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Kritik

Kompanie Fußnoten, Underground-Sprech

Bert Papenfuß, "Psychonautikon Prenzlauer Berg"
Hamburg

Das "Psychonautikon Prenzlauer Berg", erschienen in dem noch jungen Buchkunst-Verlag starfruit publications, ist ein vielschichtiges Stück Literatur, fast ein Marktplatz. Es werden, neben der zu erwartenden Lyrik, ein Großteil Gespräche und Plaudereien geboten, Essays, ein ganzes Arsenal Grafiken, Illustrationen, Karten und als einzige Konstante eine in beinahe Foster-Wallace-haften Dimensionen sich befindende Kompanie Fußnoten. Wer Bert Papenfuß kennt, und die meisten werden es, weiß, worauf man sich einlässt. Ein Insider-Bänkelsang aus so gut wie allem, was seine schon beinahe legendäre lyrische Stimme ausmacht: ein breit aufgestelltes, enzyklopädisches Sammelsurium aus Verblüffendem, Gebildetem, Trivialem, Mundartlichem, Spielerischem, Parolenhaftem, Abseitigem, Menschlichem, Derbem, Sprachbewahrendem, Egalem und vor allem: dies alles gleichzeitig. Vorgetragen, und das ist dem Gesamtduktus des Buches geschuldet, in durchgehender Aufrichtigkeit.

Papenfuß integriert, was er findet, assoziiert und kombiniert neu. Das kann sehr anregend sein, oder auch scharfzüngig, pfiffig. Wie ein weitgereister Troubadour, der von fernen (Sprach-)Ländern berichtet, führt er gängige lyrische Konventionen ad absurdum, spielt mit den Formen, zeigt ihnen bisweilen seinen Mittelfinger, aber bewundert sie trotz allem glühend.

 

Die Gedichte sind sehr selbstbewusst und besitzen Schneid. Einflüsse der Großstadtlyrik der Moderne von Tucholsky, Brecht oder Kästner über original Beat-Atem sowie sozialistischem Underground-Sprech, Social Beat und improvisiert Assoziativem sind hörbar, doch über allem thront der originäre Papenfuß-Tonfall. an diesen Stellen ist das "Psychonautikon Prenzlauer Berg" am stärksten. Die Gespräche mit dem Künstler und Musiker Ronald Lippok, dessen Zeichnungen und subjektive Kartierungen einer städtischen Zone im Wandel namens Prenzlauer Berg sehr gelungen sind, und Annett Gröschner fügen dem Band allerdings erstaunlich wenig hinzu. Eher verwässern sie die dargebotene Lyrik, zumal bis auf Papenfuß selbst, der angenehm wenig in diesem Gespräch sagt, sich die Themen tatsächlich beinahe ausschließlich um Insider-Palaver drehen. Was ist das für eine Wohnung? Da hat doch der Dings gewohnt... Jetzt sind überall Leute, die hier nicht hingehören… und so weiter. Vielleicht wäre eine aufgezeichnete Variante dessen – ungedruckt, auf einem Tonträger – eine dezentere Lösung gewesen. Durch sie würden die Gedichte, die gegen Ende stärker in Prosa und agit-analytische Syntax fallen, um schließlich in zwei reine Essays zu münden, mehr Magie und weniger Dekonstruktion beziehungsweise Entmystifizierung erfahren.

Es stellt sich bei allen Gedichten – wie so oft bei Papenfuß – zudem die Frage, ob Patti Smith und Bob Dylan Fußnoten brauchten, um zu klingen. Die Antwort lautet nein. Papenfuß klingt. Aber bei seinem wie gehabt fast fetischhaften Umgang mit der Fußnote bringt sich seine Lyrik vielerorts um den eigenen Klang, die eigene Magie. Die meisten Anspielungen oder Lehnbilder könnten ohne weiteres als Partikel eines Kosmos wahr- und hingenommen werden. So aber bleiben sie manchmal ängstlich und kokett in einem seltsam um Korrektheit bemühten Textmisch, das wegen ihnen oft nicht abheben will. Papenfuß‘ „Psychonautikon“ will gesprochen sein. Es ist eigentlich alles da. So wie es vorliegt, lähmt es sich stellenweise selbst.

Bert Papenfuß · Manfred Rothenberger (Hg.)
Psychonautikon Prenzlauer Berg
Zeichnungen: Ronald Lippok, Gestaltung: Timo Berger
Starfruit Productions
2016 · 216 Seiten · 21,00 Euro
ISBN:
978-3922895275

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