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Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
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Das Meer und der Norden     Streifzüge von Küste zu Küste     von Charlotte Ueckert
Kritik

Nur kein kleiner Anglo-Afrikaner!

Wainainas Erstling gegen die rülpsende Selbstzufriedenheit der zertifizierten Welt
Hamburg

Wenn sich jemand als 40Jähriger an sein Leben im Alter von 7 bis 39 erinnert und diese Erinnerungen gleich veröffentlicht, muss, handelt es sich um lohnende Lektüre, Außergewöhnliches vorliegen. Entweder ist das Leben des Autors schon äußerlich unerhört oder aber in ungewöhnlich origineller Selbstreflexion bzw. gesellschaftlich-kulturell-politischer Einbettung nachgezeichnet.

Letzteres gilt für Binyavanga Wainainas Erinnerungsbuch Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben. (Zudem, damit wir es nicht vergessen, hat der Autor selber das Abschlussjahr im Buch, 2010, insofern als Zäsur in seinem Leben empfunden, dass er sich im Anschluss als schwul outete: „I‘m a homosexual, Mum“: in einem Text, den er ursprünglich als Kapitel in unserem Buch hier geplant hatte ( http://africasacountry.com/i-am-a-homosexual-mum/ ).

Die äußerlichen Lebensstationen wirken für einen afrikanischen Intellektuellen aus eher bessersituierter Familie zunächst vielleicht nicht übermäßig spektakulär: Aufwachsen (Geburtsort ist Nakuru im Rift Valley) und Schule in Kenia; als Erstsemester philologisches Studium in Nairobi, dann unabgeschlossenes Wirtschaftsstudium in Südafrika, danach Gelegenheitsarbeiten und Journalistentätigkeit in Kapstadt;  ab 2006 an der University of East Anglia in Norwich Magisterstudium in Creative Writing; Herausgabe von Kwani?, einem führenden afrikanischen Literaturmagazin mit Sitz in Kenia; Lehrtätigkeit an einer US-Hochschule. (Wainaina’s Leiterposition des Chinua Achebe Centers am Bard College, New York seit 2009 wird im Buch noch nicht thematisiert).

Aber dieses Erinnerungsbuch beeindruckt dann sehr: Innerhalb von vierzig Jahren hat der Autor es geschafft, heranzureifen zu jemandem, der die Welt interessiert für Kenia, weitere afrikanische Länder, ihre Politik, ihre Kultur. Das alles in globalen Einbettungen, so dass wir im Buch etwa von deutschen Kleinstädten erfahren, „ wo der Tag in Euros abgerechnet und von inkontinenten alten Deutschen bevölkert wird und die Nacht den Neo-Nazis gehört“. 

Er hat es hinbekommen als Schriftsteller mit wirksamen literarischen Mitteln: Sprühenden Bildern, lebensnah wie einst die des Thomas Wolfe; hellsichtig und direkt, dabei nach Möglichkeit humorvoll, wie derzeit solche von Miljenko Jergović:

„Mum hat in den 1970er Jahren ganz ordentlich an Afro-Perücken verdient. Für das natürliche Aussehen. Ich entdecke, dass ich die Frisur erhalten kann, wenn ich den Hals nicht bewege und darauf achte, nicht zu breit zu grinsen oder zu sehr die Stirn zu runzeln.“

Alle tanzen den dombolo, einen kongolesischen Tanz, bei dem sich deine Hüften (und nur deine Hüften wie ein Kugellager aus Quecksilber bewegen müssen. Will man es richtig machen, muss man den Unterleib von einer Seite zur andren wackeln lassen, während der Oberkörper so lässig bleibt, als würdest du gerade mit Nelson Mandela zu Mittag essen.“ 

Sein Heimatland Kenia bedenkt er als engagierter Zeitgenosse, man möchte nach Heine sagen: natürlicherweise, mit viel sorgenvoller Kritik, ebensolchem Spott hinsichtlich dessen notorisch ungeschickten, gelinde gesagt halbherzigen oder vollständig geheuchelten Versuchen hin zu Demokratie unter all den wechselnden Potentaten, in all seiner Repression („Jeder Versuch genauer zu unterscheiden, beschert einem die Anschuldigung, ein Verräter zu sein, ein Kommunist, ein Irrer.“); da wo es um Vetternwirtschaft geht im Spiegel der ewigen Rivalität von Gikuyu und Luo. Aber er ist Anwalt von allem, was Authentizität, Volksnähe, Selbstbestimmung, Lebensvielfalt widerspiegelt: die Chancen, die in den vielen Sprachen Kenias lägen; in der afrikanischer Musik, seinen Speisen. Es ist dies der Wunsch nach Authentizität, nach „Verschiedenheit und Vielfalt im Klang“. 

Leider sei diese Eigenständigkeit erst recht in der kenianischen Literatur noch nicht erreicht, da zu sehr auf den Westen schielend:

„Das Talent verschwendet sich an Edutainment- und Bewusstseinsbildungs-Broschüren, für die Spender aus den Geberländern siebentausend Dollar pro Text zahlen. Mach die Dinge nicht unnötig kompliziert, und du wirst sehr gut bezahlt.“

Sein Keniabild gleicht der Autor mit Studien- und Reiseerfahrungen in anderen afrikanischen Staaten ab sowie beim Austausch mit LiteratenkollegInnen: Nigeria, dessen Lebensrhythmus der Autor als schwungvoller bzw. leichtlebiger empfindet. Dortige Menschen erscheinen ihm als großherziger, unternehmungslustiger als  seine Landsleute. 

Uganda schneidet als Herkunftsland der Mutter insgesamt gut ab. Das Land erzeugt gar Anlass zum Glauben, „dass dieser Kontinent letzten Endes doch nicht in-kontinent sein könnte“, hier spielen nämlich „Ritual und Form eine größere Rolle“ und Kampala kenne keine „herumlungernden Faulenzer, die irgendetwas aushecken (…) wie in Nairobbery.“, Nairobi, dessen Slums aber anderseits auch Stoff für die Reportagen des sich affirmierenden Schriftstellers liefern. 

Mit Südafrika wird der Autor nicht recht warm:

 „Es ist mir immer noch fremd, dieses Land, in dem jede menschliche wirtschaftliche Aktivität markiert und bemessen und bewertet worden ist. Alles ist durchnummeriert.“, 

so dass Johannesburg aus der Luft als „eine Stadt wie eine Excel-Tabelle“ erscheint.

Keinen Hehl macht der Autor aber aus seiner Sehnsucht nach panafrikanischer Identität. Neben der Musik, der Küche hat der Fußball das Zeug dazu: 

Wir alle springen auf und setzen uns wieder hin und schreien und singen, als Kader in der vierunddreißigsten Minute Togo mit einem Hammerschuss aus sehr schwierigem Winkel gegen Südkorea in Führung bringt.“, (WM 2006).

 Ja, symbolisiert nicht gerade die Bewegung des Fußballers – und Kafka wird auch eingewechselt –genau das, was man (denn nur in Afrika?) braucht, um ins Zentrum zu gelangen: 

„Durch Tore spazieren, bewacht von brutalen Riesen, bis hinein ins Allerheiligste, den Zoo des Präsidenten, sein Zuhause und die Schatzkammer deines Landes.“

Den Autor und seinesgleichen zieht es zunächst aber hinaus in die Welt, sowieso ist er schon als 20Jähriger global ausgerichtet, ist „Tag und Nacht online.“:

„Wir sitzen im Dazzle, einem Nachtklub, Kinder des wahnwitzigen Wettrennens, aus Afrika fortzukommen.“ 

Dort nämlich lassen sich beachtliche akademische Weihen realisieren, Lehrtätigkeiten, Publikationsmöglichkeiten; es winken die Literaturpreise wie der britische „Cain Prize“, den der junge Autor gewinnt.

Aber Wainaina bleibt auch in der westlichen Welt, die ihm als eine Zuspitzung südafrikanischer Gegebenheiten erscheinen muss: kritisch, das heißt hellsichtig, dabei analytisch, überwiegend mit assoziativem Bezug auf Afrika. So lassen sich als ein dichterischer Höhepunkt des Buches jene Impressionen lesen aus einem Amtrak-Waggon heraus auf seiner Fahrt nach New York hinein, den Hudson River entlang:

„Internationale Korrespondenten mit ihren länglichen Diktiergeräten und schmutzigen Jeans und dem Grundsatz, vor dem ersten Whisky fünfhundert Wörter zu schreiben, lümmeln auf der Jagd nach der Story auf den roten Samtstühlen vorn im VIP-Bereich herum: „Most Macheting Deathest, (…), Most Entrail-Eating Civi Warest, Most Crocodile-Grinning Dictatorest.“

Tiefe Skepsis hatte ja schon der Mauerfall in dem Zwanzigjährigen hervorgerufen: 

„Das Projekt, Menschen wie uns heranzubilden, geht zu Ende. Jetzt wachsen die, die schon etwas haben, und die, die nichts haben, bleiben zurück.“ 

Das Buch lässt sich auch mit Gewinn als Beschreibung eines sich abzeichnenden und affirmierenden Schriftstellertalents lesen mit all seinen Zweifeln und Visionen, den Befürchtungen des angehenden Literaten etwa, möglicherweise nicht zu genügen: 

„Vielleicht schreibe ich und die Leute verdrehen die Augen, weil ich über Durst schreibe und Durst etwas ist, das die Leute schon kennen, und was ich sehe, das sind nur schlechte Formen, die nichts bedeuten.“

Auf Schritt und Tritt belegt das Buch anschaulich, dabei konsequent und eindringlich Wainainas Lust am Blick hinter die Fassaden, ist Veranschaulichung seines für jeden Künstler weltweit verwendbaren Credos: 

„Mir liegen (die) Dinge, die unter der rülpsenden Selbstzufriedenheit der zertifizierten Welt liegen, ungemein am Herzen.“ 

Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben ist am stärksten da, wo Wainaina mit der literarischen Umsetzung von Achebes Erklärung: ‚Afrika, das sind Menschen‘.“ aufwartet, Menschen in ihrer angestammten Umgebung schildert, meist witzig wie hier in Togo an einem BH-Verkaufsstand:

„Die Freiluftstände in meiner Heimat verkaufen nützliche, praktische, weiße BHs. Alle second hand. Nicht hier. Es gibt rote, trägerlose Büstenhalter mit zähnefletschenden Rändern aus schwarzer Spitze. Ich sehe einen narzissengelben BH mit gewundenen grünen Blättern entlang der Säume. In der Mitte der Leine baumelt der größte Still-BH, den ich je gesehen habe, weiß und drahtgestützt und unheilverkündend. Ich bin sicher, dass sich hinter dem Weiß Kolben und Flaschenzüge sowie ein oder zwei Strebebögen verbergen. Ein roter BH hat um zwei brustwarzengroße Löcher gebleckte schwarze Zähne. Daneben ist ein Korsett in feiner Elfenbeinfarbe. Ich wusste gar nicht, dass man immer noch Korsetts trägt. Eine Gruppe Frauen bricht in Gelächter aus. Ich glotze. Anglophon. Prüde.“

Die Übersetzung dieses Buches war kein Kinderspiel: So hat sich der Leipziger Übersetzer Thomas Brückner entschieden, punktuell englischsprachigen Originalwortlaut zu belassen, um gleich im Anschluss die deutsche Übersetzung anzufügen: „Imprint. Impress. Prägen. Beeindrucken.“: Passend, da sich auf diese Weise Dynamik und Eindringlichkeit der stark westlich geprägten Einflüsse auf den heranwachsenden Autor abbilden lassen, einen Autor, der sich in solchen Momenten bang fragt, ob er womöglich nicht bloß ein „kleiner Anglo-Afrikaner“ werde.

Das achtseitige Glossar führt erläuternd Eigennamen von LiteratInnen (z.B. des Autors nigerianischer Kollegin Chimamanda Ngozi Adichie), von Musikschaffenden auf, politische und literatursoziologische Begriffe  wie „Tigritude“, erwähnt interessant ausführlich die südafrikanische Zeitschrift „Drum“, nennt die Bedeutung der im Textkorpus erwähnten Wörter und Ausdrücke aus den verschiedenen kenianischen Sprachen; ist aber nicht vollständig. So blättert der Leser manchmal vergebens aus dem Text zurück, indem man auch hinsichtlich eines verbreiteten Begriffs wie „harambee“ gehofft hatte, ihn im Glossar berücksichtigt zu finden.

Das Erinnerungsbuch Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben ist ein weiterer Titel aus der Reihe „Afrikawunderhorn“ des Wunderhorn Verlags. Es bereichert Leser weltweit, indem es die Möglichkeiten schöpferischer Kraft am Beispiel eines kenianischen Autors zwischen ca. 1975 und 2010 abbildet. Es weist afrikanisches Denken und Empfinden, afrikanische Literatur als zuträglich aus, notwendig für das globale Ganze. 

Binyavanga Wainainas bislang schon erfolgreiches Bemühen um den ganzheitlich-offenen Blick ist im Übrigen mittlerweile angenehmerweise gewürdigt worden, indem  „TIME Magazine“ ihn für 2014 zu den „100 Most Influential People in the World“ zählt.

Binyavanga Wainaina
Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben
Erinnerungen
Übersetzung: Thomas Brückner
Das Wunderhorn
2013 · 320 Seiten · 24,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-427-3

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