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Kritik

Die Thirties in Braun

Die Comic-Tetralogie „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ erzählt in verhaltenen Farben von dem Überlebenskampf und den Aufstiegsträumen eines Landeis in Paris
Hamburg

Die Schwestern Blanche und Agathe, beide vom Lande, arbeiten im Paris der 1930er Jahre als Zimmermädchen. Während die lebenslustige Agathe auf abendlichen Vorstadt-Tanzveranstaltungen, den Guinguettes, flirtet, fürchtet die schüchterne Agathe um ihr Leben. Denn der Schlächter der Guinguettes, ein Serienmörder, geht um. Man ahnt schon: Nicht lange, da wird Blanche Zeugin der Ermordung ihrer eigenen Schwester. Und weil Blanche nicht an den von den Behörden proklamierten Selbstmord ihrer Schwester glaubt und auf eigene Faust Recherchen anstellt, verschlägt es sie in vollem Wind als Edel-Prostituierte in die halbseidene Welt der Bordelle und der verbrecherischen Laster der Haute-Volée aus Adel und Politik.

Autor Hubert (Hubert Boulard, Jahrgang 1971), ursprünglich bildender Konzept-Künstler, der auch die Kolorierung verantwortet und mehrfach als Szenarist krude-schwarzhumoriger bzw. historisierender Bildgeschichten hervorgetreten ist, bedient sich hier reichlich am Story-Fundus der 30er-Jahre: als da sind der (Düsseldorfer) Massenmörder Kürten oder der letzte in Paris durch das Fallbeil hingerichtete Frauenmörder Eugen Weidmann, da sind die Aufstiegsträume und Überlebenskämpfe aller Pariser Spätzchen, ob sie nun sangen, putzten oder anderem Gewerbe nachgingen. Die spielerische Lust am Sensationslüsternen wie aus Groschenromanen klingt schon in den vier in einem Band nun versammelten Titeln an: „Die Jungfrau im Freudenhaus“ - „Blut an den Händen“ - „Der Märchenprinz“ - „Bis dass der Tod uns scheidet“.

Blick ins Buch

Stilistisch nutzen die Zeichner unter dem Pseudonym Kerascoët (das Duo besteht aus Marie Pommepuy, die mit dem Comicband „Jenseits“ bereits das Umschlagen vom rosablauen Idyll ins Entsetzen gestaltet hat, und Sébastien Cosset) einen skizzenhaft-hingeworfenen Stil á la Jonathan Sfar. Karikaturhaft wirken Körper, Gesten und Mimik, die Bildkompositionen indizieren Unsicherheit und Unrast der damaligen Jugend. Die Kolorierung von Hubert hält sich an die historisch-fahlen Farben der 30er-Jahre: Die seltenen euphorischen Momente der Geschichte von Blanche werden dominiert von skeptisch-verhaltenem Kolorit; da ist viel Schatten, Gelb und Grün haben stets einen Stich ins Ocker, das Blau  verheißt, meist diffuses Graublau oder wenig freudig überzeugendes Hellblau,  ernüchternde Entwicklungen; die einzig wirklich bekennende Farbe ist Rot, zugleich die Puff-Farbe, gellend und falsch.

Hoffnung, wann auch immer sie in Blanche aufkeimt, wird da so traurig wie zuverlässig böse unterlaufen. Nicht dem Begehren des Traumprinz-Verlobten, natürlich nicht der Schwiegermama und noch weniger der eigenen Mutter ist zu trauen.

Doch wie rettet sich das Herz, das gute, aus solcher Unbill und Schmach, und bleibt es rein? Nun ja, die Keuschheit verliert Blanche nicht mal im Bordell und auch nicht mit dem Verlobten. Blanche bleibt unbefleckt, endet aber in klösterlichem Braun und Schwarz, den Farben der ehrbaren Arbeiter der 30er, ihre Träume grau geschattet; die Frau Mutter fährt in bunten Farben und mit Klunkern versehen nach Río.

Boulard · Kerascoët
Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An
Gesamtausgabe
Aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Dirk Rehm
Reprodukt
2016 · 224 Seiten · 39,00 Euro
ISBN:
978-3-95640-072-8

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