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Kritik

Ohne Filter

Die Lektüre von Bert Strebes Prosa ist eine Wanderung ohne Rucksack
Hamburg

Nach der beeindruckenden Lektüre von Bert Strebes Prosasammlung "Schrittmacher" begegne ich dem Autor im Traum. Er lädt mich zu einer Wanderung ein. Es soll in eine schwarz-weiße Berg- und Steppenlandschaft gehen. Ich darf keinen Rucksack mitnehmen. Ich hinterfrage diese Anweisung nicht, weil ich dem Autor vertraue. Er hat eine glasklare Sprache von nüchterner Schönheit. Seine Worte sind Wesen, die eher mit Steinen oder Bäumen vergleichbar sind, mit Tieren oder Häusern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sie -  wie Ben, Vater einer drogenabhängigen Tochter, in einem der letzten Kapitel seines Romans "Gethsemane" - mühsam ordnet oder gar sucht.

Die Wanderung ist wie das Lesen der Geschichten: bereicheŕnd, aber ohne Essen und Trinken und vor allem: ohne Filter.

Der Band, im kleinen aber feinen Verlag "Stadtlichter Presse" erschienen, umfasst zwölf Geschichten, die alle von Sehnsüchten, gestörten Beziehungen, Enttäuschungen und Hoffnungen handeln. Passend zu unserer Wanderung ist das Titelbild ein schwarz-weiß Foto, passend zum Inhalt stellt es ein zersplittertes Stück Holz dar.

Als Synonym für das verletzte Herz steht der Titel "Schrittmacher". In der gleichnamigen Erzählung gibt es noch nicht einmal Zigaretten. Ein Mike ruft den Ich-Erzähler aus Liverpool an. Er solle sich erst hinsetzen und eine Zigarette anzünden, bevor er erzählt. Aber, wie gesagt, sind die Zigaretten gerade ausgegangen. Das ist hart, wie der Boden, auf dem wir gehen und wie die Tatsache, dass der Vater von Mike im Sterben liegt. Mike macht sich jetzt auf den Weg, genauso wie der Ich-Erzähler, den mit Mike eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, über die erst später gesprochen werden wird. Warum ist es Mike so wichtig nach offenbar so vielen Jahren, dass sein Freund dazu kommt? Zumal sie alle zu spät kommen würden.

In Strebes Geschichten kreisen die Figuren ständig um nicht geringere Themen wie Freundschaft, Liebe, Tod und Drogen. Dabei wissen die Handelnden nicht so recht, was sie fühlen sollen, halten ihre Gefühle nicht aus oder hinterfragen sie.

"Gestorben. Wie das so klingt. Harmlos, irgendwie.
Ich sammelte, was mir so einfiel: Heimgegangen, hingeschieden, den Geist aufgegeben, von Gott gerufen, das Zeitliche gesegnet, entschlafen [...] Nichts paßte."

In fast jeder Erzählung geschieht das Hinterfragen also auch auf sprachlicher Ebene und in fast jeder Erzählung gelingt es Strebe, sprachlich ausgezeichnet etwas Unfassbares zu beschreiben.

"Was wir nicht wußten, als wir Vater und Mutter verlassen hatten, damit sie allein sterben konnten, war, daß der Tod auch nur eines Elternteils die Kälte in uns in unseren inneren Hohlraum fließen ließ und dort einschloß [...]"

Als ob durch die Beschreibung des Furchtbare das Furchtbare in den Griff zu kriegen wäre. Es ist natürlich so: Kurzzeitig die Macht, über den Dingen zu stehen. Vielleicht in dem Moment des Schreibens / Lesens. Aber das ist nur eine Illusion. Die Sprache ändert nichts an den Dingen. Wir sind dieser Welt ausgeliefert. Wir können bloß, wie die Mutter in der Erzählung, in kurzen Monologblöcken präzise das Geschehen schildern und schauen, was es mit uns anrichtet.

"[...] Ich fasse hier ja nichts an, aber das ist ein schwerkranker Mann da, kann nicht mal endlich jemand den Fernseher abstellen. [...]"

Der Vater stirbt, leider nicht im Beisein seiner Angehörigen,

"[...] Ich kann hier sowieso nichts mehr machen [...]."

Natürlich können wir nichts tun, aber uns zusammenrufen in solchen Momenten, wie Mike es getan hat, das können wir schon und insofern steckt in den Geschichten mehr Hoffnung, als der Autor zugeben mag.

Auch die Geschichte "Ilya geht in die Stadt" spricht von solchen Grenzerfahrungen. Eine Frau mit einer unheilbaren Krankheit geht am Abend in die Stadt und trifft den Er-Erzähler. Die beiden nähern sich einander an; sie trennen sich wieder. Es gibt keine Lösung, aber ein Moment der Ruhe, ein Gespräch, ein Lächeln, etwas, das bleibt.

An das Ende der Wanderung in meinem Traum kann ich mich nicht erinnern. Mein Wecker läutete gnadenlos den Alltag ein. Nur die Erinnerung an eine endlose, ungefilterte Landschaft und ein Tonfall, der mir nah war.

Bert Strebe
Schrittmacher
Stadtlichter Presse
2013 · 141 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-936271-70-6

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