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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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Kritik

Lankwitz statt Mitte – oder: Das Große im Kleinen

In seinen Berliner Szenen erzählt Björn Kuhligk von einem anderen Berlin
Hamburg

Samstag, es ist zehn vor zehn. Ich warte mit der Tochter vor den Toren von Karstadt am Hermannplatz. Der Sohn braucht dringend eine Regenjacke für die anstehende Kindergartenfahrt ins Brandenburgische.

Mehr Alltag geht nicht. Samstag, zehn vor zehn, Björn Kuhligk geht zu Karstadt und kauft seinem Sohn eine Regenjacke. „Mann, Papa“, wird der später mosern, „ich wollte eine in Rot!“ – und den Vater zu einer schlagkräftigen Antwort zwingen. „Morgens vor Karstadt“, es hätte kaum eine bessere Szene gegeben, um diesen Band zu beginnen. Mit Grossraumtaxi zeigt der gebürtige Berliner Kuhligk „seine“ Stadt in ihrer wunderbaren Alltäglichkeit. Es ist zehn vor zehn (morgens) – und nicht spätnachts, man steht vor Karstadt, nicht vorm Berghain, und es muss jetzt eine Regenjacke sein – kein Jäger-Mate. Es ist das gelebte Berlin, nicht das erlebte, das der Lyriker und Buchhändler Kuhligk hier beschreibt, das Berlin der Edeka-Angestellten, der Taxifahrer, der Hausmeister und Postboten: ein Berlin, das genügt. – Und das tut gut. Denn das ach so heftige Nachtleben der Hauptstadt ist mittlerweile nicht nur in den Medien, sondern auch in der Literatur ausufernd beschrieben worden. Gleiches gilt für die Prenzlauer-Berg-Schwaben und die sogenannten Latte-Macchiato-Mütter.

Kuhligks Berliner Szenen dagegen spielen sich nicht in Mitte, sondern vor allem in Lankwitz ab, in Spandau, Steglitz und Friedenau. Sie zeigen das große Berlin im Kleinen. Hier feiern Mittvierzigermänner traurige Keine-Frauen-Geburtstage, hier wird beim Umziehen und Bücherschleppen mächtig geflucht und geschwitzt, hier wird Schultheiss getrunken, manchmal auch Wodka (aus Kinderschuhen!); hier wird beim Amt und mit der Tochter beim Arzt gesessen, mit dem Sohn auf dem Bolzplatz gestanden und mit der lausigen Hausverwaltung gestritten, weil der Boiler im Bad kaputt ist und es kein warmes Wasser gibt; hier wird das Fahrrad liebevoll „Gurke“ genannt, denn: „‚In die Welt sollten Sie damit nicht mehr‘, wie der Fahrradhändler sagte, ‚aber für Berlin reicht’s!‘“

Warum auch in die Welt radeln, wenn man sie gleich vor der Haustür hat. In Grossraumtaxi gibt Kuhligk, ganz nach Walter Benjamins Geschmack, den daheimgebliebenen Erzähler, führt uns in ein geradezu dörfliches Berlin, auf das man im Lonely Planet kaum hingewiesen werden dürfte. Er beobachtet, notiert und berichtet. Besonders gern, und darin dann ganz Hubert Fichte, aus seinen Stammkneipen:

Fünf Jahre lang waren wir hier [in der Stammkneipe]. Sechzigmal erlebten wir den Auftritt des Paten. Immer kam er gegen halb zehn, nahm sich die Weltpresse und setzte sich an den kleinsten aller Tische. […] Dann brachte ihm die Frau, die sich ansonsten wie ein Stück Holz bewegte, mit einer völlig anderen, nahezu geschmeidigen Körperhaltung ein kleines Bier. Womöglich gehörte ihm die Kneipe, vielleicht war er nur der älteste aller Stammgäste. Wir haben nie gefragt, es war nicht wichtig, er war da. Sie setzte sich zu ihm. Sie unterhielten sich kurz. Dann las er die Zeitung, trank das Bier und ging.

Die, die nicht Weltpresse lesen und kleine Biere bestellen, sondern ihre Wiener warm serviert haben wollen, werden hier von eben jener Bedienung schonmal angeschnauzt: „Ick bin keene Köchin, ick mach’ hier dit Bier!“ Trotzdem gibt’s die Würste dann warm. Nur irgendwann halt kein Essen mehr: „‚Hier wird jetzt geraucht‘, sagte die Frau. Und damit war alles geklärt.“

Bei so viel Lokalkolorit geht es, man ahnt es, natürlich dann auch irgendwann mal um die Zugezogenen. Doch die sind Kuhligk im Grunde herzlich egal. Ab und zu tritt ein Hipster auf. Der spricht dann Kuhligks Kumpel auf Englisch und mit „Sir“ an. Ab und zu lässt sich das Thema Gentrifizierung erahnen. Wenn es zum Beispiel um den herausgeputzten Bergmann-Kiez geht, in dem die Tochter der Friedenauer Zahnärztin wohnt. Ab und zu machen auch Vollbärte in engen Jeans „abgefahrene“ Fotos mit ihren Handykameras – ab und zu also lässt sich ein mehr subtiler als gemeiner Seitenhieb verzeichnen. – Auch solche allgemeinerer Art, demonstriert Kuhligk doch am ersten Mai zwar mit einigen Tausend anderen Linken in Kreuzberg, läuft aber dabei doch vor allem „durch eine Stadt, in der viele eine EC-Karte besitzen, auf der ein kleiner Eisbär abgebildet ist, der nicht mehr lebt […], durch eine Stadt, in der sehr viele noch den Namen des Tierpflegers wissen, der diesen Eisbären großgezogen hat.“

  Doch anstatt kräftig gegen Hipster, Neuberliner und Unpolitische auszuteilen, schaut und radelt Kuhligk lieber einfach woanders hin, isst im Diener Stullen mit Griebenschmalz, trinkt Engelhardt Pils mit seinen Freunden und setzt sich mit dem schweigsamen Nachbarn vor den Späti um die Ecke. Mehr Alltag geht nicht. Das große Berlin im Kleinen, hieß es oben – und das stimmt. Denn Kuhligks Szenen haftet immer auch etwas Anekdotisches an: Sie kommen als Witz daher, als pointierter Dialog oder als schlichte Alltagsbeobachtung, als scheinbar leichte Kost (die meisten der Berliner Szenen sind keine zwei Seiten lang) mit poetischem Einschlag. Und doch. So kurz und eingängig, so unterhaltsam und unkompliziert sie zunächst auch wirken, viele von ihnen bleiben oder kommen zurück, berühren, ja, machen nachdenklich. So zum Beispiel die Szene, die mit „Den Job bekommst du!“ überschrieben ist und in der Kuhligk von seinem Intermezzo als Zeitungsausträger erzählt. „Ich bekam den Job – wie wahrscheinlich jeder, der einigermaßen sprechen und auf zwei Beinen laufen kann. […] In der übernächsten Nacht stand ich Punkt drei vor Burger King am Hermannplatz und stieg in den angekündigten Kastenwagen ein.“ Der Job ist hart. Zeitungsbündel schleppen, Treppen hoch und runter hetzen, früh ins Bett gehen, mitten in der Nacht aufstehen.

Meinen Freunden hatte ich gesagt, dass ich das soziale Leben für eine Weile nicht wahrnehmen könnte. Mein Biorhythmus veränderte sich in absurder Weise. Ich nahm am Tag sechs bis sieben Mahlzeiten zu mir. Ich ging um neun ins Bett und stand um halb drei auf. Nach einer Woche tat es körperlich weh. Ich sagte mir immer wieder, dass ich ein Warmduscher, Waschlappen und Schlimmeres sei und andere ganz andere Dinge in ihrem Alltag zu bewältigen haben. Es half nicht.

Nach wenigen Tagen ist Kuhligk fix und fertig. Umso überraschender ist, dass er beim Austragen auf Kollegen stößt, die den Job mit immerhin einiger Leidenschaft zu machen scheinen. Die Begegnungen mit Jens und José gehören zu den rührendsten des Buches. Jens nimmt den Neuling an den ersten Tagen unter seine Fittiche. Er verdient auf 400-Euro-Basis, hat keine Freundin und schaut, wenn er nicht arbeiten muss, aus dem Netz gezogene Filme. Trotzdem kommt er einigermaßen gut aus.

Er habe, erzählte Jens, in seinem Leben nie etwas zu Ende bringen können, er sei schlau, klar, das würde ich ja allein daran erkennen, wie gut er ausgerüstet sei. Er könne diesen Job sehr gut, hoffe aber auf einen anderen. Ich fragte ihn, ob er sich auf was anderes bewerben würde, worauf er nur müde abwinkte und erzählte, dass er das gerade okay fände, die Kohle komme rein, das reiche gerade so, er brauche wenig, sei okay.

José hingegen ist Akademiker, ein ausgebildeter Biochemiker. Warum er Zeitungen austrägt, fragt ihn Kuhligk bei ihrer ersten gemeinsamen Tour. Die Antwort kommt knüppeldick: „‚Ich brauch’ Geld. Mich will keiner als Biochemiker. Ich bewerbe mich überall, keiner will mich. Die nehmen Menschen aus Asien, Spanier will keiner!‘“ Doch José bläst nicht Trübsal. Im Gegenteil. Er verliebt sich in die deutschen Frauen, arbeitet mal hier mal da, trägt Zeitungen in Berlin aus, aber auch in Stuttgart, er kocht Bolognese und lädt seinen Kollegen zu sich nach Hause ein. So unterschiedlich die beiden auch sein mögen, Jens und José eint ihr Zweckoptimismus, ihre Stärke, die kleinen Freuden, die sie sich erhalten. „Es gab Momente“, schreibt Kuhligk über seine Zeit als Zeitungsmann, „in denen fühlte ich mich, als wären wir die Könige der Straßen“. Es sind diese Episoden, diese Begegnungen mit den „Königen der Straßen“, den Beamten, den Kellnern, den Tankstellenwarten und Zeitungsausträgern, die Kuhligks Szenen wachsen lassen. Man liest, man schmunzelt, lacht und gluckst, wendet die Seite – und blättert später doch nochmal zurück. Das Große im Kleinen, Björn Kuhligk ist mit Grossraumtaxi genau das gelungen.

Björn Kuhligk
Großraumtaxi
Berliner Szenen
Verbrecher Verlag
160 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
9783957320179

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