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Kritik

Dichten heißt scheitern

Hamburg

»All readers of poetry // are Germans, are virgins. All readers of poetry sicken me«, schrieb Ben Lerner noch in seinem 2004 veröffentlichten Debütband The Lichtenberg Figures. Obwohl das lyrische Ich selbstverständlich nicht unbedingt mit der Person einer Meinung sein muss: Ein bisschen Hass und Verachtung gehören eben zur Lyrik dazu, zumindest bei Lerner. Warum hassen wir die Lyrik? fragt eben jener sein deutsches, jungfräuliches Publikum in der recht furchtbar gelungenen Übersetzung eines Anfang des Jahres unter dem Titel The Hatred of Poetry veröffentlichten Text. Nicht durch ein lyrisches Ich gefiltert, sondern als Essayist und damit als Autor, der zuletzt zwei Romane und recht wenig Lyrik veröffentlicht hat. (R-)Eine Selbstaussage?

Bevor Ben Lerner aber zuerst Lyriker und dann Romancier wurde, ging er zur Schule. Dort musste er ein Gedicht auswendig lernen und wählte sich das kürzeste, welches ihm die Bibliothekarin empfehlen konnte: Marianne Moores »Poetry«. » I, too, dislike it«, lautet dessen erste von drei Zeilen, welche der junge Lerner dann doch in seiner Gesamtheit nicht so einfach abspeichern konnte, wie er sich das gedacht hatte. Diese erste Zeile aber zumindest bleibt hängen, wird zu einem Refrain, der den Autoren über zwei Jahrzehnte begleitet. Eigentlich mag er Lyrik auch nicht.

Die Gründe dafür sind mannigfaltig und sie haben sich kulturell sedimentiert, das heißt genauer: soziokulturell sedimentiert. Es geht Lerner einerseits darum, dass jedes Gedicht »die Manifestation eines Fehlschlags« im sprachlichen Sinne sei, weshalb er Lyrik als »unmöglich« erklärt. Andererseits greift er ein überraschendes Stigma auf: Bereits in frühem Alter, schreibt Lerner, würde uns beigebracht »wir alle seien schlicht kraft unseres Menschseins Dichter«. Der Umkehrschluss daraus ist brutal. Wer nicht dichten kann, der ist nicht nur nicht Dichtersmann, sondern verfehlt seine Menschlichkeit - auch, weil Gedichte Gemeinschaft schaffen (sollen).

Das sind steile, zum Teil vage Thesen, die Lerner, wenn er nicht gerade das schlechteste Gedicht der Welt oder die Lyrik Emily Dickinsons gleichermaßen zärtlich wie analytisch streng unter die Lupe nimmt, anekdotisch unterfüttert. Lerner muss schließlich überall Rechenschaft über seinen Beruf – vielleicht noch schlimmer: seine Berufung – ablegen. Selbst beim Zahnarzt. Insbesondere bei dem. »Lyrik«, schreibt der Geplagte, sei »ein Wort für den Treffpunkt des Privaten und des Öffentlichen, des Inneren und des Äußeren«. Schließlich agiert kaum jemand dermaßen eng an diesem Treffpunkt wie ein Zahnarzt – außer natürlich der Dichter, der mit offenem Maul unter ihm liegt.

Zu sehen oder besser zu hören beziehungsweise ist beides zugleich dort, wo wir Lyrik kaum erwarten: im Mainstream-Pop, genauer in Beyoncés Lemonade. Ein Album, das die Künstlerin sowohl filmisch wie textlich als einerseits private, betrogene Frau darstellt und zugleich als öffentliche Person verhandelt, die intersektionell feministische und sozialpolitische Themen verflechtet. Beyoncé spricht nicht nur über die Erfahrung der schwarzen Bevölkerung in den USA, sondern insbesondere über die von schwarzen Frauen. Die parallel zum Album veröffentlichte, minutiöse Auflistung aller Quellen verweist dabei auch auf die Lyrikerin Warsan Shire, eine somalisch-britische Lyrikerin, soll heißen: Eine weitere schwarze Frau, die von einem anderen Ort und aus anderen Kontexten heraus ähnliche Erfahrungen beschreiben kann.

 

 

Das Private und Öffentliche verschmelzen im Film zu Lemonade – in dessen Interludes Beyoncé Shire zitiert – durch diese Hereinnahme der andersähnlichen Perspektive. Nebenbei wird Lyrik ein bisschen cooler, ein bisschen politischer aufgeladen. Das heißt zugleich allerdings auch, dass Lyrik umso mehr gehasst wird: Was Beyoncé – und damit in zweiter Instanz Shire – mit ihrem multimedialen Konzeptalbum zumindest annähernd erreichen kann, bleibt vielen ebenso verwehrt wie der Wohlstand und Ruhm, der sie erheblich von anderen schwarzen Frauen unterscheidet. Obwohl sich das in Kunst gesetzte und eventuell der Kunst wegen erfundene Liebesunglück der Frau Knowles eventuell wieder als universal lesen lässt, macht uns Beyoncé mit ihrem Einsatz von Lyrik auf Lemonade frei nach Lerner ein bisschen unfähiger, unmenschlicher. Na danke.

Über Beyoncé schreibt Lerner, dem sein Übersetzer Nikolaus Stingl (un-)passender Weise mit größtmöglicher Stümperhaftigkeit das Wort »Rasse« für »race« in den Mund legt, aber selbstverständlich nicht. Dafür aber über einen anderen Popstar mit Langzeitwirkung: Plato. Der nämlich erklärte schließlich die Dichtung als nicht wahrheitsfähige Form der Rhetorik für nicht ausreichend für den idealen Staat und setzte sie mit der Lüge gleich. Der Lüge – sprich des nicht Realen, Konkreten – bemächtigten sich Lerner zufolge aber Dichter_innen immer, ob affirmativ oder in Abgrenzung davon. Im ersten Falle kämen dabei die besseren Gedichte herum. Dass es der Lyrik »nicht gelingt, die Phantasie der Universalität« in eine Realität zu transformieren – das Universelle ist in der westlichen Dichtungstradition überwiegend weiß und männlich, das heißt es wird oligarchisch von einer Minderheit bestimmt – ist ihr Fluch. Plato, too, dislikes it. Oder?

Dichten heißt, virtuell zu arbeiten und also zu scheitern. Schreibt Lerner, der mittlerweile zwar als Romancier reüssiert, im Grunde aber Dichter bleibt und sich eben entlang der »Dialektik eines Berufs, der zwar unmöglich, deswegen aber nicht weniger unentbehrlich ist«  selbst zuredet und aus dieser privaten Ansprache zugleich ein Allgemeines schafft. Lyrik ist, das lässt sich herauslesen, gerade deswegen so wichtig, weil sie uns eher als »dichterische Möglichkeit« begegnet denn als konkrete Tatsache. Ihre Unzulänglichkeit ist ihre eigentlich Stärke, die Schönheit der Chance ihr eigentliches Potenzial. Das ist ein bisschen banal oder zumindest nicht unbedingt neu, zumindest aber für alle, die Lyrik gerne verteidigt sehen wollen, ein netter Kompromiss.

Lerners Verteidigung der Lyrik erfolgt aus dem Geiste ihrer Ablehnung. He, too, dislikes it, aber deswegen mag er sie ja. Lerner liest Platos Schmäh gegen die Lyrik in bester post-strukturalistischer Manier als »Verteidigung der Dichtkunst gegen die Dichter« und argumentiert mit genau derselben Absicht. Das bringt grundlegend allerdings wenige Erkenntnisse mit sich. Im Idealfall aber lassen sich diejenigen von den unprätentiösen Ausführungen Lerners überzeugen, die die Lyrik wirklich und aufrichtig hassen und die vom Titel angelockt herausfinden wollen, warum. Mehr als eine bescheidene dekonstruktive Etüde allerdings ist es nicht. Anders Lemonade, das auf eine Art aber auch nur den Hass schürt. Eine verzwickte Situation, der sich das jungfräuliche, deutsche Publikum da stellen muss.

Ben Lerner
Warum hassen wir die Lyrik?
Ein programmatischer Essay
Übersetzung:
Nikolaus Stingl
Rowohlt
2016 · 62 Seiten · 2,99 Euro
ISBN:
978-3-644-05481-3

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