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Kritik

Trockene Ernsthaftigkeit und bizarrer Witz fordern den Leser heraus

Gedichte von Ben Lerner, übersetzt von Steffen Popp.

Je näher man hinschaut, je mehr man darüber nachdenkt; die ominösen bläulichen Verästelungen, die das gute untere Drittel des Buchcovers überziehen, verweisen nicht eindeutig auf etwas, bleiben rätselhaft. Die Aufnahme eines Blitzes? Von unten nach oben verlaufend –  das ist wenig wahrscheinlich. Die Negativfotografie einer Baumkrone? Dafür sind die Linien zu filigran, zu unregelmäßig in ihrem Verlauf. Was noch an Möglichkeiten übrig bleibt wäre vielleicht etwas wie ein EKG, oder ein EEG – die digitalisierte Aufnahme von elektrischen Impulsen, die Notation von körpereigener Energie. Aber auch das ist nicht richtig, darüber klärt der Titel auf: „Die Lichtenbergfiguren“ beziehen sich auf eine Entdeckung des Physikers und Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg, der ähnliche Figuren entdeckte, im Staub, der eine elektrisch geladene Platte umgab. Als Lichtenbergfiguren bezeichnet man nunmehr solche Muster, die von Energieladungen, das sind vor allem Blitzeinschläge, hinterlassen werden.

Selbst, übergeht man das zugegebenermaßen sehr schlichte Cover, das Prinzip hat sich so tief in die 52 Gedichte Ben Lerners eingefressen, dass man automatisch bei ähnlichen Fragen angelangt. Seine Lyrik bezieht sich auf den ersten Blick immer wieder auf die Welt, verformt sie poetisch: „The stars dehisce.“ („Die Sterne platzen auf.“). Keine innovative Herangehensweise, diese Transformation, wären da nicht die anschließenden Zeilen, „By “stars“ I mean , of course, tradition, / and by “tradition“ I mean nothing at all.“ („Mit »Sterne« meine ich natürlich Tradition, / und mit »Tradition« meine ich gar nichts.“). Das ist schon bevormundend, eine Metapher zu verwenden, sie zu explizieren und daraufhin zu verneinen. So funktionieren Lerners Gedichte an vielen Stellen, sie behaupten, sie stopfen die Welt in ein Zwangskorsett und sind doch unfähig, sie wirklich in die Sprache einzupassen, lassen das Nichts zurück. Das ist kein missglücktes Experiment, sondern ein poetologisches Prinzip, denn wie selbst konstatiert wird: „Nothing is a metaphysical / as the claim to break from metaphysics.“ („Nichts ist so metaphysisch, / wie der Versuch, sich von Metaphysik zu befreien.“). Eine Ordnung von Welt und Gedicht wird weder affirmiert noch negiert, stattdessen vollziehen die Texte genau die Probleme eines solchen Denkens nach.

Man kann Lerner nicht trauen. Die Reflexionen, die die Texte über das Wesen der Poesie anstellen, kann man unmöglich für bare Münze nehmen, und eine einheitliche, einleuchtende Wahrheit wird man in „Die Lichtenbergfiguren“ auch nicht finden. Nur viele Scheinaphorismen wie „The abolition of perspective is an innovation in perspective.“ („Die Abschaffung der Perspektive ist eine Neuerung in Sachen Perspektive.“), die sich sehr gediegen auf Lerners Poesie anwenden ließen, andererseits entweder zu schwammig, zu widersprüchlich und schlicht unzureichend sind, um für voll genommen zu werden. Die eigentlichen Statements über Literatur und Welt laufen subtil als Schmuggelware mit, in einem humorvoll-absurden Ton, den man zuerst gar nicht erwartet. Denn obwohl Lerner von viel Gewalt berichtet, von Dunkelheit, grausigen Zuständen und bizarren Szenerien, bleibt er humorvoll: "Politcally speaking, I'm kind of an animal. / I feed the ducks duck meat in duck sauce when I walk to clown school in my clown shoes. / The Germans call me Ludwig, bearer of estrus, the northern kingdom's / professional apologist. The Germans call me Benji, the radical browser, / alcoholic groundskeeper of the Providence Little League. All readers of poetry // are Germans, are virgins. All readers of poetry sicken me.” (“Politisch gesprochen, bin ich eine Art Tier. / Ich füttere die Enten mit Entenfleisch in Entensauce, wenn ich in meinen Clownschuhen zur Clownschule laufe. / Die Deutschen nennen mich Ludwig, Bringer der Brunst, geistiger Schild / der Nordreiche. Die Deutschen nennen mich Benji, den gründlichen Wühler, / Alkoholiker-Platzwart der Providence Little League. Alle Lyrikleser // sind Deutsche, sind keusch. Alle Lyrikleser machen mich krank.“)

Gerade die Differenzen zwischen trockener Ernsthaftigkeit und bizarrem Witz im nüchternen Ton machen die Gedichte zu einer Herausforderung für ihre Leserschaft. Und damit erst recht interessant: Wo sie sich zusammenzufügen scheinen, stellen sie sich sofort wieder quer, wo man schon nicht mehr weiß, wovon die Texte gerade sprechen, da lassen sie es gerade erahnen. Lerner setzt eine Verfolgungsjagd in Gang, die kein Ende nimmt, und gibt dabei auf unterschwellige Art eine Menge von seinem Denken preis, ohne sich jemals wirklich auszusprechen – selbst, wenn die Figur Ben Lerner oder sogar sein Gedichtband Erwähnung finden – trauen kann man dem, wie gesagt, nie. Eigentlich heißt Ben Lerner Benjamin – ein Gedicht ist einem Benjamin gewidmet – und da gibt es ja noch einen anderen Publizisten mit demselben Namen. „I paid Ben Lerner to write you this poem“ („ich [gab] Ben Lerner Geld für dieses Gedicht“) – welchem also? Und, weitergedacht: Was sagt uns das über Autorschaft, Personalstil? Das ist nur ein Beispiel dafür, wie subtil die Herausforderungen ausfallen, mit denen „Die Lichtenbergfiguren“ ihre Leserschaft konfrontieren.

Obwohl man sich bei der simpel gehaltenen Sprache und der weniger komplexen Syntax bei besseren Englischkenntnissen nicht unbedingt auf eine Übersetzung verlassen muss, Steffen Popps Übersetzung der 52 Gedichte ist trotzdem interessant und nicht zu Unrecht erhielt er für seine Arbeit den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie. Abgesehen von kleinen Schnitzern – so wird aus „spermicidal jelly“ „glitschige[s] Sperma“ statt „spermizider Glibber“ – ist seine Übertragung mehr als angemessen. Nicht unbedingt um den reinen Wortsinn geht es, Popp überträgt Lerners Texte von einem Idiom ins andere. So wird aus „Mr. Specific“ ein „Dr. Akribisch“, das Sprachmaterial wird transformiert, der Gestus jedoch bleibt erhalten. Eine Weiterdichtung, die für Assonanzen wie „stairs“ – „stars“ ihre Entsprechungen im Deutschen findet („Stirnen“ – „Sternen“) und über den Originaltext hinausgeht: „It was the only word you didn’t know. / It begins with the letter O.“, „Das einzige Wort, das dir nicht bekannt war. / Es beginnt mit A.“, aus dem Omega wird ein Alpha, schon hat das Ausgangsgedicht durch seine Übersetzung eine Dimension erhalten. Insofern fast schon eine kulturelle Arbeit, denn Lerners Texte beziehen sich neben der Idiomatik des amerikanischen Englisch auch auf die Popkultur der US – bei „duck sauce“ wird es bei Angehörigen einer Fernsehnation, die mit den Marx Brothers aufgewachsen ist, schneller klicken als beim deutschen Publikum.

Das Cover von „Die Lichtenbergfiguren“ zeigt richtigerweise keine Aufnahmen, präsentiert nicht mittelbar physikalische Erscheinungen, sondern zur Form gewordene Energie. Die Gedichte vollziehen das ebenfalls nach. Das ist poetologisch interessant, sogar philosophisch, das ist eigentlich eine innovative Herangehensweise, eine interessante Art, über die Welt nachzudenken und poetisch mit ihren Gegebenheiten umzugehen. Vom ersten Gedicht an lockt Lerner mit nie versiegendem Humor, mit absurden Wendungen und dem richtigen Grad an Skandalträchtigkeit in seine Texte und bringt mit seinen hochreflexiven, stilistisch brillanten Versen bei aufmerksamer Leserschaft einiges in Gang. Höchste Zeit, dass der Band nach sieben Jahren eine Übersetzung erhalten hat, noch dringender vielleicht, dass die zwei Folgebände „Angle of Yaw“ (2006) und „Mean Free Path“ (2010) der deutschen Öffentlichkeit präsentiert werden.

AUSGEZEICHNET MIT DEM PREIS DER STADT MÜNSTER FÜR INTERNATIONALE POESIE 2011

Ben Lerner
Die Lichtenbergfiguren
luxbooks
2011 · 120 Seiten · 18,50 Euro
ISBN:
978-3-939557425

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