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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Komm! Ins Offene haus für poesie
Kritik

Die 50er Jahre – Wien und die Kunst

Der Krieg war endlich zu Ende, der Wiederaufbau begann, nachdem während der Nazi-Jahre der Kontakt zum Ausland unterbunden gewesen war. Die Kunst und die Literatur positionierten sich neu: Da waren die „entnazifizierten“ auf der einen Seite und jene, die tatsächlich entschlossen waren, neue Wege zu finden. Nicht nur Surrealismus und Dadaismus waren Positionen, an die sich anschließen ließ. Kubismus und Informel waren völlig unbekannt. Auf der einen Seite die Künstler – auf der anderen Seite die Beamten. 1951 betrug das Ankaufsbudget des Kulturamts der Stadt Wien 1500 Euro, das sich bis 1955 auf 20.600 erhöhte, dann wieder rauf und runter rutschte. Die Beamten waren zwar guten Willens, jedoch fehlte ihnen größtenteils das Verständnis für neue Strömungen. Eine „Liga gegen entartete Kunst“ besuchte Ausstellungen und sah in der modernen Kunst eine „Degeneration“. (Sogar in meiner Galerie ließen sich diese Typen bis in die Mitte der 1970er Jahre blicken. Da ich sie inzwischen erkannte, habe ich sie mehr oder weniger höflich „hinauskomplimentiert“.

Der legendäre Stadtrat Viktor Matejka, einst im KZ Dachau inhaftiert, lud Emigranten ein, nach Wien zurückzukehren, sowohl Dichter als auch bildende Künstler. Sein Ansinnen war indes bei vielen – insbesondere Politikern – alles andere als willkommen. Den Ideen eines Kommunisten mochte man nicht folgen. „Volksbildung“ war sein Bestreben. An den „Volkshochschulen“ wurden oftmals fundiertere Vorträge gehalten als auf den Universitäten. „Kunst ins Volk“ hieß ein Schlagwort und wurde auch ernst gemeint.

Die „Wiener Gruppe“ (H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Konrad Bayer, Oswald Wiener, Friedrich Achleitner) zudem Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko, Elfriede Gerstl, René Altmann, Hertha Kräftner und viele andere machten auf sich aufmerksam. Der Abdruck eines „experimentellen“ Textes konnte einem Redakteur den Posten kosten und in den Zeitungen wurde oftmals gegen das „Moderne“ gehetzt. Der „Wiener Aktionismus“ provozierte. Und die Provokation hatte zur Folge, dass die Akteure nach Berlin geflohen sind, um einer Gefängnisstrafe zu entkommen. Heute sind die Arbeiten von Günter Brus oder Hermann Nitsch sowohl staatlich als auch international anerkannt.

„Wer verzweifelt ist, darf die Form zerstören“, alle anderen müssen sie bewahren. Unter dieser Maxime fand in Österreich bis zu den 1960er Jahren die Beurteilung und Legitimierung von Kunst und Literatur statt, schreibt Klaus Kastberger in seinem Beitrag. Viele der staatlich Preisgekrönten kennt man nicht mehr, denn das Prinzip gehorchte der „Gießkanne“. Möglichst viele sollten in den Genuss eines Ankaufs ihrer Arbeiten kommen. Daher vermied man, teure Werke zu kaufen, begnügte sich lieber mit Druckgrafiken oder Papierarbeiten.
Spannend ist es, mit Frühwerken konfrontiert zu werden: So stammt der Buchumschlag von Maria Lassnig, die als inzwischen 90jährige mit ihren aktuellen Arbeiten so manchem „Jungspund“ zeigt, wo’s langgeht.

Das Buch begleitet die Ausstellung im MUSA („Museum auf Abruf“) ebenso wie das Buch der Ausstellung folgt. Sobald die Ausstellung nicht mehr vorhanden ist (bis 9.1.2010), bleibt der Katalog bestehen zum Nachlesen, denn die erläuternden Texte über die Situation der Kunst und Literatur in den 1950ern sind allesamt abgedruckt (auch in Englisch). Wenigstens ist man inzwischen willens, diesen Teil der Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Derart ist das Buch ein Zeitdokument.

Als Anmerkung sei noch festgehalten: Die „Zentralsparkasse der Gemeinde Wien“, einst im Besitz der Gemeinde, später zur „Bank Austria“ mutiert, nun im Besitz der italienischen Uni Credit, verfügt über eine nicht unbeträchtliche Kunstsammlung. Denn die Gemeinde Wien hatte die „Zentralsparkasse“ dazu motiviert, Kunst zu fördern und anzukaufen. (Einen Preis des „Wiener Kunstfonds“, finanziert von der „Zentralsparkasse“, hatte ich 1972 erhalten. – Mein erster Preis!) Keinem der Herren, die dem „Neoliberalismus“ frönten, ist in den Sinn gekommen, dass durch den Verkauf auch eine Kunstsammlung in Privatbesitz gelangte. Die „Öffentlichkeit“ hat darauf keinen Zugriff mehr. Die Kunstsammlung der „Zentralsparkasse“ wurde dem neuen Eigentümer „stillschweigend“ geschenkt.

(P.S.: Als der Staat Österreich das Tabakmonopol verkaufte, hatte der neue Besitzer nichts Eiligeres im Sinn, als die Bestände des „Tabakmuseums“ zu versteigern. Vermutlich wäre Philip Morris sonst Pleite gegangen noch vor der Anti-Raucher-Kampagne. Oder womöglich hätten die Gehälter für die Vorstände nicht mehr gereicht. Der Bestand des Tabakmuseums ist bloß als Auktionskatalog vorhanden. Ich besitze und hüte ihn, den Katalog. – Und rauche dennoch weiter.)

P.P.S: Wien ist zwar Wien und angeblich anders – aber unterscheidet sich nicht von anderen Städten.

Berthold Ecker (Hg.) · Wolfgang Hilger (Hg.)
Die 50er Jahre
Kunst und Kunstverständnis in Wien
Springer
2009 · 432 Seiten · 39,90 Euro
ISBN:
978-3-709100516

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