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Kritik

In der Kampfzone

Bernard Maris beleuchtet das ökonomische Denken im Werk Michel Houellebecqs
Hamburg

Dieses Buch braucht genau genommen nur zwei Seiten, um den Leser wissen zu lassen, dass es von einem französischen Intellektuellen geschrieben wurde. Und maximal zwei weitere Seiten, um klar zu machen, dass seinem Autor nichts heilig ist – außer natürlich seinem Thema, und das ist Michel Houellebecq und die Aspekte der Ökonomie in dessen Werk.

Der Reihe nach. Bernard Maris war nicht nur Journalist, Romancier und Essayist, sondern auch einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler Frankreichs. Er stand der Partei „Les Verts“ nahe, war ein populärer Globalisierungskritiker und Mitglied im Wissenschaftsrat von attac (alles Weitere kann man bei Wikipedia nachlesen). Und er war ein scharfer Kritiker seiner eigenen Zunft. Wenn Maris gleich zu Beginn dieses Buches fragt

Wer wird sich in Zukunft schon noch an die Wirtschaft und deren Priester, die Ökonomen, erinnern?

ist das noch sehr höflich formuliert. Bereits eine Seite weiter folgt die Abrechnung:

Ökonom ist derjenige, der stets in der Lage ist, ex post zu erklären, warum er sich einmal mehr geirrt hat. … Dass man mit einem internationalen Preis, der von denen, die seinen Namen in Beschlag genommen haben – selbstdarstellerische Banker, die als Stifter für den Preis auftraten –, 'Nobel' getauft wurde, Erforscher von Hirngespinsten für mit Gleichungen aufpoliertes Geschwätz auszeichnet, wird eines Tages ebenso absonderlich oder kurios erscheinen wie das Verzeichnen des Rekords im Öffnen von Bierdosen mit bloßen Zähnen in einem Buch, das in mehr als zweihundert Sprachen übersetzt wird.

Als „renitente Teufelsbrut“ bezeichnet Maris die Ökonomen dann noch. Aber das erwähne ich nur nebenbei, weil es witzig ist. Worauf Maris mit dieser Abrechnung hinaus will, ist, dass es da in Frankreich jemanden gibt, der seiner Meinung nach

von Wettbewerb, von schöpferischer Zerstörung, Produktivität, parasitärer und nützlicher Arbeit, Geld und vielem anderen mehr

auf bessere Weise erzählt, als es Ökonomen je könnten. Michel Houellebecq, der Schriftsteller, der wie

alle Schriftsteller, die diesen Namen verdienen

ein besserer Psychologe als Freud, ein besserer Soziologe als Bourdieu und sowieso ein besserer Philosoph als beispielsweise Deleuze sei.1 Im Folgenden arbeitet Maris Houellebecqs bisheriges Gesamtwerk in fünf Kapiteln (zzgl. Prolog und Epilog) ab, und nimmt darin je auf einen Ökonomen Bezug, dessen Theorien sich eindeutig in Houellebecqs Texten nachweisen lassen. Namentlich bedeutet das die wiederkehrende Bezugnahme Houellebecqs auf Marx, Fourier, Schumpeter, Marshall, Malthus und Keynes. Allerdings benutzt Maris die Genannten nicht als Werkzeuge zur Analyse, sondern eher zur Illustration von Houellebecqs umfassender Bildung, die einen wesentlichen Aspekt dieser ganz und gar unkritischen Glorifizierung ausmacht.

Seine Werke dienen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge

schreibt Maris. Er meint damit Houellebecqs Kritik an der kapitalistischen, durchökonomisierten westlichen Gesellschaft aus liberalen Egoisten und narzisstischen Selbstoptimierern, deren Unzufriedenheit die ewige Antriebsfeder im Konkurrenzkampf mit den Artgenossen um Geld und Sex ist. Grob zusammengefasst: Houellebecqs Werke impfen den Leser gegen diese Welt oder zumindest ihre ökonomischen Prinzipien, so Maris.

Dass sich die Botschaft von Maris‘ Essay im Wesentlichen in einem Satz zusammenfassen lässt, offenbart die größte Schwäche des Textes, der im Grunde keine neuen Erkenntnisse bringt, wenn man Houellebecqs Romane aufmerksam gelesen hat. Denn die Stärke Houellebecqs als Romancier liegt ja gerade darin, sein Wissen in essayistischen Passagen mit der Handlung zu verknüpfen.

Dennoch ist Maris‘ Buch sehr unterhaltsam zu lesen, da es in bester, ultralinker Fight-Club-Manier immer wieder mit dem Finger auf die nicht abheilende Wunde drückt und bisweilen sogar predigt wie Tyler Durden.2

Traut euch zu sehen, was ihr seid: kleine, wohlgenährte Sklaven. Traut euch zu sehen, in welches Verderben euer Weg euch führt.

Amen, möchte ich sagen. Zu diesem Satz und diesem Buch, auch wenn es den Houellebecq-Fan nur bestätigt, statt ihn weiter zu bringen. Und darüber hinaus wohl kaum Leser zu erwarten hat. Nur in einem entscheidenden Punkt muss ich jedoch widersprechen.

Houellebecq denkt …, dass die Vollendung des Kapitalismus die Apokalypse sein wird

schreibt Maris. Da die Apokalypse aber kein singuläres Ereignis ist, sondern ein anhaltender Prozess mit Höhen und Tiefen, steuert der Kapitalismus wohl nicht auf ein zeitlich fixierbares Ende zu, sondern bleibt ein Houellebecqscher Kampf mit in jeglicher Hinsicht offenem Ende. An die Ökonomen wird sich, wie Maris sagt, vielleicht niemand erinnern. Was aber könnte die Katastrophe des Kapitalismus vergessen machen?

 

  • 1. Bei Maris liest sich das so: „Kein Philosoph kann für sich beanspruchen, auch nur ein Bruchteil der Wahrheit zu erreichen, die ein großer Roman enthält – eine Tatsache, der auch kein aufrichtiger Philosoph ernsthaft widersprechen würde. Als Beispiel unter Tausenden mögen in diesem Zusammenhang die Höflichkeiten dienen, die der nicht ohne Weiteres verständliche Deleuze in Bezug auf Kafka äußert.“
  • 2.
    Always keep in mind – „You’re not your job. You’re not how much money you have in the bank. You’re not the car you drive. You’re not the contents of your wallet. You’re not your fucking khakis. You’re the all-singing, all-dancing crap of the world.“
Bernard Maris
Michel Houellebecq, Ökonom
Eine Poetik am Ende des Kapitalismus
Übersetzung:
Bernd Wilczek
Dumont Verlag
2015 · 142 Seiten · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-8321-9804-6

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