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Kritik

Grenzüberschreitungsversuche

Björn Kuhligks Langgedicht "Die Sprache von Gibraltar" handelt von einer physischen Grenze – und kann auch gelesen werden als Text über die Grenzen der Möglichkeiten von Lyrik.
Hamburg

Bei Hanser Berlin ist ein Band von Björn Kuhligk erschienen, der neben dem titelgebenden Langgedicht "Die Sprache von Gibraltar" noch drei weitere Abschnitte mit anderen Gedichten enthält. Das wäre, denkt man sich beim ersten Durchblättern, durchaus nicht nötig gewesen; "Die Sprache von Gibraltar" hätte ihr ganz eigenes Büchlein verdient. Die vorliegende Darreichungsform schmälert die Wucht der einen Hälfte, und relegiert die "normalen" Einträge in der anderen Hälfte zur bloßen B-Seite, was auch nicht hätte sein müssen.

Das Langgedicht, mit dem wir uns vor allem beschäftigen werden, wenn wir uns also mit diesem Buch beschäftigen, handelt von der spanischen Exklave Melilla, die am nördlichsten Zipfel Marokkos liegt, umgeben vom Meer und von einem der bestbewachten Grenzzäune der Welt, einen Grenzzaun, in dessen Nähe auf marokkanischer Seite

30.000 Flüchtlinge aus den Subsahara-Regionen [leben]

wie uns die knappe Anmerkung am Ende des Gedichts erläutert. Von ihnen erprobten z.B. 2014 ca. 20.000 die Überwindung des Zaunes, um nach Europa zu gelangen;

2015 gelang es ca. 3000 Menschen, den Zaun zu überwinden.

Kuhligk spricht von einem einzelnen Ort und dessen spezifischen Bedingungen, aber in der Natur der Sache liegt, dass er dabei nicht nur jene Fluchtwilligen in den Blick bekommt, die gerade diesen speziellen Zaun in Melilla zu überwinden versuchen, sondern auch die große Grenze Europas, die das Mittelmeer ist; nicht nur das spezielle soziale Verhältnis, das zwischen Touristen wie Kuhligk selbst, Einheimischen, Grenzsoldaten und Flüchtlingen gerade in Melilla besteht, sondern auch jenes grössere-allgemeinere soziale Verhältnis, das uns, die Bewohner Europas, und alle die anderweitig im Mittelmeer ersaufenden oder in ihren Lagern vegetierenden Flüchtlinge mitumfasst.

Dass es über dieses Verhältnis nichts Günstiges zu sagen gibt, liegt auf der Hand, schon bevor wir zu lesen beginnen; daher rührt auch eine gewisse Skepsis, wenn wir das Buch erstmals aufschlagen: Was soll diese Lektüre schon groß an Erkenntnisgewinn bringen? Dass die Situation Scheisse ist, wie sie ist, wissen wir... Kuhligk überwindet diese meine Skepsis in diesem Punkt jedoch rasch, und zwar, indem er sofort klar macht, dass es in "Die Sprache von Gibraltar" keinen erkennbar zum Scheitern verurteilten Versuch geben wird, mit den Mitteln von ausgerechnet Kuhligks Lyrik "den Opfern eine Sprache zu geben" o.ä. . Statt dessen konzentriert sich der Text genau auf das, was er auch einlösen kann – und lässt das satt-westliche (früher hätte man gesagt: bürgerliche) Bewusstsein mit allen seinen Sachzwängen auf die Zumutung jenes Elends knallen, das diese Sachzwänge mitverursachen; beschreibt realistisch, oder sagen wir bloß "glaubhaft", wie sich das anfühlen und wie das aussehen wird, wenn ein deutscher, weißer, männlicher Intellektueller, also ein auf mindestens vier verschiedene Arten privilegierter Vertreter der Spezies Mensch, persönlich Nachschau halten geht an den Grenzen seines Wohlstands, den Grenzen seines Friedens.

Verständlich erscheint an dieser Stelle die Befürchtung, dass dieses ganze Unterfangen in ein Abfeiern von liberal guilt ausarten könnte, Statusgewinn durch strategisches Eingeständnis einer moralischen Niederlage –

Papa, was hast du gemacht, als die Leute
von den Zäunen geschossen wurden
ich habe etwas für meinen Körper getan

– doch „Die Sprache von Gibraltar“ hat Interessanteres zum Hauptgegenstand als etwelche haareraufenden Selbstanklagen des privilegierten Subjekts (ohne freilich irgendwas zu beschönigen). Seine Frage scheint zu lauten:

Wie nahe kommst du sozial, politisch, ethisch vertrackter Wirklichkeit, in der wirkliche Menschen rumlaufen, mit den Mitteln dieser, sagen wir Eindruckslyrik, post-deutsch-modernen Gegenwartslyrik, mit den Mitteln überhaupt dieses kant‘sch-interesselosen über-den-Dingen-Schwebens? Das Text-Ich selbst sagt an einer Stelle

Scheinwerfer neben Scheinwerfer
ich esse eure Naturlyrik-Suppe nicht
eure Naturlyrik-Suppe esse ich nicht
eure Postmoderne, denkt man es mal
gerade aus, findet diesen Zustand interessant

ein zwitschernder Baum
eine Formation Kraniche
[...]
kein einziges Pferd in Melilla
lieber Jesus, da stimmt doch was nicht

... wobei wir uns da andererseits nicht sicher sein können, ob nicht die Pose ein wenig gar zu trutzig gewählt ist; gerade das Vorliegen eines Bandes wie „Die Sprache von Gibraltar“ selbst ist doch Ausdruck des Interesses „unserer Postmoderne“ an „diesem Zustand“; bzw. funktioniert über seine ästhetische Zurichtung, bis hin zur, sicher zutreffend recherchierten, aber als Konstruktion eben reichlich vor-, also postmodernen Beobachtung der Abwesenheit von Pferden.

Richtig rein knallt der Abschnitt des Langgedichts, da Kuhligk scheinnaiv Kleinigkeiten des deutschen Wohlstandsdaseins („musikalische Früherziehung“, „Eiskunstlaufen im Fernsehen“ – solche Sachen) aufzählt, die „sie“ (von drüben) wohl wollen. Dieser Abschnitt hat einen vage kinderliedhaften Vorlauf, in dem ein Vergleich der Zaunkletterer mit Motten angedeutet wird (zum Lichte hin, und so), womit die Gegenüberstellung von „willkürlicher Entmenschlichung derer, die nix haben“ und „willkürlicher Zuschreibung von Subjektstatus an die, die schon was haben“ ungewohnt plastisch, ungewohnt nützlich vollzogen ist.

Man könnte dann noch einiges über die Bauweise des Gedichts reden (die Wiederholung und Variation einiger Schlüsslphrasen, die ihren Sinn verändern; wie Zuschreibungsgenitive sich in besitzanzeigende Genitive und weiter in Metapherngenitive verwandeln und retour; das doch überraschend – und passend – Listenhafte gerade von diesem Autor); oder studieren, warum gerade die Zwölftonmusik mehrmals als Beispiel der wirkungslos-fernen Deutschkulturwelt herhalten muss, die hier, in Melilla, nix zu melden habe (wo doch gerade „Ein Überlender aus Warschau“ usw. usf., fragen Sie Ihren Musiklehrer); schließlich über die anderne Gedichte reden – B-Seite, wie gesagt, leider leider; wobei „Komm nach vorn, da sind mehr Bässe“, in Abschnitt III des Bandes, als Komplementärstück zur „Sprache von Gibraltar“ wirkt, als hervorragend gelungenes Herkunftslied jenes Deutschkultursubjekts, dem man vordem beim Flanieren zwischen Grenzzaunscheisse zusah.

Der schönste Zweizeiler des Bandes jedenfalls lautet:

Was ist der Mensch? Halb Bier
halb Mängelexemplar, [...]

Die wichtigsten sechs Zeilen dagegen stehen am Schluss von „Die Sprache von Gibraltar“:

Im Mittelmeerraum ist Mittelmeerboden
im Mittelmeerraum treiben Ertrunkene
die Ertrunkenen werden zu Mittelmeerboden
die Ertrunkenen verändern die Geographie
die Ertrunkenen machen das

Björn Kuhligk
Die Sprache von Gibraltar
Hanser Berlin
2016 · 88 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25291-2

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