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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Kein Nazi auf dem Hügel

Hamburg

Sie wandern eine ähnliche Route ab wie berühmte Vorgänger und sammeln wie sie Reiseeindrücke in einem Buch. Björn Kuhligk tat dies mit Jan Wagner auf den Spuren Heines im Harz (Der Wald im Zimmer) und nun unlängst gemeinsam mit Tom Schulz in Fontanes Mark Brandenburg. Der Titel heißt „Wir sind jetzt hier“. Das klingt leider so mainstreammäßig, soll wohl an Facebook: Wo bist du? erinnern oder eine gewollte Analogie zum Bestseller „Ich bin dann mal weg“ herstellen. Doch sollte dies nicht den Autoren angelastet werden, die heutzutage bei der Titelfindung nicht mehr viel zu sagen haben.

Es ist eine charmante und überzeugende Idee, die heute viel geschmähte Region Brandenburg genauer zu betrachten, den Ist-Zustand festzuhalten, den Humor, auch den gelegentlich fehlenden der „Ureinwohner“ wiederzugeben, das Nebeneinander von Verfall und Sanierung, von hässlichen Gewerbegebieten und wunderbarer Natur.

Im Vorwort „Wie alles begann“ beschreiben die beiden Wanderer die Entstehung ihrer Idee. Am Müggelsee fiel den Berlinern vor einigen Jahren auf, dass sie zwar einige Stadtbezirke von Berlin kennen, aber „hast du eine Ahnung, wie es nördlich von Spandau aussieht?“ Vier Jugendliche aus Eberswalde öffnen in unmittelbarer Nähe ihre Bierflaschen mit den Zähnen. Man kommt ins Gespräch. Wie es da so wäre in Eberswalde. Langweilig, war die Antwort: „Dit willst nich wissen, Alta!“

Doch, sie wollten es wissen. Oder jedenfalls fast, denn die beiden haben in mehr als einem Jahr in mehrere Schüben viel bereist, mit dem Auto, mit dem Rad, per Schiff und natürlich auch zu Fuß, in Eberswalde waren sie nicht. Das Havelland, das Ruppiger Land, Oder und Oderbruch, Spreewald und Fläming. Sie lernen urige Dorfkneipen kennen, die möglicherweise inzwischen geschlossen haben, sie residierten auf Schlössern, in einfachen Pensionen. Sie nahmen den Gurkenwanderweg an der Spree, besuchten das ehemalige Kernkraftwerk in Rheinsberg, erlebten Gewitter, zu viel Sonne, Regen und Schnee und feierten Silvester in der Kulturkirche in Neuruppin. Sie haben ihren Fontane dabei, auf den sie wenig Bezug nehmen, was gut ist, denn ihre „Wanderungen“ sind andere in ganz anderen Zeiten. Der Laptop wird abends geöffnet, um die Eindrücke aufzuschreiben, das Aufnahmegeräts abgehört und manches Gespräch wohl wortwörtlich wiedergeben. Einerseits hat dies den Reiz der Authentizität, andererseits hätte diesen manchmal langen und wenig aussagekräftigen Passagen eine Straffung gut getan. Da war wohl der Abstand zum Erlebten noch nicht groß genug.

Leider blieb manche Recherche im Vagen oder auf der Strecke. Auf dem Spargel- und Erlebnishof Klaistrow, wo es vor allem Kürbisse gibt, arbeiten Polen und Rumänen. „Warum keine Deutschen?“ fragen die beiden und erhalten die Antwort: „das ist halt anstrengend, das machen die Deutschen nicht“.

Auf eine Anfrage bei der Firma, die wörtlich wiedergegeben wird, gibt es eine schnelle Reaktion, dass der Geschäftsführer die Frage telefonisch beantworten würde, er hätte selbst angerufen. Das lehnten die beiden aus möglichen „Autorisierungsproblemen“ ab. Schade. Damit war diese Anfrage überflüssig und im Buch eigentlich nicht erwähnenswert. Da wir alle die bunten Rücken der Arbeiter auf den Erdbeer- und Spargelfeldern in Brandenburg und anderswo kennen, wäre es vielleicht interessant gewesen, die Antwort des Geschäftsführers zu hören, denn ziemlich sicher wäre die genauso ausgefallen wie die Antwort auf dem Erlebnishof. Das will wohl keiner lesen, dass manche Deutsche lieber ihre Stütze abholen, als sich bei allem Wetter nach Gurken und Erdbeeren zu bücken.

Nun, es ist ein Erlebnisbuch, ein leichtes sommerliches. Und schließlich ist doch bei der „Feldforschung“ der beiden Autoren ein interessantes Ergebnis unter vielen herausgekommen. Sie fragten nach den Nazis, die sich doch laut Mainstream in Brandenburg, wo sonst nichts los sein soll, tummeln. Rainald Grebe singt in seinem „Brandenburg“: "Stehn drei Nazis auf dem Hügel, finden keinen zum verprügeln“. Kuhligk/Schulz notierten: „Wir hatten uns darauf vorbereitet, mindestens zwei, drei Neonazi-Seiten schreiben zu müssen. Bisher haben wir einen halben und einen traurigen gesehen.“

Der gefragte Taxifahrer: „Nazis, nee, zum Glück!“

Am Schluss des Buches im Kapitel „Tamsel heißt Dąbroszyn“ mit dem Untertitel „Gestatten, der polnische Fontane“ nehmen sie den alten Herrn in ihre Mitte und fahren nach Polen, dem Teil, der früher zu Brandenburg gehört hat. Vor einem Schloss aber, dass Fontane in seinen Wanderungen beschrieben hat und vor allem das Adelsgeschlecht derer von Tamsel, da kommt er ihnen abhanden, der alte Preuße ist weg. „Herr Fontane ist uns in Polen verloren gegangen.“ Eine schöne Reminiszenz an den Wanderer von damals. Was den beiden neuen Wandern wunderbar gelingt, ist dem Leser die Natur nahezubringen, denn Brandenburg ist schön mit seinen vielen Seen und Wäldern, mit der Havel und dem Oderbruch, den Schlössern und Dorfkirchen. Sie widerlegen auf 270 Seiten das übliche Urteil über Brandenburg: da ist nichts los. Wenn auch für Jugendliche, diese Erfahrung geben sie zu, wirklich nicht viel los ist. Aber Fontane liest man ja auch nicht mit 17, vermutlich auch nicht - trotz des anbiedernden Titels - „Wir sind jetzt hier“.  Auf irgendetwas sollte man sich auch freuen dürfen, wenn man ein bisschen älter wird.

Björn Kuhligk · Tom Schulz
Wir sind jetzt hier
Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Mit 22 s/w-Abbildungen
Hanser Berlin
2014 · 272 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24504-4

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