Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Vom schmerzlichen in der Haut stecken und den Fluchten der Linderung

Eine heftige literarische Erfahrung mit „Flieg, mein elektrischer Fisch“
Hamburg

Das Leben hat mich mit dem Rücken an die Wand gestellt, es hat die Pistole auf mich gerichtet und geschrien: Fang etwas an, oder stirb!

Der Untertitel dieses Prosabandes bezeichnet die darin erzählten Szenen als „Bilder einer Weltverlorenheit“. Passender erscheint mir das Wort Gemälde. Denn in ihrer atemnehmenden Größe und Heftigkeit, aber auch in der manchmal vorherrschenden Langsamkeit und Dichte, dem Heranziehen von eindringlichen Farben und unnachgiebigen Bildern und Metaphern, erreichen viele der entworfenen Gefühls- und Gedankenlandschaften und Wirklichkeitsfluchten das Ausmaß einer großen Darstellung, nicht nur einer Zeichnung.

Diese Darstellung, das muss direkt gesagt werden, hat nichts Sanftes an sich – zwar kommen zarte Momente zuhauf darin vor, aber die erscheinen nur im Abflauen, sind der kurze Bremsvorgang nach der hohen Beschleunigung und vor dem heftigen Aufprall. Aber so soll es ja auch sein, denn in diesem Buch geht es um eine Entfremdung, eine Entgleisung, ein aus dem Ich gefallen sein und ein Dickicht aus Schmerz und Flucht und Wunsch nach Erlösung.

Sie ist jenseits allen Menschseins mit einem unmenschlichen, außermenschlichen Etwas konfrontiert, es hat von ihr Besitz ergriffen, obwohl sie scheinbar ein Mensch und eigentlich nicht dafür geschaffen ist, dergleichen zu erleben. Dieses Etwas löscht das Menschsein aus. Und doch existiert sie weiter.

Man fühlt sich anfangs schnell an die Schilderungen von depressiven Zustände erinnert: die Fremdheit angesichts der eigenen Gefühlsverlassenheit, die Feindseligkeit, die man allerorten in der Welt vermutet, der ungleiche Kampf, den man mit seinen hoffnungslosen Eindrücken plötzlich führen muss, die Unfähigkeit sich aus der Apathie zu reißen und sich zu notwendigen Schritten zu zwingen, das alles sind Indizien für depressive Schübe.

Doch Dörings Prosa geht noch etwas tiefer. Sogar soweit, dass man von einer Frage nach der Daseinsberechtigung sprechen kann. Was wenn nichts mehr da ist, in einem selbst? Wenn das Dasein, die Vergangenheit, das alles den Lebensimpuls nur noch abzuschnüren scheint. An wen, an was, kann man sich wenden, veräußern? Gibt es einen Garten Eden, in den man gelangen kann, wo sich die unbarmherzigen Frequenzen des Lebens und Denken und Wahrnehmens nicht mehr ineinander verkeilen? Sich auflösen, hin zu etwas Stabilem? Aber wie?

Das Martyrium der Einzelheiten, alles besteht nunmehr aus auseinanderfliegenden stürzenden Einzelteilen. Sie muss sich sofort zusammensammeln. Sie muss sich sofort besinnen, aber auf was?

Die Protagonistin Carla – deren Identität hüllt die Autorin, durch ein geschicktes (aber auch irritierendes), häufiges hin und her Wechseln zwischen einer Ich-Erzählperspektive und einer Sie-Erzählperspektive, in einen Widerspruch, bindet das Zerrissene auch auf diese Weise wirksam ein – ist mit ihrem Dasein gestrandet, sie kann nur noch das Nötigste tun. Ihre Verunsicherung zieht immer größere Kreise und ihr Unvermögen, mit dem Widerspruch, den sie für sich selbst darstellt, klarzukommen, drückt sie im eigenen Körper und der eigenen Wahrnehmung ständig unter Wasser, lässt sie in sich selbst nach Luft ringen.

Schließlich tritt die Figur eines Mannes in ihr Leben und der Text beginnt sich zu einem metamorphischen Kosmos zu entwickeln, zu einer Erzählung, die noch mehr durch Sehnsuchtsorte, Rettungs- und Heilsphantasien und bedrohliche Verlassen- und Versessenheiten streift, an Traumas vorbei, nah am Abgrund, der Abgrund, der man selbst ist, aber irgendwie auch die Welt, die so wenig Innehalten bietet.

Könnten sich die Menschen nicht immer nur nachts begegnen, im Geheimen, im Formen, Farben, ineinander Flüstern, könnte ich denn da nicht einmal sichtbar werden? Am Tag bleib ich unsichtbar, und die Schleusen, die geöffnet werden, der Strom der losbricht, Tag um Tag, zerschlägt mich mit seinem ersten heranrollenden Ton.

Kann man errettet werden von einem anderen, gibt es einen Ausweg aus der nie endenden Zerreißprobe? Döring schickt ihre Protagonistin durch eine Hölle, sie martert sie mit Sprache, mit längeren Stromstößen aus Worten. Aber vielleicht ist all das, was ihr da entgegenkommt an Schmerz und Auflösung und Willkür, gar nicht die Welt, sondern ein böser Traum? So wirkt es manchmal, wenn man gerade ganz tief hinabgetaucht war in das Buch und sich kurz besinnt, wieder auftaucht, dann erscheint einem die Welt, die man darin erlebt hat, wie aus jenem dickflüssigen Material gemacht, aufgetürmt, mit dem auch Alpträume uns umspülen, unsere Bewegungen lähmen und Unaufhaltsames geschehen lassen. Aber diese Interpretation führt zu weit, denn es geht hier um sehr viel realen Schmerz, sehr viel echte Verlorenheit. Für die Protagonistin ist der Zwang des Alptraums Realität geworden.

Ich will nicht zur Gänze offenlegen, in welche Untiefen und Geschichten dieses Buch im Folgenden noch hinabsteigt. „Flieg, mein elektrischer Fisch“ ist sicher keine angenehme Lektüre, aber das will es auch nicht sein. Hier will etwas ausgedrückt werden, etwas Nahtloses, das sich um des Ausdrucks Willen in das Harte stürzt, ins Überspannen der Bögen und Sehnen, in große Bilder, in transzendierte und mythische Bezüge. Dieses Geballte, für das ich hier sicherlich noch hundert weitere, unzulängliche Bilder finden könnte, erfährt in diesem Buch eine Manifestation, vor der man meiner Meinung nach nur den Hut ziehen kann. Oder anders gesagt und um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: die Größe dieses Buches besteht in dem nicht nachlassenden Versuch einer Darstellung. Im Versuch den Punkt zu finden, an dem man den schmerzlichen und lindernden Enden in unseren Empfindungen beikommen kann; ein Punkt, wo man sie vielleicht einmal zu fassen kriegt.

Es könnte jetzt der Eindruck erstehen, dass es nicht auch um Hoffnung und um ein Lichten dieser Dunkelheit, dieser Situation geht. Doch, geht es. Einzig sogar.

Bianca Döring
Flieg, mein elektrischer Fisch
Bilder einer Weltverlorenheit.
edition offenes feld
2016 · 144 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
9783842334489

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge