Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Birgit Kreipes Schwimmende Insel

Überlegungen zum Leseheft Nr. 20

Ortsbestimmung: „an einem blauen dorn“,  behauptet das lyrische Ich, „hing ich über dem meer / im himmel also“. Ortsbestimmung? Entweder der blaue Dorn ist mit dem Himmel eines und derselbe, dann hängt das lyrische Ich am und nicht im Himmel, weil es sonst in ihm aufginge; oder Dorn und Himmel sind unterschieden, dann gibt es zweierlei Blau, über die man weiter nichts erfährt, sich aber Gedanken machen kann.

„das absolute gedicht würde allen / gefallen.“ Dann ist dieses Gedicht hier, das wie zu Anfang zitiert beginnt, kein absolutes Gedicht. Gefiele es nämlich allen, reimte es sich mit den Vorstellungen und Erwartungen seiner Leserinnen und Leser wie ‚allen‘ mit ‚gefallen‘, fände sich in diesem Reim mit dem Bewusstsein, das es aufnimmt, einvernehmlich und vereinigte sich auf diese Weise letztendlich vollständig mit ihm. Es würde keine Fragen über An und Im, über einerlei oder zweierlei Blau auslösen. Das absolute Gedicht, das allen gefiele, wäre die reine Fraglosigkeit. Dieses Gedicht existiert nur, insofern es am Horizont seines Verstehens untergeht. In diesem Untergang aber wahrt das absolute Gedicht seine Existenz, indem es sich als sein anderes sich entgegensetzt: Als das absolute Gedicht, das niemand gefallen würde, in keinerlei Reim- oder Versform. Es fände sich in allen seinen Einfällen von dem Bewusstsein, das sie aufzunehmen hätte, vollkommen verschieden und trennte sich auf jeden Fall völlig von ihm. Das absolute Gedicht, das niemandem gefiele, wäre die reine Frage, die sich durch ihre Wiederholung erwiderte und um sich selbst erweiterte, weil sie nie auf eine Antwort stieße. Dieses Gedicht existiert nur, insofern es vom Horizont seines Verstehens fortgeht. Zwischen diesen beiden Extremen erstreckt sich der Raum der Gedichte, die weder allen noch niemandem gefallen, die strittig sind, ungleich verteilt auf Zustimmung und Ablehnung, dissipative Systeme, stets von der Entropie bedroht, die sie auszuschließen suchen und die sie am Ende doch ereilt: „das letzte gedicht / würde die form von wellen annehmen“, die Form einer gleichmäßigen Gleichgültigkeit zwischen dem, was allen, und dem, was niemandem gefällt. Damit aber würden sich das eine wie das andre als Extreme derselben unmittelbaren Negativität zu erkennen geben, die zwischen ihnen herrscht: „dann ginge alles von vorne los.“

Vom Zenit zwischen diesen beiden einander entwerfenden wie verwerfenden Horizonten, von ihrer immer labilen, immer problematischen, hoch beweglichen und geschmeidigen, bedrohlichen und bedrohten Mitte, vom Koinzidens-Punkt zwischen Alltag und Rätsel hängen Birgit Kreipes Gedichte ab. Beispielsweise durch die Verführung des Alltags ins Rätsel: „schaumkronen des windes, geflügelt / ihr hierher in der mündung nordost // antwort auf die wiederholte / frage des meers: wo ist der strand?“ Überschrift: „möven“ – als geflügelte Schaumkronen des Winds, als vervierfachende Aufstockung ein und desselben Bildes, jeweils aus der Perspektive der Flügel, des Winds, der Wellen, des Schaums in eine Bewegung, eine Gestalt zusammengefasst – „möven“. Diese Bewegung, in der das Meer als Welle und Schaum bei sich bleibt, während es in Flug und Wind über sich hinausgeht, weiß die Antwort auf die Frage, die das Meer sich zwischen hin stellt und die man nur hört, wenn man der Bild-Konstruktion des Gedichts genau folgt: Wo ist der Strand, die Grenze meines sich verdoppelnden Wellenschlags, an der ich mit ihm stranden kann?

Beispielsweise durch die Überführung des Rätsels in den Alltag: „nur der spiegel lächelt / geht auf ein meer / auf dem die sonne liegt“, heißt es in dem vierstrophigen Gedicht vom „vierblättrigen ich“. Spiegelblank das Meer heute, nicht wahr? Und unter der Sonne glänzt es wie ein Feuerspiegel. Das Gedicht, das die verschwundene Kindheit auf- und zurückzurufen sich bemüht, scheint bei einer Trivialität, einem bis zur Gedankenlosigkeit alltäglichen Bild anzukommen. Aber halt. Da das Gedicht die Komma-Setzung uns Lesenden überlässt, überprüfen wir es doch diesbezüglich noch einmal: „nur der spiegel lächelt / geht auf,  ein meer / auf dem die sonne liegt“. Das ändert alles. Wie in Alices Wunderland öffnet sich der Spiegel lächelnd, wenn man ihn an- und in ihn hineinsieht, verwandelt sich in ein sonnenüberglänztes Meer – das verschwundene Land der Kindheit oder mindestens der Weg zu ihm?

Wo sie am besten in Form sind, tanzen diese Gedichte zwischen Rätsel und Alltag, zum Beispiel in „melone“. „kerne, die aus der melone fallen / diesem schiff voll rötlichem licht / gegenfarbe der dunkelheit“ Melonen haben rotes Fleisch, ihre Schnitze sehen aus wie Schiffe, und ihre Kerne sind schwarz. Na und? Was weiter? Gegenfarbe. Wer oder was trägt sie? Die Kerne? Die sind doch schon schwarz. Gibt es zweierlei Schwarz, zwei Farben, die einander so gleich und so entgegensetzt sind wie die beiden Extreme des absoluten Gedichts? Der Melonenschnitz?  Aber die Gegenfarbe zur Dunkelheit ist Weiß und nicht Rot, obwohl, wenn man das weiße Licht prismatisch zerlegt … Wir Lesenden haben die Lust der Wahl. Die verzweigt und vermehrfacht sich in der folgenden Strophe. „kerne, die aus der melone fallen / schwarze käferkapseln / fallen sie unter / das rötliche schiff“ Während sie fallen, verwandeln sich die Kerne in Käferkapseln (dreimal der gleiche Anlaut, dreimal vergleichbare Gestalt aus demselben Ursprung), in Larven, aus denen schwarze Käfer unter dem, unter das Melonen-Schiff schlüpfen werden, „das atmet, zuckt wie ein herz“ im roten Licht des Blutes, als hätte es Angst vor dem, was da unter ihm lebendig und wach wird. Aus dem Alltags-Stillleben mit seiner leichten Zweideutigkeit hat sich eine Szene von schwer wiegender Symbolik entwickelt (Käfer – Herz, Schwarz – Rot, Atmen – Zucken), die bedrohlich wirkt, obwohl das Gedicht die Drohung nicht ausspricht. Tut es die dritte Strophe? Legt sie die Symbolik aus, löst sie das Rätsel? Ja und nein. „rötlicher traum, der atmet, zuckt wie ein herz“ Ach so. Alles nur ein Traum mit bruchlos sich tauschenden  Bildern, wie sie für Träume typisch sind – wenn weiter nichts war … „aufgetaucht aus dem schwarzweiss / der harten belichtung des winters“ Aufgetaucht also aus Licht und Dunkelheit, aus Farbe und Gegenfarbe, dort, wo sie einander so hart und schneidend begegnen wie Winterkälte (diese Gedichte haben überhaupt gern Winter), demnach aus äußerster Wachheit und Klarheit. Und wohin wendet sich dieser Wach-Traum? „verlässt das schiff / die schwarze fracht der kerne / das rote schiff“ Zwei Lesarten. Eine rätselhafte und eine alltägliche. Beide gelten. Beide berufen, überlegen einander. Lesart eins: Der rötliche Traum, der in der „harten belichtung des winters“ sieht, dass er kein Traum mehr ist, verlässt das Melonen-Schiff, verlässt die schwarzen Kerne, die es nun doch wieder an Bord hat (die zweite Strophe war offenbar der Traum noch in Schwarzweiß), verlässt das rote Schiff, das in seinem Blut „atmet, zuckt wie ein herz“. Was bleibt dann zurück? Eine leere Form? Das symbolische Bild, traumlos, als wäre es nun einfach real? Lesart zwei: Wir setzen nach dem Vers „verlässt das schiff“ einen Punkt. Dann wird alles sehr leicht verständlich und sehr gebräuchlich. Der rötliche Traum verlässt das Schiff, das damit wieder zu dem wird, was es von Anfang an war: ein Melonen-Schnitz. Die schwarze Fracht der Kerne verlässt dieses rote Schiff, weil wir die Melone jetzt essen wollen, und dafür muss man erst die Kerne heraus schnipseln. Wofür wollen wir uns lesend entscheiden? Ich für mein Teil bin für das Denk-Spiel zwischen den beiden Extremen.

Hier und da bekommt ein Gedicht müde Füße und ruht sich auf Wörtern wie ‚Magie‘ oder ‚Idee‘ aus. Die, meint es, sind so voll von bewegenden Geschichten, dass es ihnen das Tanzen eine Weile überlassen kann. Dass diese Wörter des Tanzens infolge ihrer langen Figuren-Geschichte überdrüssig sind und sich mit dessen Anschein in der Phantasie ihrer BenutzerInnen begnügen, werden Kreipes Gedichte noch erfahren müssen.

Wenn ich Wind sage, seid ihr weg, wirft die Autorin uns Lesenden im Titel vor. Sie hat recht. Wir sind es gern. Auf den Spuren nämlich, die ihre Gedichte in die Thermik zwischen Alltag und Rätsel legen.

Birgit Kreipe
wenn ich wind sage seid ihr weg
Verlag im Proberaum, vergriffen
2010 · 28 Seiten · 5,00 Euro
ISBN:
978-3-941296190

Fixpoetry 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge