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Kritik

Vom Aufmischen getrockneter Tinte

Hamburg

Dass bei der Lyrik alles im Fluß ist und ewiger Entwurf, wird besonders durch das mittlerweile schon traditionelle Coverdesign des Verlages „roughbooks“ suggeriert. Auch der dreiundachtzigseitige Gedichtband „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ von Bertram Reinecke kommt wie ein überdimensioniertes CD-Booklet daher und, dass man bei der szenischen Umschlagsgestaltung innerhalb der Zeilenfolge nach Autor und Titel schon beinahe suchen muß, läßt dann auch, was gerade dieser Publikation gerecht wird, auf seinen Laborcharakter schließen. Die schwarzen Schriftfolgen auf dem weißen Einband entpuppen sich bei genauerem Studium als die Kapitelüberschriften des in sechs Sparten unterteilten Bandes, brechen dann irgendwann abrupt ab und setzen sich im Innern des Buches irgendwo fort.

Der Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch schrieb unlängst in dem von Michael Gratz betreuten Blog „Lyrikzeitung.com“, Bertram Reinecke sei wohl „einer der originellsten Lyrikbände der deutschsprachigen Literatur unserer Tage“ gelungen. Woran liegt das? Das Originelle an Reineckes Gedichtband rührt möglicherweise daher, dass er durch seinen retrospektiven, stilpluralisierenden Ansatz die Strömungen heutiger Gedichtsschreibung erfrischend konterkariert. Mit seinen unterschiedlichen „Schlüsseln“ für die hochdeutsche Sprachkunst taucht Reinecke tief in den Lyrikkanon ein, um mit ein paar Jahrhunderten Poeterey zu experimentieren, angefangen bei Dante, Dach und Andreas Gryphius über Hölderlin bis hin zu Rilke, den Expressionisten und schließlich Gegenwartslyrikern wie Norbert Lange, Elke Erb oder Jürgen Becker, um nur ein paar wenige zu nennen. Es sind Aufmischungen lang getrockneter Tinte, die uns Reinecke präsentiert, Einflußnahmen in die Vergänglichkeit. Ihrem Charakter nach funktionieren sie nur als Gesamtkompositionen, und hier einzelne Zeilen zu zitieren, würde meist bedeuten, bloß Zitate zu zitieren; es sind Gebilde aus Textbausteinen, die sich erst in ihrer Wechselwirkung entfalten. Es werden relativierende Eingriffe an der Ad-acta-Existenz poetischer Werke vollzogen, die die Fragilität einer dichterischen Komposition beleuchten sollen. Als Beispiel für diese Vorgehensweise seien einmal Reineckes Anmerkungen zu Lamento ( Seite 6f.) zitiert: „Dieser Text entstand nach dem Eindruck, den ‚Blind‘ von Norbert Lange auf mich machte. Sein Text stellt antike Zeilen zusammen, in denen das Wort ‚blind‘ vorkommt, sodass ein Gedankenstrom entsteht, wie ihn ein ermüdeter Soldat beim Marschieren haben mag. Schnell stellte sich heraus, dass Simon Dachs Zeilen, die konventionellen metrischen Mustern folgen, unbeholfen wirken, wenn man sie wahllos zusammenstellt. So organisierte sich schnell eine Strophenform. Diese Strophenform erzwang ein rhetorisches Grundgerüst. Am Ende kam also ein Text heraus, der gänzlich anders funktioniert als die Vorlage.“ (Seite 78)

An anderer Stelle stöbert Reinecke eine bestimmte historische Situation im Leben des Barockdichters Andreas Gryphius auf, als der „ein Jahr nach dem Tulpenkrach, dem Zusammenbruch der ersten gut dokumentierten Spekulationsblase der Weltgeschichte, nach Leiden ging“(Seite 78) und erfindet ein Sonett von ihm, das es hätte geben können, aber nicht gibt , und wirft damit nebenbei auch noch ein Schlaglicht auf die aktuelle Finanzkrise: // Wer schuldig; wird wie vil er darff im Tod erkennen / Man strafft die schuld mit recht / Gott wird zugegen seyn / Vnd Stricke / die Verlust vnd Hoffnung / würckt zutrennen // Vnd zeugen wider die / die mit geschmincktem Schein / Vergehen in der Angst. Die Finsternüß der Pein / Lescht nun die Kertzen auß die auff dem Golde brennen (Seite 5). Eine solche biografische Erfindung geht über die bloße Parodie hinaus und der Autor führt hier vielleicht die Form des sogenannten Cameo-Auftritts in die Lyrik ein, wie er ja in Film (Hitchcock) und Literatur (jüngstes Beispiel dafür sind Thomas Mann, Hermann Hesse und Franz Kafka in Christian Krachts „Imperium“) bereits existiert. Reineckes Rezeptionslyrik führt darüber hinaus zu merkwürdigen Rückkopplungen auf die Deutung von Künstlern, von Einzelwerken oder von Kunststilen, er übernimmt künstlerische Einfälle, Werkformen und Stile vergangener Kunstepochen und untermischt sie seinen Cento-, Cut-up- und Montagetechniken. Dabei gelingen ihm überraschende, weil nicht einzuordnende Konglomerate aus eigenen und fremden Textpartikeln. Jedoch geht es ihm dabei nicht so sehr darum, durch das Zufallsprinzip im Spiel mit der Zitierkunst den Fängen des eigenen, vorurteilsgeprägten Bewußtseins zu entkommen, was eher den Intentionen der Cut-up-Techniker William S. Bourroughs, Jürgen Ploog oder – aktuell -  Michael Fiedler („Geometrie und Fertigteile“) entspricht. Denn, da die intertextuellen Arbeiten Reineckes retrospektiver sind, erschaffen sie, statt unmittelbarer Gefühlswelten, eher lehrhafte, aber in der Mehrzahl oft auch amüsante historische Parallelwelten, deren qualitatives Vergnügungspotential man jedoch nicht leicht mitempfindet, wenn man nicht gerade ein philologisch-germanistischer Supercrack ist. Aber hier hat Reinecke dankenswerterweise vorgesorgt, indem er einen ausführlichen Apparat zum Verständnis und zur Entstehungsgeschichte seiner Gedichte dem Werk hintan gestellt hat. Ich persönlich neige zwar mehr zu der Art Lyriklektüre, die die direkte emotionale Empfindung in den Vordergrund stellt, jenseits aller akademischen Aufrüstung, kann aber nichtsdestotrotz dem schelmischen Spieltrieb, den Reinecke treibt, durchaus etwas abgewinnen. Ich favorisiere die augenzwinkernden, travestieartigen Texte wie Wunsch, Cowboy zu werden I und II (Seite 56 und 57). Auch expressive, doppeldeutige Texte wie „Für Priester“ haben es mir angetan: Spielt das Akkordeon aus Rippen und Haut / die Röcklein hoch, mit farblosen Nägeln geschlitzt / bis Schenkel erbeben, wiegt die Glieder / ganz sachte streicht ihre Rücken / zieht die Kontur ihres Kiefers nach // (Seite 38). Es würde zu kurz greifen, in Reineckes Lyrik etwa nur ein retromanisches Phänomen zu sehen, nach der Devise, je gegenwartsverweigernder, desto moderner, denn der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Vielleicht liegt darin der Grund ihrer Originalität.

Bertram Reinecke
Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst
roughbooks
2012 · 94 Seiten · 8,50 Euro

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