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Kritik

Träume in der letzten Straßenbahn

Eine literarische Einladung nach Instanbul

„In Beyoglu zwei Schritte weiter lebten früher die feinen Herren. Stimmen, Farben, Lichter, Dilan, nah und weit entfernt zugleich. In Beyoglu ist jeder frei, jeder kann tun, was er will.“, schreibt Jale Sancak in der Geschichte „Dilan“. Das früher als „Pera“ bezeichnete Viertel gilt heute immer noch als der „europäischste“ Teil von Istanbul und damit auch als verrufene Lasterhöhle, wo „Betrug, Hunger, Angst, Wut, Rauschgift, Pillen, Heroin“, die Runde machten und, wie Sancak weiter schreibt, „die Polizei immer auf der Lauer liegt“. Demir Özlü’s „Träume in Beyoglu“ beschreibt die Gegend um den Tünel-Platz, dem Beginn der Istiklal Caddesi, der Hauptschlagader Beyoglus, und seine Träume als Jugendlicher, wie er sich unglücklich verliebte und seine Gefühle ordnete und bald erkennen musste: „Ich fühlte, wie alles in mir zusammenbrach, und setzte meinen Weg in dem Glauben fort, mein spätes Glück sei nun für immer verloren“. Özlü’s Träume von Beyoglu werden aus einem Zimmer im dritten Stock einer von hohen Bäumen umsäumten Villa am Rand Berlins geschrieben, auch das ist Istanbul, die Diaspora und die Sehnsucht nach der Heimat und der Jugend, dem Leben wie es früher war, vor dem Exil und den Enttäuschungen des Lebens: „O glückloser Maldoror“, schreibt Özlü in Anlehnung an Lautreamont, „Die am Tünel-Platz abfahrende Straßenbahn war vielleicht die letzte, die auf dich wartete“.

Das Gefühl der Entwurzelung und Sehnsucht heißt im Türkischen „Hüzün“, auch der Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat diesem Lebensgefühl mehrere seiner Bücher gewidmet und es als typisch türkische Lebensauffassung beschrieben. Die Bezeichnung des Todesjahres der Frau von Mohammed wird als „senetul huzun“, also als „Hüzün-Jahr“ bezeichnet und macht deutlich, dass ein schmerzlicher Verlust den Begriff kennzeichnet. Pamuk betont aber, dass es heute vor allem zwei Sinnvarianten dieses Wortes gibt. Die erste führe das Auftreten von „hüzün“, also Melancholie, auf eine unverhältnismäßige Hinwendung zu Profitstreben und diesseitigen Genüssen zurück. Der Verlust dieser, würde das Gefühl des Hüzün verursachen. Die zweite Interpretation leitet Pamuk vom Sufismus her: es bedeute das Gefühl der Unzulänglichkeit, Gott nicht nahe genug zu sein und hienieden für Gott nicht genügend tun zu können. Wenn Pamuk das „Hüzün Istanbuls“ näher definiert, schreibt er: „Das seit 150 Jahren auf der Stadt lastende Gefühl permanenten Scheiterns.“

Auch Yasar Kemal nimmt sich kein Blatt vor den Mund, beschreibt die Stadt mit ihren Auswüchsen und aus der Sicht eines Streunerlebens, mit all ihren Würmern, Maden und Müllhalden, um am Ende, dem herrlichen Flug eines Adlers über der Stadt zu folgen, „mit weitgestreckten Schwingen flog er von einer Wolke hinein in die nächste, glitt über die Bosporus-Brücke, war im nächsten Augenblick über dem Leanderturm, über Fenerbahce und dem Leuchtturm von Ahirkapi, segelte von dort zur Hagia Sophia, wo er zwischen den Minaretten mit seinen im Sonnenlicht rot glänzenden Flügeln die Brust dem sanften Nordwind entgegenstreckte“. Ist die Schönheit nur aus der Distanz wahrnehmbar und nicht wenn man – wie Kemals „Streuner“ – mitten drinsteckt?

Weitere Antworten auf diese Frage geben nicht nur Ahmet Hamdi Tanpinar, der den Fisch-Fang am Bosporus beobachtet, Ilhan Berk, der den Leser in die malerisch-morbiden Gassen von Galata entführt, das ehemalige Viertel der Genueser, wo heute noch der berühmte Turm steht, von dem aus man einen unglaublichen Blick auf die Stadt hat, fast so wie der oben angesprochene Adler vielleicht. Neben Klassikern wie Yasar Kemal, Aziz Nesin, Sait Faik und Orhan Veli kommen auch jüngere Autoren wie Murathan Mungan oder Elif Shafak zu Wort.

„Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen. Im Kopf den Rausch vergangener Feste.“, schreibt Orhan Veli in ihrem lyrischen Beitrag. Und man fühlt sich bald selbst dieser Welt hier enthoben und auf einem Teppich schwebend in den Orient entführt. Istanbul ist mehr als nur das, mehr als ein Traum, mehr als „hüzün“ und mehr als sich die größten Phantasten ausmalen könnten. „Ich weiß von deinem Herzschlag. Ich höre Istanbul.“

Börte Sagaster · Manfred Heinfeldner
Istanbul
Eine literarische Einladung
Wagenbach
2008 · 144 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-803112538

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