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Kritik

„einen schal aus blauer zärtlichkeit“.

Bert Strebes neuer Gedichtband „Monologe mit Maria“ überzeugt durch Lakonie, Präzision und Zärtlichkeit
Hamburg

Angst, Tod, Einsamkeit. Nur wenig bleibt: „die halme halten noch einen halben tag / die magere braune wärme“ des Rehkitz, das sich versteckt hat. Und dann vom Fuchs gefunden wurde: „in seinem fang ist es tot hat aufgegeben / bevor er ihm das leben nimmt“. Nicht sehr tröstlich.

Trost gibt es insgesamt nur wenig. Die Landschaft ist blind, der Bussard heult, der „fischige mond“ klebt „halbleer im faden dunst“. Im Haus funktioniert nichts mehr, „selbst die dinge siechen“ und führen ein Eigenleben, „der tee kippt sich über das telefon / der herd streikt die waschmaschine spuckt“. Es wird nicht mehr warm, die Bäume stehen „still vor dem fenster im frost“.

Es ist eine halberstarrte Welt, von der Bert Strebe in seinem neuen Gedichtband „Monologe mit Maria“ erzählt. Frost, Kälte, Winter: „der winter kommt es wächst nichts mehr“. Wind. Aber es ist ja kein Wetterbericht: „was nützt der wind wenn niemand mehr sagt / es sei heute wieder zuviel davon da“ – es ist das Protokoll einer inneren Befindlichkeit. Und neben der Erstarrung ist auch der Aufbruch, das Leben. Mit welcher Richtung. „im erdreich gräbt die sehnsucht“.

Nur die Träume des Hundes sind ein wenig anders. Sie führen ein gespensterhaftes Leben, streifen im Dunkeln durch das Haus: „das dasein das geben das vergeben das empfangen / und spätnachts die wärme und der trost“. Und „dann stehen die schneeglöckchen am weg / und gott malt funken in den wald“. Aber am Weg – das ist noch weit weg, so wie die Funken, die ja auch nur gemalt sind. Sind von Gott gemalte Funken real oder ein Abbild? Eine Sinnestäuschung, ein Phantom?

Mit lakonischer Poesie umkreist Strebe ein verletztes Ich, das doch weiß, dass es an dem beteiligt war, was passiert ist. Was ist passiert? „was geschah geschah nicht um dieses zu tun / und nicht um jenes zu tun es geschah“ – und dann widerspricht er, gibt zu bedenken: „alles was geschieht wird gemacht“.

In den Gedichten findet sich auch ein Ich und ein Du. In zwei Gedichten, die nebeneinander stehen, variiert Strebe liebevoll seinen Text, in derselben Form, mit leichten Abwandlungen charakterisiert er zwei Menschen, die sich unterscheiden: Das eine Kind „war zeitlebens leer und fror / und mußte nackt ins eis und erstarren“, das andere „war zeitlebens verbogen und krank / und mußte ans ferne grab sich legen“. Das eine „trägt jetzt einen mantel aus gras und geäst / und wandert aus der nacht“, das andere „trägt jetzt ein licht und um das herz / einen schal aus blauer zärtlichkeit.“

„einen schal aus blauer zärtlichkeit“. Von dieser Feinheit und Zartheit sind viele von Strebes Bildern in seinem neuen Lyrikband, dabei sind sie so melancholisch wie Hölderlins „Hälfte des Lebens“, an den mich „Monologe mit Maria“ erinnert haben. Denn auch bei Strebe sind die Gegenüberstellungen wichtig, die beiden Pole, die Spaltung, die erlebt und verloren wurde: „nach jahren und jahren dieser eine moment / ich sehe dich und du siehst mich“, heißt es, und: „im dunklen zimmer steigt die flut“. Und wiedergefunden: „und dann ein schimmer dann wird es tag“. Schon der Titel spielt mit diesen Ambivalenzen zwischen Einsamkeit und Zweisamkeit, denn Monologe kann man ja nicht „mit“ einem führen. Oder eben doch.

Strebe hat einen langen Weg zurückgelegt als Lyriker. Seine Bilder sind einfacher geworden, sein Ton hat etwas Elegisches bekommen, seine Gedichte sind weniger hermetisch und mehr in Bewegung. Dabei sind sie manchmal in Gefahr, ins Gefühlige abzurutschen, aber sie vermeiden es, durch Präzision und Lakonie. Im letzten Gedicht sogar durch so etwas wie Selbstironie. Sogar die Titel seiner Gedichte sind reduziert, sie heißen einfach nur „das kitz“, „die landschaft“, „der garten“, „das haus“, „der hund“... Die Natur wird zum Spiegel des Lebens, so wie die Dinge es sind, die plötzlich nicht mehr funktionieren, das Außen wird zum Ausdruck des Inneren.

Auch die Holzschnitte von Heike Küster erzählen vom Wald, dem Garten, dem Ich und dem Du, auch sie sind auf der Kippe zwischen Erstarrung und Bewegung, der „Wald“ (sie haben keine Titel, aber so stehen sie neben den Gedichten) changiert ins Abstrakte, wirkt kalt und abweisend und gleichzeitig von einer lockenden Tiefe, im „Garten“ sieht man die Wurzeln und im Gebüsch einen Menschenkopf, aber gleichzeitig löst sich das Laub ab („bloß nachts tobt der sturm und reißt am laub / und ja es über das Moos“), nein, es splittert scharfkantig durch die Luft.

Bert Strebe
Monologe mit Maria
mit mehrfarbigem Original-Holzschnitt von Heike Küster
Stadtlichter Presse
2014 · 20 Seiten · 20,00 Euro

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