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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Zwischen hier und der Fliehkraft.

Björn Kuhligk gehört zur unprätentiösen Sorte Dichter, die sich von Dingen, die es nicht gibt, fernhalten. Für den der sagt, was er sieht, existiert zum Beispiel der Himmel (zumindest tagsüber) lediglich als Quelle von Licht. Schon gar nicht muss er als metaphorischer Kuppelbau herhalten, der dabei helfen soll, die Sprache wie einen geweihten Schluck Wasser rübergeschoben zu kriegen, aus dem die semantisch beladenen Blasen aufsteigen, mittels derer das so genannte Gemeinte dann ausgedrückt wird.

Das wäre ja wie Baumschmücken, behängt und betroddelt mit Gemeintem stünde er da in der Winterluft und machte den herrlichsten und erleuchtetsten Sinn – nur wäre es einer, der nichts mit ihm, dem Textbaum selber zu tun hat. Das so genannte Gemeinte ist bei Kuhligk – und das keineswegs im Sinne von unterkomplex – identisch mit dem, was der Text hergibt, was Wort für Wort dasteht und (klar, es ist Lyrik!) ununterbrochen verweist auf etwas, das wir Wirklichkeit nennen. Für solcherart Schreibansatz wird gern die Vokabel ‚authentisch’ gebraucht, und richtig: es geht hier unverblümt und ungehobelt zur Sache. Es wird aus dem Leben genommen und lieber nicht so sehr aus dem Lektüreerlebnis.

Von der Oberfläche der Erde könnte Draufsicht nahelegen, höhere Warte. Aber es ist doch eher so, dass sich von Draufhalten sprechen ließe, und zwar (neben dem eines überklaren Kameraobjektivs) durchaus im Sinne von aufgesetztem Schuss: Kuhligk zerstört mit Vorliebe Idyllen, deren Tische er vorher seltsam ernst eingedeckt hat. Und das Ich ist mittendrin.

ERLEBNISGEDICHT AUS DEM SPREEWALD

Wir sitzen hier und trinken
Erich-Baben-Bier, der Wald, stehend
die Kanäle, das Wasser darin, jawohl
fließend, der nach Rauch und Reife
riechende Mann, der uns mit
gleichmäßigen Stößen, spaziert umher
und diese eine Libelle, jene Prachtlibelle
die mit ihrer geradezu unbehausten Zartheit
das Folkloredickicht zerstört, sie steht, das kann man
nicht anfassen, unter Realismusverdacht

Wir sitzen hier und trinken – diese erste Zeile sagt ganz unmetaphorisch etwas über Kuhligks Ansatz aus: nämlich im Gedicht davon zu reden, was einer tut. Das, was einer tut, ist sichtbar, und dieses Sichtbare unabhängig von dessen Absichten und dem, was er gerade denkt oder fühlt. Tun ist klar und deutlich wie ein gezeichneter Umriss, es äußert sich als Geste oder Pose - und die sind zunächst Grundlage des Textes. Frei nach dem Ausspruch ‚wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind’ ergibt sich Gesellschaft (das Gedicht ist fünf Berliner Dichtern gewidmet), und Gesellschaft im nicht-statistischen Sinn ist das Gegenteil von abstrakt. Im ERLEBNISGEDICHT richtet sich der Blick auf Naturdinge und bleibt vor denen selber ‚unbehaust’, d.h. als Zuschauer sitzen. (Das Motto des Kapitels, das das Gedicht enthält, stammt von Ilse Aichinger und lautet: ‚Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen … / Das gibt dann Lichtbildervorträge’.) Die von einer Libelle durchzuckte Kahnfahrt zeigt sich als nette, aber auch etwas einfältige Folklore. Letztlich hält der Blick gegenüber der Bedeutung, die die Signalworte Erlebnislyrik (unmittelbares glühendes Erleben) und Realismus (soziale Wirklichkeit) bereitstellen, ironisch Distanz. Vor einem Semantikhorizont, den andere (in diesem Fall die textwissenschaftliche Tradition) aufstellen, klappt das Gedicht lieber zusammen und setzt kanonischen Fachtermini ein bierseliges Schaukeln entgegen, das lediglich Verdachtsmomente zu artikulieren vermag.

Im Gedicht BRIEF NACH AUSTRALIEN heißt es: Daß der Himmel so aussieht / wie er aussieht, Himmel drüber // […]. Dieses ‚Himmel drüber’ muss man lesen wie ‚Strich drunter’, ‚Schwamm drüber’ oder ‚Schluss damit’: Schluss mit Spekulationen darüber, was die Vokabel ‚Himmel’ so alles hergibt oder hergeben könnte. […] die Unbedarftheit, mit der man nachts / eine lichtgeflaggte Straße beobachtet // dieses Areal ist das letzte zwischen / hier und der Fliehkraft heißt es dementsprechend weiter. Björn Kuhligk will keine höhere Erkenntnis an langen Haaren herbeiziehen. Seine Gedichte wollen sich nicht einrichten in einer lyrischen Gemütsruhe, die mithilfe von Stimmungsmalerei und Andeutungen so hübsch unbestimmt etwas sonstwie Rätselhaftes (weil Unbestimmtes) herbeisuggerieren soll. Das Aufregende bei Kuhligk ist die Art, wie er seine Wahrnehmung kompiliert: nah am Ereignis, verknappend, ungeschützt.

Der neue Gedichtband des 1975 in Berlin Geborenen ist in vier Abteilungen gegliedert, deren thematische Streuung von Landschafts- und Provinzgedichten über Großstadtlyrik bis Konsum- und Kapitalismuskritik reicht. Letztere Begrifflichkeit ist abgekaut, und es fällt schwer, sie (insbesondere für die dritte Abteilung – Motto: ‚Der Mensch verdient kein Privatleben’, Elias Canetti) zu bemühen. Gleichwohl trifft sie einen Kern, der mir auf Inhaltsebene für die Konzeption des gesamten Bandes relevant erscheint: einen Abgesang anzustimmen auf die behütete mitteleuropäische Existenz von heute, grundiert von einer aufs Wesentliche konzentrierten Resignation angesichts einer ausschließlich von merkantilen Stößen bewegten und dadurch irrsinnig reizlos gewordenen und weiter reizlos werdenden Welt.

Eine Reihe von Gedichten geben dieser in alle Ecken hinein verkehrsberuhigten (ökonomisch durchkontrollierten) und gleichzeitig hysterisch nach Kontostand geifernden Welt Ausdruck. Nicht indem sie sich entziehen, sondern das Ding beim Namen nennen: Diesen sinnfreien Raum aus Arbeitsflächen und / Kontoabhebungen und wenn wer schreit, ist es / als wäre ein Fernseher implodiert […] (MAN HÖRT DIESE ÜBERFLÜSSIGE CHORMUSIK). Enkel geben als Berufswunsch Aktenvernichter an, im Büro wird der Tag des blutigen Kollegen gefeiert und draußen wartet der Gegenwartskübel, dieses demokratische Etwas aufs lyrische Ich wie auf Teil und Anteil des Lösungsproblems. Hier wird mit beeindruckender Wucht gegen das (so gut wie) alle Lebensbereiche umspannende Kosten-Nutzen-Kalkül vorgegangen, und das mit Witz und einem erfrischenden Hang zur kalauernden Dekomposition.

Kuhligk hält auch paradoxale Knäuel bereit, wie das Gedicht DER SCHÖNE 38. SEPTEMBER, das einen möglichen Ausweg aus dem lediglich funktionale Hoffnungen erfüllenden Beziehungsgeäst diverser Oberflächen nicht ausspricht, sondern mit wegwerfender Geste zersiebt. Utopistisches blitzt durchaus herein, bleibt aber aufgerieben auf halbem Weg stecken. Diese Kunst der Aussparung dessen, was sich so gut lesen ließe, weil es (auch ex negativo) Antworten enthielte, die wir uns unter den Arm klemmen und mit zum nächsten Smalltalk schleppen könnten, gibt den Gedichten erst die richtige Stoßkraft. Auch das Motto von Karl Mickel über dem vierten Teil (der das Titelgedicht VON DER OBERFLÄCHE DER ERDE enthält: […] was sollte ich behaupten von der Schwerkraft / der Berge, von der Nachlässigkeit ganzer Gegenden), wirft einmal mehr ein Licht auf Gedichte, deren weitgehend nicht-übertragenes Sprechen um jeden die Wirklichkeit in Watte verpackenden Deutungsversuch einen Bogen macht: Die Wirklichweisen / Wenn die was sagen, sagen die: Naja.

Björn Kuhligk
Von der Oberfläche der Erde
Berlin
2009 · 71 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-827008466

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