereotyp, vor allem aber ein Archetyp.

Die Frage, ob dieses Buch denn überhaupt lesenswert sei, hätte sich damit wohl erübrigt. Ist es nämlich, absolut sogar. Denn Ben Lerner ist nicht nur einer der brillantesten Lyriker der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur, er überzeugt auch in der Prosa mit feinem Sinn für Totaldemontage. Vor sich selbst macht er selbstverständlich keinen Halt. Seinen rührend hilflosen Unsympathen bastelt Lerner aus einer Vielzahl überholter Stereotypen und kleidet ihn in seine eigene Silhouette. Wie Adam kommt Lerner aus Topeka in Kansas, wie Adam studierte er in Providence, wie Adam ging er zur Zeit des zweiten Irakkriegs im Rahmen eines Stipendiums nach Madrid – der autobiografische Rahmen ist gesteckt, die Fiktion macht sich in den Details breit.

Adam ist weder die kindsköpfige Coolness eines Holden Caulfield zu eigen noch kann er sich herrlich verzweifelt in seinem Pathos verlieren wie Benjamin Braddock das tat. Seine Erfahrung mit Kunst und Leben in der Fremde sind nicht einmal halb so profund und interessant wie sich die der expats lesen. Genau das aber macht Abschied von Atocha zu einem ebenso schmerzhaften wie wundervollen Roman: Die Schönheit der Ereignislosigkeit, die Lerner mit unvergleichbarer Nüchternheit ausbreitet und die Verletzlichkeit, die er in der Ziellosigkeit des Protagonisten offenbart.

Adam, halb aus Lerners Rippe geleiert, halb aus kulturellen Codes zusammengeschmiedet, ist wirklich ein Archetyp. Der Archetyp des Menschen voller Widersprüche. Das macht seine Geschichte dann auch nicht zu dem Porträt einer bestimmten Generation zu einer bestimmten Zeit der Menschheitsgeschichte, sondern einem wunderbar irrigem Psychogramm westlicher, privilegierter Beklopptheit. Ein Roman für das Innere American asshole abroad, das in uns allen schlummert und von dem wir kaum genug lesen können.

Ben Lerner
Abschied von Atocha
Übersetzung:
Nikolaus Stingl
Rowohlt
2013 · 256 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-03941-7

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