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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

auf der Suche nach der verlorenen Kneipe

oder warum gibt es hier Lamas?
Hamburg

Ich habe in diesem Jahrzehnt zu wenig geschlafen. Ich habe letzte Nacht zu wenig geschlafen. Ich blicke auf.

In Grossraumtaxi. Berliner Szenen hält Björn Kuhligk  seine Stadt, Berlin, in zahlreichen Skizzen und Momentaufnahmen fest: Berlin, zu allen Tages- und Nachtzeiten, in allen Wetterlagen und meist in höchster Eile. Es geht um skurrile Alltagssituationen, Stadtveränderung, leben mit Kindern, Älterwerden, Gespräche am Nebentisch und das richtige Verhalten, sollte man einmal einem Bären begegnen.

Zum Einstieg ein kleiner Steckbrief für das Buch:

Titel: Grossraumtaxi. Berliner Szenen.
Autor: Björn Kuhligk.
Verlag: Verbrecher Verlag.
Erkennungsmerkmal zum schnellen Wiederfinden: leuchtendes Giftgrün.
Die Form: Kolumnen und kurze Erzählungen.
Der Schauplatz: Berlin, seine Straßen und Kneipen.
Die Fortbewegungsmittel: U-Bahn, Taxi, Fahrrad und Laufrad.
Der Ich-Erzähler: Vater und Schriftsteller.
Die Helden: die Bewohner Berlins.
Die wahren Helden: der Sohn und die Tochter.

Der Titel Grossraumtaxi passt sehr gut, da Taxis immer wieder, aber unaufdringlich, nebenbei, in den Erzählungen vorkommen:

Ich finde Autos am besten, in die zwei oder drei Kindersitze passen und die uns schnell und sicher von da nach dort bringen, bei denen man CDs einlegen kann und die beim Einparken zu Piepen beginnen, wenn man etwas anderem zu nah kommt, aber am allerbesten finde ich Taxis. Aber das sage ich nicht.

Und auch an der Buchgestaltung des Verbrecher Verlags kann man rein gar nichts aussetzen: das giftgrüne Paperback-Format ist nicht nur richtig schön, es passt auch einfach perfekt zu den Kolumnen von Björn Kuhligk.

Grossraumtaxi versammelt Kolumnen, die Björn Kuhligk über Berlin geschrieben hat, die meisten davon wurden zuvor in der taz veröffentlicht. Ein Merkmal von Kolumnen ist ihre Kürze, im besten Fall zeichnen sie sich durch eine gewisse Leichte und Leichtfertigkeit aus. Kolumnen sind Kolumnen, aber Kolumne ist nicht gleich Kolumne. Bei Björn Kuhligks Kolumnen begegnet einem immer wieder Unvermutetes – und das mitten im Alltag – beispielsweise bauchhoher Lavendel kurz vor Mitternacht:

Kurz vor Mitternacht. Eisenacher Ecke Grunewaldstraße. Ein Imbiss  mit Überdachung, vier Tische mit Stühlen darunter, in einem weißen Blumentopf steht bauchhoch Lavendel.

Björn Kuhligk ist ein Meister des Understatements. Ja, es handelt sich um Kolumnen, aber dann auch wieder nicht. Seine Kolumnen sind anders. Sie sind keine Einweg-Kolumnen, welche man schon vor dem Wegwerfen der Zeitung wieder vergessen hat. Sie sind irgendwie feiner und halten dabei selbst intensiven Mehrmalslektüren stand.

Er schreibt über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Alltags:

Die Tochter ist krank. Nach zwei Stunden Betonschlaf geht der Wecker los. Im Spiegel sehe ich aus wie jemand, den ich nicht sehen möchte. Es gibt kein Warmwasser mehr.

Dabei ist Björn Kuhligk ein sehr aufmerksamer Beobachter der Menschen rund um sich mit einem großen Interesse an Gesprächen am Nebentisch. Und er hat einen Blick für absurde bis bizarre Alltagssituationen:

Es ist kurz nach acht an einem Montagmorgen in der U7. Eine Frau verhandelt lautstark über den Preis einer Urne am Telefon. Ihre Haare sind lang und haben eine Farbe, die in der Schöpfung nicht vorgesehen war.

Die Blickwinkel und der Fokus sind oft ungewöhnlich. Einerseits, weil Berlin mit Kindern durcheilt wird, also aus einer sehr speziellen Perspektive wahrgenommen wird. Andererseits auch dadurch, weil Björn Kuhligk seinen Blick häufig vom eigentlichen Geschehen abschweifen lässt und stattdessen auf unscheinbare Gegenstände richtet, die jedoch ungleich mehr aussagen. Eine Erzählung handelt beispielsweise von einer I.-Mai-Demonstration. In der Erzählung findet sich ein einzelner Satz, der die ganze Ambivalenz einer politischen Demonstration mit Volksfestcharakter auf den Punkt bringt:

Der Wind treibt Hunderte von leeren Plastikbechern über die Wiener Straße.

Björn Kuhligk hört man gerne zu, wenn er erzählt. Und das liegt nicht so sehr daran, was, sondern wie er es erzählt. Denn für gewöhnlich sind zum Beispiel Zahnarztbesuche etwas, das man gerne aufschiebt oder schnell wieder vergisst und keineswegs etwas, das man mit Vergnügen liest:

Der Sauger und Wasser von links, der Bohrer von rechts. Die Betäubung war wohl etwas zu hoch dosiert, und so liege ich da und lasse das alles mit mir machen.
[...]
Ich sacke innerlich etwas weg. Die Betäubung scheint noch stärker zu werden. Ich denke: Multitasking, reden und bohren, hoffentlich kann sie das.

Schlicht großartig auch immer wieder, wie Wetter oder Lichtstimmungen beschrieben werden:

Der Himmel meutert, ein Licht zwischen Naja und Allesvorbei.

Gelegentlich fällt er sich beim Erzählen auch selbst augenzwinkernd ins Wort, was die entsprechende Stelle nur noch schöner macht:

Es ist windig. Ein dichter, feiner Schnee, der in dem Licht der Laternen aussieht, als würde ein Schwarm von Staren Richtung All fliehen. Ach, Blödsinn. Es ist windig, es schneit, und das Licht ist hell. Der Schnee kitzelt auf der Nase.

Wunderbar erfrischend ist die Selbstironie von Björn Kuhligk, beispielsweise, wenn er erzählt, wie er mit Laptop vor seinem ehemaligen Stammkaffee steht, in dem er einmal pro Monat Weltliteratur geschrieben hatte:

Ich stehe mit dem Laptop in der Tasche vor dem Ladengeschäft, in dem mal das Roxy war. Ich sehe durch die Scheibe in einen leeren Raum. [...] Ja, es war unglaublich hässlich, es war sagenhaft schön. Weg auch der Tisch, an dem ich einmal pro Monat saß und Weltliteratur schrieb, weg der Tisch daneben, an dem oft Piraten saßen, die sich immer wieder darüber austauschten, warum sie aus FDP, CDU und SPD überliefen.

Es macht die Qualität der Kolumnen von Björn Kuhligk aus, dass sie sich darum bemühen, ihre eigene Tiefe so gut sie können zu verbergen. Denn ja, das gab es doch schon einmal, den Mythos der Kaffeehausliteratur und der Weltliteraten, die plötzlich hilflos vor ihrem geschlossenen Kaffeehaus stehen: in Wien, nicht in Berlin, wo niemand geringerer als Karl Kraus die Schließung des Café Griensteidl in die demolirte Literatur 1896/97 als Anlass für eine satirische Abrechnung mit den Kaffeehausliteraten nahm:

Wien wird jetzt zur Grossstadt demolirt. Mit den alten Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen, und bald wird ein respectloser Spaten auch das ehrwürdige Café Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben. Ein hausherrlicher Entschluss, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind. Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit entgegen, der Faden der dichterischen Production wird grausam abgeschnitten.

Die wahren Helden der Kolumnen sind die beiden Kinder – der Sohn und die Tochter. Beide sind einfach nur unglaublich cool und süß:

Zum Schluss wird die Tochter gelobt und gefragt, ob sie ein oder zwei Brezeln möchte. „Vier“, sagt sie.

Beide Kinder sind überaus charakterstark und immer für eine Überraschung zu haben:

Ich betrete mit dem Sohn die Gemäldegalerie. Es ist ein Versuch. Ich rechne maximal mit einer Stunde.
[...]
Wir bleiben drei Stunden, und ich locke ihn dann, ich kann das nicht mehr sehen, mit dem Versprechen auf zwei Kugeln Eis aus dem Gebäude.

Kühlschrankbier und Milchreis, so lassen sich die zwei Identitäten des Ich-Erzählers als Schriftsteller und Vater auf den Punkt bringen, wobei er immer zuerst Vater ist und dabei meist unter Zeitdruck. Daher wird durch Berlin geeilt, mit dem Fahrrad oder auch mit dem Taxi, denn die Kinder haben viele Termine:

Wir kommen an unserem Haus vorbei. Die Tochter hat auf den Mittagschlaf verzichtet und sieht aus, als hätte sie diesen Tag schon mal erlebt. Der Sohn hat einen Termin, wir sind in Eile.

Eigentlich sollte es nicht mehr notwendig sein, es extra hervorzuheben, aber auch wenn Björn Kuhligk bei weitem nicht der erste und einzige ist, so ist es doch immer noch ungewöhnlich: Väter, die von ihrem Leben mit Kindern schreiben. Wirklich bemerkenswert ist, dass Björn Kuhligk als schreibender Vater schreibt, aber kein einziges Wort der Klage fällt, dass er ohne die Kinder mehr zum Schreiben käme oder Wichtigeres tun könnte. Nein, die Kinder stehen an erster Stelle und für alles andere ist nebenher noch ausreichend Zeit.

Björn Kuhilgk beobachtet seine Stadt genau und somit auch die Veränderungen, die sie durchmacht. Er sucht richtiggehend Orte, die den Wandel verschlafen haben, oder schlicht von ihm übersehen wurden:

Der Einzige, der durchzuhalten scheint, ist ein Laden aus dem letzten Jahrtausend namens Sommermeyer, in den man gehen kann, wenn man Besen oder Mülleimer braucht oder zu Hause irgendetwas kaputt gegangen ist, [...]

Nostalgie kommt auf, wird zum Beispiel eine raucherfreundliche Kneipe entdeckt, ist es ja fast schon üblicher, dass Raucher im Freien in Decken gehüllt vor ihrem erkalteten Essen sitzen:

Wir finden einen Laden, der uns geerdet und nicht zu freundlich erscheint. An der Tür klebt ein Zettel: „Raucher, kommt rein“. F. kauft noch auf der anderen Straßenseite Zigaretten. Wir öffnen die Tür der Kneipe und durchstoßen mit den Köpfen einen Rauchvorhang.

Viele der Erzählungen von Björn Kuhligk durchzieht eine leichte Melancholie. Auch Berlin ist nicht mehr, was es einmal war. Gemütliche Kaffees sperren zu, während die richtig üblen Kneipen zu Szenetreffs werden oder noch schlimmer – von Studenten und Touristen entdeckt werden.

Das Vergehen der Zeit im leicht melancholischen Rückblick beobachtet Björn Kuhligk nicht nur an seiner Stadt, sondern auch an seinem Körper, wenn er sich beim Sport viel früher geschlagen geben muss, als er das von sich selbst erwartet hätte:

Nach zweihundert Metern tun die Beine weh, verdammt, ich war Langläufer, alles weg. Über dem Hafenbecken ein Schwarm Krähen, eine heraufziehende Wolkenbank aus Südwesten. Wir laufen, wir schnaufen, wir laufen.

Greifbar wird das Vergehen der Zeit auch in den vielen, geradezu tragikomisch beschriebenen, Geburtstagsfeiern:

Dann singen wir „Happy Birthday, lieber Jens“. Es kommt von Herzen, aber es hört sich wirklich beschissen an.

Als Ganzes sind die Kolumnen trotz aller Melancholie und Nostalgie jedoch sehr positiv und lebensbejahend, selbst noch im strömenden Regen:

Unter einem Baum stehen drei Männer mit Bierflaschen unter einer Plane, die sie mit den freien Händen über sich halten, und der eine singt laut: „Ich möchte so gern ein Pinguin sein, und alles wär` so schön!“

Björn Kuhligk
Großraumtaxi
Berliner Szenen
Verbrecher Verlag
160 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
9783957320179

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