Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Langsame Heimkehr

Hamburg

An manchen Tagen/ brauche ich ein Jahr, um die Post zu holen/ heimzukehren. (Odyssee)

In Bob Hicoks Gedichten gilt eine andere Zeitmessung als bei uns: Rehzeit nämlich. Und Rehe sind die beste Uhr, weil Zeit/ Zuckungen hat, ein nervöses Ding ist,/ das vor uns davonrennt in den Wald/ in seinen eigenen Tod. Diesen nervösen Zuckungen der Zeit setzt Hicok die Verlangsamung durch das Schreiben entgegen: Jedes Mal, wenn ich schreibe, versuche ich,/ die Welt anzuhalten, indem ich wahrnehme, wie die Welt sich bewegt. Jedes Gedicht gleicht einer Odyssee. Nicht im Sinne einer Irrfahrt, sondern im Sinne einer langsamen, stetigen Bewegung der versuchten Heimkehr. Einer Heimkehr mit Umwegen und Verzögerungen. Am Wegesrand lauern Ungeheuer und Gefahren (Zombies, Rowdys, der Krebs). Der betörende, aber tödliche Sirenengesang verlockt in den Abgrund. Das lyrische Ich begegnet diesen Hindernissen, ebenso wie der sprichwörtlich listenreiche Odysseus, mit Witz und Einfallsreichtum. Das utopische Ziel dieser Reise, die Heimkehr nach Ithaka zu Penelope und dem Sohn Telemachos gerät immer wieder in Sichtweite, um sich dann sofort wieder zu entziehen.

Während Odysseus zuletzt sein hart verdientes Ziel erreicht, bleibt Bob Hicok hingegen ein Heimkehrer, der nicht ankommt, auch nicht ankommen darf, sonst würden die Gedichte enden und nichts fürchtet er mehr: ich fürchte das, was nach dem Nadelloch passiert am Ende dieses Satzes. Mit jedem einzelnen seiner langen, elegischen Gedichte wagt Hicok sich hinaus auf die weindunkle See. Wagt die Irrfahrt durch das Gedicht, die auch unserer Irrfahrt durch das Leben entspricht. Da gibt es in den Gedichten z.B. einen Marienkäfer, der 18 Zentimeter über den Ozean des Gedichts fliegt und das lyrische Ich nennt als Ergebnis all dieser Reiseversuche: selbst wenn ich niemals/ wieder schlafe, werde ich meine Augen kaum als blutunterlaufen bezeichnen,/ sondern als satt.

Das heißt, es geht nicht so sehr um das Ziel, als um die Reise selbst und die Anreicherungen, die man durch sie gewinnt. Denn das Ende einer gelungenen Odyssee kann immer nur zurück zu ihrem Ausgangspunkt führen: zu einem selbst, verändert und reicher durch die Erfahrungen der Irrfahrt.

Der Amerikaner Bob Hicok, Jahrgang 1960, der 2008 mit dem Bobbit-Prize ausgezeichnet wurde, bringt bei von diesen Irrfahrten vor allem eins mit: besonders schöne Beobachtungen und Sprachfiguren: Regen kreuzte/ das Feld meines Nachbarn mit der Geschwindigkeit einer Million kornküssender Münder pro Sekunde. In dem 2013 zweisprachig bei luxbooks erschienen Band lernen wir in ihm einen Meister der Bilder kennen.

Gerade das schöne Gedicht läuft aber immer wieder Gefahr in Kitsch umzuschlagen. Dieser Gefahr entgeht Hicok mit einer ordentlich Prise Lakonie: und ich glaube drei Sekunden lang an Gott,/ für den Fall, dass es hilft oder tragisch-komischen Wendungen: Da ist so ein Stock,/ der mir ins Auge fiel, ich werde ihn morgen fragen,/ ob er jemals daran gedacht hat, geworfen zu werden.

Das Gedicht scheint für Hicok das letzte Refugium zu sein. Ein Ort der Rettung vor der weniger ästhetischen und wohlwollenden Wirklichkeit. Am eindrucksvollsten zeigt sich das im Gedicht Sie mein Körper in dem das lyrische Ich mit der Krebserkrankung der Frau im Badezimmer zu kämpfen hat. Ich habe keinen Grund,/ das Wort Krebs zu benutzen, während ich einen Hund streichle.// Es gibt diesen Bruchteil einer Sekunde, in dem ein Flugzeug weder fliegt/ noch auf dem Boden ist.// Ich arbeite an einer Theorie, dass niemand sterben kann/ innerhalb dieses Bruchteils einer Sekunde. Natürlich ist sich der Autor bewusst, dass diese Hoffnungen illusorisch sind. Und darum geht es ihm auch nicht. Es geht schlicht und ergreifend um den Trost, den ein Gedanke, den das Gedicht bestenfalls spenden kann. If you are comforted/ by this thought you are welcome/ to keep it. Es geht darum, für den Bruchteil einer Sekunde Erleichterung, wenn nicht sogar Erlösung zu erfahren.

Dabei scheint die Poesie den Stellenwert und die Funktion zu erhalten, den die Religion nicht mehr einnehmen kann. Surrealismus nimmt den Platz von Transzendenz ein. Als Verschiebung, als Gleiten in die Anderswelt oder auch Unterwelt. Ich wette mit mir, dass das Nächste, was nicht passiert,/ ein Mann sein wird, der in Ketten vorbeigeht./ Ein Mann, der in Ketten vorbeigeht, fragt, ob dies der Weg zum Schlosser sei./ Ich glaube ja, sage ich.

Es fällt schwer zu beurteilen, ob man dieser Art Dichtung den Vorwurf von Kunstreligion und Weltflucht in den Elfenbeinturm machen kann oder nicht. Schreiben ist für den Schriftsteller von jeher eine Möglichkeit sich die reale Welt vom Leibe zu halten. Autoren, die sich selbst mit dem Eskapismusvorwurf konfrontiert sahen, wie z.B. Peter Handke und J.R.R. Tolkien argumentierten wiederum, dass Kunst per se einen utopischen Charakter habe und erst in der Distanz zu Wirklichkeit deren Veränderung bewirken könne (Handke). Oder, dass sie eine legitime Möglichkeit zum Ausbruch aus dem tristen Wirklichkeitsgefängnis darstellt und es nur recht und billig ist, statt zu jammern mit Hilfe der Phantasie Besseres zu erträumen (Tolkien).

Hicok auf jeden Fall nimmt sich die Freiheit die Möglichkeiten der Fiktion für sich auszuschöpfen und die Regeln der realistischen Schwerkraft aufzuheben. Diese Dichtung vermag scheinbar alles: sie erweckt Puppen und Tote zum Leben, Marienkäfer treten als Textvermittler auf und einer Ameise ist mein Schuh im Weg und sie rechnet ihn/ den Ländern zu, die sie schon besucht hat. Das was Gottfried Benn verächtlich das „bewispern von Gräsern und Nüssen genannt hat“ hat sich hier auf romantisch-naive Weise erhalten. Sprachzweifel, Fragmentarismus, Erkenntniszweifel, das alles hat entweder nicht stattgefunden, oder ist überwunden. Wiederum ist es schwierig hier ein Urteil zu fällen. Sind diese Gedichte reaktionär und weltblind oder in ihrem scheinbar wieder auferstandenen Glauben an die Sprachmagie progressiv und richtungsweisend? Die Botschaft der Texte aber bleibt unumstößlich Du musst reden./ Und das Reden macht erschütternden Lärm.

Die Übersetzungen von Judith Zander sind wörtlich, galant und puristisch. Sie hält sich dabei so gut wie immer eins zu eins an die Struktur der englischen Verse und verzichtet auf jeglichen Schnickschnack. Obwohl einige Bilder in ihrer Mehrdeutigkeit natürlich leider nicht ins Deutsche übertragbar sind, gelingt es ihr dennoch den Sound und die Schönheit der Bilder einzufangen.

Bob Hicok
Umstellung auf Rehzeit
Übersetzung:
Judith Zander
Luxbooks
2013 · 140 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
9783939557470

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge